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Berlinale 2018 dokumentarisch (3): Von der Gegenwart der Vergangenheit

In seinem dritten Überblick zu sehenswerten Filmen hat unser Berlinale-Autor Kay Hoffmann einen heißen Kandidaten auf den Glashütte-Dokumentarfilmpreis gesehen: Markus Imhoofs »Eldorado«. Außerdem beschreibt er in Kurzkritiken seine Sicht zu »Den' Pobedy«, »The Best Thing you can do with your Life« und den in einer Weimar-Retrospektive gezeigten Film »Menschen im Busch« von 1930. Die Sieger eines Drehbuchpreises und neue NRW-Stipendien werden ebenfalls vorgestellt.

Ausschnitt Berlinale-Plakat 2018 © Int. Filmfestspiele Berlin / Velvet Creative Office

Ausschnitt Berlinale-Plakat 2018 © Int. Filmfestspiele Berlin / Velvet Creative Office

Die Spannung steigt: welcher Film kann den zum zweiten Mal ausgelobten Glashütte-Dokumentarfilmpreis und die 50.000 Euro Preisgeld einstreichen? Die Dokumentarfilm.info-Redaktion aus dem Haus des Dokumentarfilms hat weitere Kandidaten gesichtet und stellt diese vor.

 

Berlinale 2018 · Der dokumentarische Rückblick

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Berlinale dokumentarisch: Eldorado

Szene aus »Eldorado« © zero one filmDer für mich stärkste Film, der für den Glashütte-Preis nominiert ist, ist nach meiner bisherigen Einschätzung »Eldorado« von Markus Imhoof, der im Internationalen Wettbewerb läuft. Wie schon bei seinem Erfolgsfilm »More than Honey«, den er ebenfalls mit dem Produzenten Thomas Kufus (zero one film) drehte, verknüpft der Schweizer Filmemacher ein globales Thema mit einer sehr persönlichen Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs nahm seine Familie, durch das Rote Kreuz vermittelt, eine junge Italienerin auf, deren Familie ausgebombt und deren Vater gestorben war. Dass es sich dabei um keine rein humanitäre Maßnahme handelte, sondern um einen Deal der Schweiz, damit einige Juden gerettet werden konnten, fand Imhoof erst später heraus. Giovanna wurde nach Italien zurückgeschickt, wurde krank und starb 1950. Aber ihr Schicksal zeigt, dass das Thema Flüchtlinge eine lange Geschichte hat. Er lässt auch nicht unerwähnt, dass im 19. Jahrhundert Schweizer aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland, vor allem in die USA, geschickt wurden bzw. flüchteten. Jetzt begibt er sich auf das Mittelmeer und zeigt die vorbildlichen Rettungsaktionen der italienischen Marine. Er ist nah dran und seine Bilder berühren stark, wenn sie die Flüchtenden von voll gestopften Booten retten. Obwohl er die Flüchtlinge als Einzelpersonen nicht in den Mittelpunkt stellt, fühlt man mit ihnen. Zusammen zahlen sie Millionen an Schlepper, um ihre Hoffnungen nach einem besseren Leben zu erfüllen.

Doch Imhoof geht weiter. Er folgt ihnen in die Aufnahmelager. Wird ihr Asylantrag abgelehnt, schlagen sich viele als Schwarzarbeiter in der Landwirtschaft durch, um ihren Familien in Afrika Geld zurückzuschicken. »Eldorado« enttarnt die mafiösen Strukturen und den darin beinhalteten Irrsinn. Die Afrikaner ernten unter erbärmlichen Bedingungen Tomaten. Die Dosentomaten werden von der EU subventioniert nach Afrika geliefert, wo die zurückgebliebenen Familien sie mit dem Geld der Geflüchteten kaufen. So verdient letztlich Europa am Elend der Flüchtlinge, die wie Sklaven ausgebeutet werden. Außerdem werden so der afrikanischen Landwirtschaft die Verkaufspreise kaputt gemacht. Ähnlich geht es einem Afrikaner, der freiwillig aus der Schweiz zurück geht. Mit der Heimkehr-Prämie der Schweizer von 3000 Franken kauft er sich Kühe, muss aber auch dort mit der europäischen Überproduktion konkurrieren. Von daher gelingt es Imhoof wieder, vom Kleinen auf das Große zu kommen und schwierige Zusammenhänge deutlich zu machen.

