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»Wir müssen experimentierfreudiger und verlässlicher sein«

Die ARD-Vorsitzende Karola Wille hat sich bei einer Veranstaltung des Grimme-Instituts zum Stellenwert des langen Dokumentarfilms im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekannt. In der Deutschen Kinemathek nahm sie an einer Debatte zum Langen Dokumentarfilm teil. Ein Bericht von Manfred Hattendorf, dem ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzenden des Hauses des Dokumentarfilms und Leiter der Abteilung Film und Planung beim Südwestrundfunk.

Fotomontage mit »Geschlossene Gesellschaft«, »More Than Honey«, Grimme-Institut © HDF, SWR, zero one, Grimme-Institut

Die »Stuttgarter Erklärung« von zehn renommierten Dokumentarfilmern anlässlich der Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises im Sommer 2017 hat das SWR Doku Festival noch lange nach seiner ersten Ausgabe im Gespräch gehalten. Hatten die Filmemacher sich doch an dieser exponierten Stelle darüber beschwert, dass sie für ihre Arbeit zu schlecht bezahlt würden, ihre Filme im ZDF so gut wie gar nicht vorkämen und in der ARD in der Sommerpause einer Talk Show im Programm des Ersten eher versteckt würden.

Es gibt also Gesprächsbedarf zwischen den Regisseur*innen, ihren Verbänden und den Sendern. Das Grimme-Institut hat diesen Impuls aufgegriffen und am 6. Dezember in Berlin die Branche zu einer Debatte um den Langen Dokumentarfilm in die Deutsche Kinemathek nach Berlin eingeladen.

Dem Ruf der Branche danach, den langen Dokumentarfilm besser ins Schaufenster zu stellen, wurde die Veranstaltung dadurch gerecht, dass zu Beginn der mit dem Grimme-Preis 2012 ausgezeichnete SWR-Dokumentarfilm »Offene Gesellschaft« von Luzia Schmidt und Regina Schilling in voller Länge gezeigt wurde. Eine wesentliche Qualität des Langen Dokumentarfilms stellte dieser Film dabei gleich zu Beginn eindrucksvoll unter Beweis: Der mal künstlerischer, mal journalistischer geprägte Autoren-Dokumentarfilm zeigt tiefere Zusammenhänge auf und hebt sich von der aktuellen Berichterstattung deutlich ab. Der Dokumentarfilm über den lange tot geschwiegenen systematischen Missbrauch an der progressiven Odenwaldschule ist im Zusammenhang der derzeitigen Sexismus-Skandale und der #me too-Debatte von beklemmender Aktualität.

In der von Klaudia Wick moderierten Diskussionsrunde trafen dann u.a. die ARD-Vorsitzende Karola Wille, der ARD-Chefredakteur Rainald Becker, der ZDF-Hauptabteilungsleiter Peter Arens sowie die Filmemacherin Regina Schilling und David Bernet aufeinander. Für den nötigen Pfeffer in der Diskussion sorgte der Kritiker und langjährige Grimme-Juror Fritz Wolf. »More Than Honey«, einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme der letzten fünf Jahre, wäre aus seiner Sicht ein Film für eine Platzierung in der Primetime des Ersten gewesen. »Fehlt es in den Sendern an Kompetenz oder am Willen, Filme auf ihre Primetime-Tauglichkeit zu prüfen?«, stichelte Wolf provokant.

»Manchmal fehlt uns der Mut zum Experiment«, konstatierte Karola Wille, während Becker betonte: »Die Kompetenz ist da.« Der SWR-Dokumentarfilm über Boris Becker sollte um 20.15 Uhr im Ersten gesendet werden, doch dann platzten die Jamaika-Sondierungsgespräche. Auch in der zweiten Primetime hatte »Boris Becker« eine sehr gute Quote ebenso wie bei seiner Wiederholung um 20.15 Uhr im SWR Fernsehen zwei Tage später. Und auch der ARTE-Dokumentarfilm »Das System Milch« erreichte am Dienstags-Themenabend um 20.15 Uhr auf ARTE sehr viele Zuschauer. »Bimbes«, der am letzten Montag im Ersten gesendete SWR-Dokumentarfilm von Stephan Lamby über Helmut Kohl wäre wohl auch ein Fall für eine mögliche Primetime-Platzierung im Ersten gewesen, konstatierte Becker, der zugleich versprach, dass das Erste im kommenden Jahr auch mit Dokus um 20.15 Uhr und nachfolgenden Talkformaten Themen setzen wolle – »allerdings nicht mit langen Dokumentarfilmen.«

»Wir müssen experimentierfreudiger und verlässlicher sein«, kam Karola Wille den zahlreich vertretenen Dokumentarfilm-Produzent*innen und Regisseur*innen im Publikum entgegen. Peter Arens verwies darauf, dass es für die Doku-Reihe »37 Grad« im ZDF nach dem Heute Journal verlässlich mehr Zuschauer*innen gibt als um 20.15 Uhr – davon habe man sich im ZDF bei einem entsprechenden Test überzeugt.

