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Dokumentarfilme als Spiegel der Gesellschaft und der Globalisierung

25. Filmschau Baden-Württemberg bietet einen Überblick aktueller Produktionen

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Als bester Dokumentarfilm wurde auf der 25. Filmschau Baden-Württemberg das Porträt „Cunningham“ von Alla Kovgan ausgezeichnet. Der Preis ist vom Haus des Dokumentarfilms mit 2.000 Euro dotiert und wurde von HDF-Geschäftsführerin Ulrike Becker überreicht. Der Film stellt das Leben des Tänzer und Choreographen Merce Cunningham bis in die Mitte der 1970er vor und das in 3D. Das historische Archivmaterial wird geschickt verknüpft mit neu inszenierten Tanzaufnahmen in fantastischen Inszenierungen. Die Jury begründete ihre Entscheidung, dass die Tanzaufnahmen „zeigen, wie zeitlos dieser Künstler gearbeitet hat. Nicht zuletzt lässt er seine Zuschauer teilhaben an dem kreativen Melting Pot im New York der 1960er Jahre, in dem Künstler wie John Cage, Robert Rauschenberg und eben Merce Cunningham Kulturgeschichte geschrieben haben. … Alla Kovgan lässt ihre Zuschauer teilhaben an der Faszination des modernen Tanzes, der revolutionär sein kann und so viel mehr als pure Kunst um der Kunst willen“. Der Stuttgarter Camino Verleih startet den Film nächste Woche im deutschen Kino. Eine lobende Erwähnung erhielt Jasmin Astaki-Bardeh für ihren beeindruckenden Kurzfilm „Zwischentage“ über die Schließung der letzten deutschen Steinkohlezeche im Ruhrgebiet. Die Studentin an der Filmakademie Baden-Württemberg interessiert der Strukturwandel. So werden aus den Zechen, die für die deutsche Wirtschaft im 20. Jahrhundert existentiell waren, jetzt beispielsweise Vergnügungsparks.

Die Begeisterung am modernen Tanz vermittelt auch der Stuttgarter Ballett Star Eric Gauthier mit seiner Theaterhaus-Kompagnie. Dort organisiert er auch äußerst erfolgreich das internationale Tanzfestival Colours. Von daher liegt es nahe, ihn in die Welt zu schicken und seine Tanzfreunde auf der Welt zu besuchen. Den Auftakt der Reihe „Dance around the World“ des renommierten  Regisseurs Andreas Ammer macht Israel. Wie ein Wirbelwind fegt Gauthier durch die dortige Tanzszene. Der Film ist schnell und dynamisch, doch letztlich übernimmt Gauthier zu viele Funktionen als Moderator, Tänzer, Trainer und Interviewer und natürlich sind alle vorgestellten Tanzgruppen durch die Bank einzigartig und fantastisch. Die Unterschiede ihrer Ansätze gehen darüber verloren und letztlich dreht sich alles um Eric Gauthier. Dass es durchaus auch anders geht beweist Andreas Ammer mit seinem Porträt des Plakatkünstlers Klaus Staeck „Die Kunst findet nicht im Saal statt!“. Hier wird ein wichtiges Stück Zeitgeschichte erzählt und die Zuschauerinnen und Zuschauer erfahren einiges über den Schaffensprozess. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Göttinger Verleger Gerhard Steidl. Ihm schickte Staeck oft nur erste Entwürfe für seine Plakate und die Gestaltung und Ausführung überließ er seinem Drucker. Mit seinen politischen Plakaten provozierte er seit Ende der 1960er Jahre die politischen Gegner im konservativen Lager. Er war sehr populär und trotz niedriger Preise wurde er mit seiner Kunst wohlhabend. Als langjähriger Präsident der Akademie der Künste Berlin knüpfte er Kontakte zur Prominenz, die er bis heute nutzt. Seine ausführlichen Stellungnahmen bewiesen sein politisches Bewusstsein, dass von einer Haltung geprägt ist.