 

Berlinale dokumentarisch: »Den' Pobedy«

Szenen aus »Den' Pobedy« © Imperativ FilmSergei Loznitsa hat sich darauf spezialisiert, in ruhigen, langen Einstellungen Orte zu porträtieren, die an Geschichte erinnern. Diese Methode hat er zur Perfektion entwickelt. Für seinen Film »Den' Pobedy« (Victory Day) ist dies das Sowjetische Ehrenmal in Berlin Treptow. Rund 7000 Sodaten der Roten Armee fielen beim Sturm auf Berlin. Sie sind dort beerdigt. Jedes Jahr am 9. Mai wird dort der Tag des Sieges gefeiert. Menschengruppen flanieren, bilden Gruppen, lassen sich fotografieren, tanzen und singen. Darunter viele mit historischer russischer Uniform, Motorradclubs mit ihrer Kutte und zumindest ein entsprechendes Käppie oder Orden an der Brust. Selbst Kinder werden in die Uniformen gesteckt. Viele schwenken Fahnen und halten gerahmte Bilder der Soldaten. Für Deutsche ist dies ein einmaliges Schauspiel. Es ist eine kuriose Mischung aus Erinnerung, Patriotismus, Volksfest und Ausgelassenheit, die Loznitsa einfängt. Sehr kunstvoll hat er die Töne und Musik kompiliert. Manchmal hört man ein Gespräch quasi im Hintergrund, sieht aber nicht die Akteure, in anderen Sequenzen zeigt er die Sprechenden auch im Bild. Zu hören sind zahlreiche russische Balladen, die dem ganzen Film einen nostaglischen Touch geben.

 

Berlinale dokumentarisch: »The Best Thing you can do with your Life«

Szene aus »The Best Thing you can do with your Life« © Bruno Santamaría Razo»The Best Thing you can do with your Life« von Zita Erffa ist ihr Abschlussfilm an der HFF München und zeigt eine besondere Art der Hingabe. Gleich zu Beginn sagt die Regisserurin aus dem Off, dass sie eigentlich nie einen persönlichen Film über die eigene Familie machen wollte. Vor acht Jahren sagte ihr Bruder László, er werde nie zu den Legionären Christi gehen und tat es dann doch. Sie hatten lange kaum Kontakt und die Dreharbeiten für ihren Film boten nun zwei Wochen lang die Chance einer Annäherung. Sie besucht ihn im Kloster in Conneticut. Wobei letztlich doch vieles um Unklaren bleibt, gerade was diese katholische Kongregation betrifft, die sich als geistliche Miliz und Elite der Kirche sieht.

Es gab immer wieder Vorwürfe des sexuellen Mißbrauchs. Ihr Kommentar im Film ist: Das könne man googeln. Aber auch das Verhältnis der Regisseurin zu ihrer Familie und dem Glauben bleibt leider ziemlich im Dunkeln. So ist die Familie adelig und sie bemerkt, dass ihr Bruder auf das »von« verzichtet hat; aber auch sie verzichtet darauf. Die Familie selbst ist streng katholisch und schickte ihre Kinder auf Feriencamps unter anderem der Legionäre Christi. Von daher war es angelegt, dass er sich dieser Gruppe anschließt. Er scheint dort durchaus glücklich zu sein und erläutert seiner Schwester am Ende in einem intimen Gespräch seine Beweggründe, warum er diesen Schritt gegangen ist. Es ist eher erstaunlich, dass sie so auf Distanz zu ihm gegangen ist, denn auch ihre beste Freundin schloss sich einem Orden an.