 

Nicht nur analog diskutieren: Mediatheken und das Geld

»Wir diskutieren analog« – Karola Wille machte darauf aufmerksam, dass die Mediatheken für die Nutzung des Langen Dokumentarfilms eine entscheidende Rolle spielen. »Wir müssen die Produktionen im Netz ins Schaufenster stellen.« Allerdings müsse sich die ARD die Kritik gefallen lassen, Nachholbedarf beim verlässlichen Beginn der Ausstrahlung der 12 bis 16 Langen Dokumentarfilme im Ersten um 22.45 Uhr zu haben. David Bernet, der für den vom SWR koproduzierten Dokumentarfilm »Democracy – im Rausch der Daten« mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis 2017 ausgezeichnet worden war, machte klar: »Wir wollen mit unseren Dokumentarfilmen zum Publikum. Das geht im Netz aber nicht gratis.«

Zum Streitpunkt Geld nahm Karola Wille konstruktiv Stellung. Nach zwei ARD-Programmwerkstätten mit Vertretern der Sender und der Branche sei man in Sachen Kalkulationsrealismus bei Auftragsproduktionen entscheidend weiter gekommen. Nun gelte es, sich über die Koproduktionen zu unterhalten, die von der Selbstverpflichtung der ARD bislang nicht erfasst würden.

Neben einer fairen Bezahlung wurde die Frage nach Wertschätzung und Anerkennung der Dokumentarfilmschaffenden durch die Sender zu einem Streitpunkt auf der Bühne. Regina Schilling berichtete aus ihrer Arbeit für einen Verlag: Dort sei es selbstverständlich, Nischenprodukte »des Ruhm und der Ehre wegen« zu machen und als solche zu feiern.

Den zahlreich erschienenen Redakteur*innen aus den Sendern, die nicht auf dem Podium saßen, bescheinigte der Produzent Thomas Kufus, dass sie als kompetente Ermöglicher und verlässliche Partner bei so schwierigen Projekten wie »Beuys«, »More Than Honey« oder hybriden Projekten zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm eine entscheidende Rolle für die Dokumentarfilmbranche spielen.


zero-one-Produzent Kufus fordert mehr Flexibilität 

Thomas Kufus war es auch, der zum Abschluss eine Idee artikulierte, die von der Deutschen Filmakademie mit wichtigen Dokumentarfilmredaktionen diskutiert wird: Bei journalistisch brisanten, der politischen Aktualität verpflichteten Dokumentarfilmprojekten wie »Citizen Four« sei es wünschenswert, mit der Filmförderanstalt FFA, Sendern und Verleihern künftig neue Verwertungs- und Ausstrahlungsmodelle zu entwickeln. Einen Film über den Wahlkampf von Peter Gauland z.B. könnte man so idealerweise zum passenden Anlass eine Woche im Kino spielen, dann im Ersten ausstrahlen und ohne sofortige Mediatheksnutzung weiter im Kino verwerten, bis der Film zu einem späteren Termin für die Sender und die Mediatheksnutzung frei wird. Solche flexible Modelle könnten in bestimmten Fällen die derzeitigen starren Kinosperrfristen teilweise ersetzen.

Auch wenn es bei der Veranstaltung in Berlin mangels SWR-Beteiligung niemand auf dem Podium sagte: Ohne den SWR gäbe es den Sendeplatz des Langen Dokumentarfilms schon lange nicht mehr. Denn der SWR ist der größte Produzent von Dokumentarfilmen im Ersten und damit schon seit Jahrzehnten Garant und größter Förderer des Dokumentarischen. Auch das Haus des Dokumentarfilms ist aus diesem Engagement des SWR hervorgegangen, sowie der Deutsche Dokumentarfilmpreis und zuletzt des SWR Doku Festival.

(Manfred Hattendorf)

Hinweis der Redaktion zur journalistischen Offenlegung: Der Autor ist Abteilungsleiter des Südwestrundfunks und seit 2012 ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender des Hauses des Dokumentarfilms. Der hier veröffentlichte Bericht wird auch im Intranet des Südwestrundfunks erscheinen. Der SWR ist Ausrichter des eingangs erwähnten SWR Doku Festivals und vergibt gemeinsam mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg den erwähnten Deutschen Dokumentarfilmpreis.

Nachtrag:

Tags: DOK News

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