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DOK Premiere »Die Geheimnisse des schönen Leo«

Auf großes Interesse stieß die DOK Premiere »Die Geheimnisse des schönen Leo«, dem Debütfilm von Benedikt Schwarzer, einem Absolventen der Münchener Hochschule für Film und Fernsehen. Es ist ein sehr persönlicher Film, da es um den Großvater des Regisseurs Leo Wagner geht. In den 1960er und 1970er Jahren war er ein sehr bekannter CSU-Politiker und enger Freund von Franz Josef Strauß.

Er gehörte 1945 zu den Gründern der CSU und war stellvertretender Landrat in Günzburg. Ab 1961 saß Leo Wagner im Bundestag und war von 1963 bis 1975 einer der parlamentarischen Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe. Nach Außen präsentierte er sich vor allem in Wahlkampfzeiten als perfekter Familienvater mit zwei Kindern. Doch in Bonn lebte er ein Doppelleben. Er führte ein ausschweifendes Nachtleben im Kölner Rotlichtmilieu, verschuldete sich immens, und verstrickte sich in dunkle Machenschaften. Er wurde als Spitzel der Staatssicherheit (Stasi) der DDR angeworben und steht im Verdacht, dass er sich 1972 beim CDU/CSU-Misstrauensvotum gegen den SPD-Kanzler Willy Brandt seine Stimme für den Sozialdemokraten habe von der Stasi kaufen lassen. Viele Indizien sprechen dafür, allerdings fehlt der letztendliche Beweis. Nachdem 1973 seine Geschäfte und Schiebereien öffentlich wurden, trat er 1975 von seinen Posten zurück. Er wurde Ende 1980 wegen Kreditbetrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 

 

 

Hoffmann Schwarzer Foto Günther Ahner 6620

Von diesen ganzen Geheimnissen des ‚schönen Leo‘ ahnte Benedikt Schwarzer nichts, als er mit den Recherchen zu seinem Film begann. Denn seinen Großvater hat er kaum gekannt, seine Großmutter starb lange vor seiner Geburt. Dass sie auch ihre Geheimnisse hatte, kommt am Ende der spannenden Spurensuche heraus, als sich mit einem Vaterschaftstest nachweisen lässt, dass seine beiden Kinder nicht von Leo Wagner abstammen, sondern er sie quasi adoptiert hat. Dies erklärt das gebrochene Verhältnis ‚seiner‘ Tochter zu ihm, die sich völlig auseinandergelebt hatten. Die vergangenen Jahrzehnte bis zu seinem Tod 2006 lebte er mit einer anderen Familie und hatte eine jüngere Frau geheiratet. Die Privataufnahmen der Familie aus den 1970er Jahren fand der Regisseur bei seinem Onkel, der dem Filmprojekt aber eher zurückhaltend gegenüberstand. 

Im Filmgespräch beantwortete Benedikt Schwarz sehr offen alle Fragen und sein Herangehen an diese Familiengeheimnisse. Seiner Ansicht nach steht sein Großvater durchaus prototypisch für seine Generation. Er war Jahrgang 1919. Seine Generation wurde durch den Nationalsozialismus geprägt, sie nahmen aktiv am Krieg teil und mussten sich dann auf ein neues Gesellschaftssystem einstellen. Die Helden des Krieges wurden zu Tätern. Was sie geprägt hatte, wurde plötzlich in Frage gestellt. Es hieß nach vorne schauen und etwas Neues aufbauen. Mit dem Wirtschaftswunder und der Demokratie gelang diese Verdrängung. Doch innerlich rumorte es in ihnen. Dass die Westdeutschen so dick wurden als Zeichen ihres Erfolges kann auch so interpretiert werden, dass sie einiges runterschlucken und runterspülen mussten, wie Schwarzer konstatierte. Über vieles aus der Vergangenheit wurde nicht gesprochen. Umso ergiebiger waren dann seine Recherchen im Spannungsverhältnis von Familie, Politik, Stasi und Rotlichtmilieu. Allerdings hielten sich sowohl CDU/CSU- als auch SPD-Politiker zurück, sich für den Film interviewen zu lassen. Eine Vorführung in Günzburg machte ihm klar, dass in dem Ort viele einiges wussten, sowohl von den finanziellen Machenschaften seines Großvaters als auch die Tatsache, dass es nicht seine leiblichen Kinder waren. Dies kam damals wohl häufiger vor, da man nach Außen das Gesicht wahren wollte und auch eine Scheidung zumindest für einen Politiker eher nicht möglich war.   

Benedikt Schwarzer ist eine spannende Zeitreise zurück in die Bonner Republik gelungen und er schafft es auf herausragende Weise die damalige Atmosphäre zu zeigen. Sein Projekt hatte er auf dem Münchner Dokfest gepitcht und so wurde der sehr anerkannte Produzent Carl-Ludwig Rettinger von Lichtblick Film in Köln auf ihn aufmerksam. Über ihre Zusammenarbeit ist er voll des Lobes, da Rettinger das Projekt intensiv begleitet und unterstützt habe.     

Kay Hoffmann    

Tags: DOK Premiere

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