 

Berlinale dokumentarisch: »Menschen im Busch«

Szene aus »Menschen im Busch« © Deutsche Kinemathek»Menschen im Busch« (1930) von Friedrich Dalsheim und Gulla Pfeffer ist ebenfalls eine Reise in unbekannte Welten, nämlich nach Togo in eine ehemalige deutsche Kolonie. Der Film wurde im Rahmen der Retrospektive zum Kino der Weimarer Republik gezeigt. Das Ziel dieser ethnografischen Studie war nicht, in erster Linie einen Exotismus zu bedienen, sondern einen Stamm und seinen Alltag im Inneren Togos dokumentarisch zu begleiten. Der Film entstand im Umbruch vom Stumm- zum Tonfilm und wurde noch ohne Tonspur gedreht. In Berlin wurde er dann mit Hilfe von hier lebenden Afrikanern vertont und für die Musik Instrumente aus dem Ethnologischen Museum aktiviert, wie Gerlinde Waz von der Deutschen Kinemathek in ihrer Einführung erläuterte. Gerade im Hinblick auf seine Produktionsbedingungen ist der Film sehr spannend, da er versucht, den Afrikanern eine Stimme zu geben und den Alltag aus ihrer Sicht zu schildern.

 

MFG Filmförderung vergibt Drehbuchpreis

Bereits zum 20. Mal vergab die MFG Filmförderung während der Berlinale den mit 20.000 Euro dotierten Thomas Strittmatter Drehbuchpreis. In diesem Jahr gewann das Autorenteam Gabriele Simon und Finn-Ole Heinrich für das Drehbuch »Räuberhände«. Aus vierzig Einreichungen, die von der Jury anonymisiert gelesen wurden, wurden diesmal drei weitere Drehbücher nominiert, was mit 2.500 € dotiert ist. MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen betonte, wie präsent in diesem Jahr von der MFG geförderte Filme auf der Berlinale sind; allein zwei konkurrieren im Wettbewerb. Er erwähnte auch, dass die MFG nun eine faire Bezahlung und soziale Nachhaltigkeit in ihre Förderrichtlinien aufgenomen habe. Den Anstoss hierfür gab nicht zuletzt die Stuttgarter Erklärung der Nominierten des Deutschen Dokumentarfilmpreises beim SWR Doku Festival im Sommer 2017. Damals machten die Filmemacherinnen und -macher deutlich, unter welch schwierigen Bedingungen heute Dokumentarfilme entstehen.

 

Filmbüro NRW vergibt Stipendien

Beim Berlinale-Frühstück des Filmbüro NRW konnte der neue Vorsitzende Torsten Reglin verkünden, dass es in NRW nun zwei Stipendien für die Stoffentwicklung künstlerische Projekte geben wird. Im Filmbereich habe es im Vergleich zu anderen Künstlerförderungen einen Nachholbedarf gegeben. Dies habe das Kulturministerium erkannt und die Stipendien zusammen mit der nordrhein-westfälischen Filmszene entwickelt. Die Stipendien werden für künstlerische Spiel- und Dokumentarfilme sechs Monate lang gewährt und sind mit je 9000 Euro ausgestattet. Sie beinhalten eine monatliche Unterstützung von 1500 Euro, einen Festivalbesuch sowie Sach- und Reisekosten. Außerdem gibt es Entwicklungsstipendium für den künstlerischen Dokumentarfilm mit der Zielgruppe Kinder oder Jugendliche. Die Stipendien werden voraussichtlich im Frühjahr 2018 ausgeschrieben. Die Projektleitung für die Organisation beider Stipendien soll durch das Filmbüro NW in Kooperation mit doxs!/Duisburger Filmwoche erfolgen.

(Kay Hoffmann)

 

Tags: Berlinale DOK

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