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Berlinale V

Berlinale und Dokumentarfilm V

Mit verschiedenen Formen des zivilen Ungehorsams beschäftigten sich die drei Filme »Espero tua (re) volta«, »Shooting the Mafia« und »Die Grube«, die alle drei von Regisseurinnen gedreht wurden. Kay Hoffmann fasst seine Eindrücke zusammen.

 Espero tua 1 Foto Bruno Miranda

Szene aus: »Espero Tua (Re)Volta« | Foto: Eliza Capai

In Brasilien wollte die Regierung bei einer sogenannten Bildungsreform fast hundert Schulen schließen – vor allem in ärmeren Vierteln. Dagegen gingen Schülerinnen und Schüler auf die Straße bzw. besetzten die Schulen. »Espero tua (re) volta« von Eliza Capai ist ein dynamischer Film über diese Proteste, der ganz parteiisch aus der Sicht der Demonstranten erzählt. Es wird die Vorgeschichte ebenso gezeigt wie die Zuspitzung und zunehmende Brutalisierung der Polizei bei der Niederwerfung der Proteste. Zunächst haben die Schüler damit Erfolg und die Schließung der Schulen wird zurück genommen. Es ist das Bild einer rebellischen Jugend, die bereit ist, für ihre Ideen zu kämpfen und dabei originelle Formen des Protesten einzusetzen. Doch dann gibt es Rückschläge und Ende 2018 wird ein rechtsradikalen Präsident gewählt, der solchen zivilen Ungehorsam sofort verbietet und mit Schusswaffengebrauch unterdrücken will. Bisher wurde nur teures Tränengas eingesetzt. Mit den Kosten dafür hätte man hunderttausende von Schulessen finanzieren können. Es ist ein richtiger Bewegungsfilm, der mit seinen Bildern, seinem dynamischen Schnitt und Sounddesign Emotionen für die Sache der Schüler weckt. Dies macht ihn zu einem sehr starken Film und aussichtsreichen Kandidaten für den Glashüttepreis. 

 Shooting the Mafia Shoba Lunar Pictures

Szene aus: »Shooting the Mafia« | Foto: Shoba Lunar Pictures

Dafür leider nicht nominiert ist »Shooting the Mafia« von Kim Longinotto, für mich einer der stärksten Dokumentarfilme der diesjährigen Berlinale. Porträtiert wird die italienische Fotografin Letitia Battaglia, die sich international einen Namen gemacht hat mit ihren beeindruckenden Fotos von den Opfern der Mafia. Dem Film gelingt es, über das persönliche Leben der Fotografin hinaus ein Bild der sizilianischen Gesellschaft zu zeichnen und letztlich ihrem Aufbegehren gegen die kriminellen Machenschaften nach der Ermordung des Mafiajägers Giovanni  Falcone 1992. Für diese vierminütige Sequenz wurden Bilder aus rund 20 Produktionen zu einer der wirkungsvollsten und berührensten Momente des Films kompiliert. Die Archivrecherche für diese Produktion war enorm, wobei die Fotos von Letitia Battaglia die Situation oft wie mit einem Brennglas fokussieren und auf den Punkt bringen. In der spannenden Diskussion wies die Fotografin darauf hin, dass sich die Mafia ebenso wie andere kriminelle Syndikate heute anders und vor allem global auftreten würden. Umso wichtiger sei ein solcher Film. 

 

Die Grube 1 Foto Johannes Greisle Filmuniversität Babelsberg

Szene aus »Die Grube« | Foto: Johannes Greisle Filmuniversität Babelsberg

Um einen bürgerlichen Ungehorsam im Kleinen geht es in »Die Grube« von Hristiana Raykova, einem Abschlussfilm von der Filmuniversität Babelsberg. Bei Varna direkt am Schwarzen Meer gibt es ein Thermal-Schwimmbecken, das Tag und Nacht genutzt wird. Es ist kostenlos und die Stammgäste kümmern sich darum. Doch nun ist die scheinbare Idylle gefährdet, da es privatisiert werden und dann Eintritt kosten soll. Dagegen wehren sie sich, sammeln Unterschriften, protestieren vor dem Rathaus. Erzählt wird die Geschichte im breiten Cinemascope-Format mit Bildern, in die man regelrecht eintauchen kann. Das Becken, von den Einheimischen die Grube genannt, steht für einen Mikrokosmos der bulgarischen Gesellschaft im postkommunistischen Umbruch. Einem der Anführer des Protest, wird sein Streichelzoo geschlossen und er geht zurück nach Sibirien. Die Unzufriedenheit über solche Gängeleien von Regierung und Verwaltung wächst, ebenso wie das Gefühl, im Grunde nichts daran ändern zu können. Trotzdem versuchen sie ihren Humor nicht zu verlieren. 

Autor: Kay Hoffmann

Tags: Berlinale DOK

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