Um Kontakte als Basis wirtschaftlichen Erfolgs geht es in Lena Leonhardts „Höhenflüge“ über Brieftauben-Züchter. Mit Tauben verbinden viele das Bild von der ‚Ratten der Lüfte‘, die in Städten Probleme machen. Doch Brieftauben sind etwas ganz anderes. Waren sie im 20. Jahrhundert ein Volkssport für alle Schichten, gibt es zwar immer noch die klassischen Brieftauben-Vereine, die von alten Männern dominiert wurden. Doch diese Kultur geht verloren und die Zahl der Vereine ist dramatisch gesunken. Dies hatte der mehrfach ausgezeichnete Taubenzüchter Andreas Drapa aus Pforzheim früh erkannt. Er startete mit seinen Super-Tauben florierende Geschäfte im Ausland. So berät er einen Brieftaubenzüchter in Dubai, der sich auch um die Senioren in seinem Schlag kümmert. Aber vor allem China ist ein lohnendes Geschäft, denn dort werden bei den Brieftaubenrennen Millionen gewettet. Entsprechend überhitzt ist der Markt, den Andra mit seinen Spitzentauben eindeutig dominiert und viel Geld verdient. Ihm geht es in erster Linie ums Geschäft und dabei ist er so erfolgreich, dass er viele Neider hat. Der Dokumentarfilm erzählt diese Gegensätze in großen Bildern und mit einer geschickten Dramaturgie. Zugleich sind die Geschäfte mit den Tauben in einer globalisierten Welt symptomatisch für die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte.

Welche nachhaltigen Auswirkungen solche Veränderungen und traumatisierte Erlebnisse haben können, zeigt „Der Krieg in mir“ von Sebastian Heinzel. Ihn quälten Alpträume, in denen er sich als deutscher Soldat an der Ostfront sah. Seine beiden Großväter kämpften in Russland. In seinem neuen Dokumentarfilm begibt er sich auf eine Spurensuche. Er findet neue psychologische Studien, die eine solche Weitergabe einschneidender Erlebnisse aufzeigen. Sie können sogar Gene verändern. So  werden Traumata weitervererbt auf die nächsten Generationen. Mit seinem Vater begibt er sich auf eine Reise nach Weißrussland und versucht die Orte zu finden, in denen sein Großvater im Einsatz war und verwundet wurde. Ein weiteres Stilmittel ist die Animation, mit der die Alpträume und Erlebnisse visualisiert werden. Denn das Re-Enactment brachte keine überzeugenden Ergebnisse. Das Haus des Dokumentarfilms wird „Der Krieg in mir“ am 4. März 2020 um 19.30 Uhr im Caligari Kino in Ludwigsburg als deutsche Kinostart-Premiere zeigen, nachdem er schon auf einigen Festivals lief.

Der enttäuschendste Dokumentarfilm der Filmschau war „White Massai Warrior“ von Benjamin Eicher. Das erklärte Ziel, den Alltag und die Kultur der Massai zu zeigen und filmisch zu dokumentieren, wird verpasst. Stattdessen übernimmt Benjamin Eicher schnell die Führung und die drei Massai, die ihn eigentlich als Kämpfer ausbilden sollen, werden zur Staffage. Der weiße Mann dominiert und entwickelt fast postkoloniale Züge. Da wird das Trinken von Blut zur Mutprobe stilisiert. Als ein Tiger auftaucht fährt man doch lieber im Jeep weiter als zu Laufen. Dies ist so ärgerlich, dass auch die fantastischen Natur- und Tieraufnahmen nicht entschädigen können. Der Film wirkt wie eine Safari de Luxe.

Neben den langen Dokumentarfilmen gab es auch zwei Blöcke mit kurzen Formen, die an den verschiedensten Hochschulen im Land (Filmakademie, HDM Stuttgart, Merz Akademie, Hochschule Offenburg) entstanden. Sie erzählen vom gesellschaftlichen Wandel und Ausgrenzungen in der Gesellschaft, interessanten Menschen und der Gefährdung unserer Welt durch den Klimawandel. Sie zeigen, welche Talente es im Südwesten gibt. Dies ist auch Sinn und Zweck der Filmschau, die in diesem Jahr ihr 25. Jähriges Jubiläum feierte und von über 5.000 Zuschauerinnen und Zuschauern besucht wurde. Neben dem Filmprogram mit aktuellen Filmen mit BW-Bezug gab es das Fortbildungsprogramm setUP media der Filmverbände aus dem Südwesten und den Jugendfilmpreis als separatem Wettbewerb.


Kay Hoffmann

Tags: doknews

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