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Berlinale 2018 dokumentarisch (2): Das Kino lügt, der Sport nicht

Im zweiten Überblick zu den spannenden dokumentarischen Entdeckungen der Berlinale 2018 schildert unser Autor Kay Hoffmann Schockmomente beim Publikum, entdeckt philosophische Parallelen zwischen Film und Tennis und beobachtet die Observation der Jugend. Was hat das wiederum alles mit Charlie Chaplin, Jean-Luc Godard und dem Tennisspieler John McEnroe zu tun? Mehr dazu in den Kurzkritiken zu den Dokumentarfilmen »Young Solitude«, »Ceres«, »Die Reise in die ausgeräucherten Städte« und »In the Realm of Perfection«.

Ausschnitt Berlinale-Plakat 2018 © Int. Filmfestspiele Berlin / Velvet Creative Office

Ausschnitt Berlinale-Plakat 2018 © Int. Filmfestspiele Berlin / Velvet Creative Office

 

Berlinale 2018 · Der dokumentarische Rückblick

Berlinale 2018: Die Preisträger im Dokumentarfilm (3)

Berlinale 2018: Die Preisträger im Dokumentarfilm (2)

Berlinale 2018: Die Preisträger im Dokumentarfilm (1)


Berlinale 2018 dokumentarisch (5): 1968 und die Folgen, frühe Expeditionsfilme

Berlinale 2018 dokumentarisch (4): Geschlossene Gesellschaften, Kampf um Identität

Berlinale 2018 dokumentarisch (3): Von der Gegenwart der Vergangenheit

Berlinale 2018 dokumentarisch (2): Das Kino lügt, der Sport nicht

Berlinale 2018 dokumentarisch (1): Von Relevanz, Vielfalt, Experimenten


 

Berlinale dokumentarisch: »Young Solitude«

Szene aus »Premières solitudes / Young Solitude« © Sophie Dulac ProductionsJunge Leute sind immer interessant für den Dokumentarfilm. Sie gelten als verschlossen und wollen ihren Eltern keineswegs ihre Gefühle preisgeben - vor allem in der Pubertät nicht. Wenn man sie zum Sprechen bringt, dann können sie immer wieder durch ihre schlauen Reflektionen über das Leben, ihre Einsamkeit und Zukunftswünsche überraschen. Dies ist der Regisseurin Claire Simon auf einmalige Weise gelungen, die in ihrem Film »Young Solitude« (Premières Solitudes) eine Literatur-Klasse in einem Vorort von Paris porträtiert. Aber es geht nicht um Schule und Unterricht, sondern die Schülerinnen - es gibt nur zwei Jungs in der Klasse - interviewen sich gegenseitig. Die Schule bietet die Chance eines öffentlichen Raumes und eine Plattform für diesen Austausch. Dabei sprechen sie offen ihre zerrütteten Familienverhältnisse an, ihre Probleme und Hoffnungen. Viele der Teenager haben einen Migrationshintergrund, die meisten Eltern sind geschieden. Diese Offenheit gelang ihr, da sie mit dieser Klasse bereits zwei kürzere Filme gedreht hatte. Dann wollte sie mit ihnen eigentlich einen Spielfilm machen, aber die Schülerinnen wollten diesen Dokumentarfilm über sich machen. Es war eine Low-Budget-Produktion und das meiste des Geldes floß in die Lizenzrechte für die Musik und einen kurzen Ausschnitt aus einem Charlie-Chaplin-Film. Nicht von ungefähr ein Boxkampf, denn die Mädchen scheinen durch diese Dreharbeiten zu lernen, sich im Leben durchzuboxen. Viele haben den Traum einer netten Familie mit Kindern, die sie selbst nicht hatten. Am Wochenende fahren sie gerne nach Paris, wo einige von ihnen vorher gewohnt haben. Es ist ihr Sehnsuchtsort geblieben.


Berlinale dokumentarisch: »Ceres«

Szene aus »Ceres« © Diplodokus / Timothy Josha WennekesEine vergleichsweise heile Welt zeigt der holländische Jugendfilm »Ceres« von Janet van den Brand. Sie begleitet vier Jugendliche auf dem Lande, die eng mit den Bauernhöfen ihrer Eltern verbunden sind. Die meisten wollen ihn übernehmen. Selbst ihre Spiele in der Freizeit kreisen um die Landwirtschaft und die Traktoren. Die Interviews aus dem Off beweisen ebenfalls eine gewisse Abgeklärtheit und fast schon Lebensweisheit, beispielsweise die Schwierigkeiten des Abschieds von den großgezogenen Ferkeln. Die Regisseurin begleitet sie einen Jahreszyklus vom Winter, dem Aussähen, bis zur Ernte im Herbst. Viele der Eltern haben einen Viehbestand (Kühe, Schweine, Schafe, Hühner), wobei es natürlich auch um Abschied, Tod und das Schlachten geht. Dass dies die Kindern aus der Stadt doch sehr beschäftigt, zeigten die zahlreichen Fragen im Anschluss an die Vorführung im großen Zoo-Palast in der Sektion Generation KPlus. Gerade von den Jagd- und Schlachtszenen waren sie ziemlich erschüttert und fragten nach, wie es den Bauernkindern damit ginge oder wo der Tierschutz bleibe. Den Kindern und Jugendlichen in den Städten den Alltag auf dem Land zu zeigen, ist das erklärte Ziel der Regisseurin. Dies hat sie auf jeden Fall erreicht, wobei sie wie schön erwähnt eher ein heiles Bild des Lebens auf dem Lande zeichnet.


Berlinale dokumentarisch: »Die Reise in die ausgeräucherten Städte«

Szene aus »Viaje a los Pueblos Fumigados« © Cinesur s.a.Ein ganz anderes Bild zeigt der argentinische Altmeister Fernando E. Solanas in seinem Film »Die Reise in die ausgeräucherten Städte« (Viaje a los pueblos fumigados). Internationale Konzerne rauben den Einheimischen ihr Land, brandroden die Wälder und bauen Monokulturen an. Schon dies wäre genug Grund sich aufzuregen. Aber Solanas Reise ins Herz der Dunkelheit geht noch wesentlich tiefer. Die Monokulturen werden mit Dünger und Pflanzenschutzmittel vergiftet ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Selbst über Schulen und spielenden KIndern wird das Gift entladen. Die Menschen werden regelrecht vergiftet, haben darunter zu leiden mit Lungenerkrankungen, Krebs sowie mit mißgebildeten Neugeborenen. Obwohl medizinisch erwiesen, sehen die internationalen Konzerne keinen direkten Zusammenhang mit ihren Giften. Über die Lebensmittel und Flüße gelangen die Gifte auch in die Städte. Solanas bietet ein verheerendes Bild der Zustände in Argentinien, wobei es in anderen Ländern ja vergleichbar zugeht. Doch er will das Publikum nicht ohne Hoffnung lassen. So zeigt er die zahlreichen und wachsenden Proteste gegen diese furchtbaren Entwicklungen und sieht den ökologischen Anbau im Kleinen als wichtige Alternative zu industriellen Landwirtschaft.

 

Berlinale dokumentarisch: »In the Realm of Perfection«

Szene aus »In the Realm of Perfection« © UFO ProductionEin eher kurioser Found-Footage-Film ist »In the Realm of Perfection« (L'Empire de la perfection) von Julien Faraut. Vordergründig geht es um den Tennisstar John McEnroe, der in den 1980er Jahren zu den erfolgreichsten Tennisspielern der Welt gehört und bis heute die meisten Titel gewonnen hat. Deshalb war er interessant für das französische Sport-Institut, dessen Leiter wie McEnroe ebenso besessen war von der Perfektion. Sie versuchten schon in den 1960er Jahren Lehrfilme zu verschiedenen Sportarten in 16 mm zu drehen. Beim Tennis stellten sie fest, dass die Praxis ganz anders aussah als ihre nachgestellten Sequenzen, die heute unfreiwillig komisch wirken. Deshalb starteten sie mit Porträts verschiedener erfolgreicher Tennisspieler und begleiteten auch McEnroe über Jahre. Der Regisseur arbeitet in dem Sport-Institut und stieß auf dieses einmalige Material. Deshalb kam die Idee auf, einen Dokumentarfilm damit zu produzieren. Denn bisher konnte man Tennis entweder Live auf dem Court erleben oder in den Live-Übertragungen des Fernsehens, aber noch nie im Kino. Er erkannte, dass die Qualitäten von McEnroe auf dem Tennisplatz lagen und interessierte sich deshalb überhaupt nicht für den Mensch dahinter. Deshalb wirkt der Film für einen Tennis-Laien auf Dauer doch sehr ermüdend, selbst wenn der Star mit seinen Allüren und Wutausfällen auf dem Platz durchaus unterhaltend sein konnte. Unterlegt ist der Film mit zum Teil provozierender Musik und philosophischen Ausführungen wie Godards Feststellung: Das Kino lügt, der Sport nicht.

(Kay Hoffmann)

Tags: Berlinale DOK

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