»Playing God«

Unsere DOK Premiere im Februar 2018

Wegen technischen Störungen im Stromnetz der Filmakademie konnte die DOK Premiere mit »Playing God« nur mit einiger Verzögerung starten. Denn der Vorhang ließ sich aus diesem Grund nicht komplett öffnen, was für den in Cinemascope gedrehten Film aber notwendig gewesen wäre. Das Publikum bekam vom Kinokult-Team zur Überbrückung ein Freigetränk und schließlich fand sich eine Lösung, mit der auch die Regisseurin Karin Jurschick leben konnte.

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Der Film porträtiert den amerikanischen Staranwalt Kenneth – oder kurz Ken – Feinberg, der sich auf Entschädigungszahlungen spezialisiert hat. In den vergangenen Jahrzehnten hat er für die unterschiedlichsten Präsidenten und Konzerne gearbeitet. Dies Modell sieht vor, dass eine Kompensation angeboten wird, die Betroffenen sich aber dann verpflichten müssen, auf jegliche weitere Klagen zu verzichten. Es ist also der Versuch, schnell zu Lösungen zu kommen und jahrelange Prozesse zu verhindern. Man könnte es auch als Freikauf bezeichnen.

Jurschick sieht dies bei aller Faszination für den Rechtsanwalt durchaus kritisch, denn er hat beispielsweise ein System entwickelt, der die Menschen unterschiedlich behandelt. Die Witwe eines Feuerwehrmans oder der Witwer einer Putzfrau bekommen deutlich weniger Geld als die Angehörigen eines Bankers, da er ein wesentlich höheres Einkommen hatte und dies hochgerechnet wird. Es stellt sich auch die ethische Frage, ob ein Menschenleben überhaupt mit Geld aufgewogen werden kann. Aber dies ist eine sehr amerikanische Herangehensweise. Außerdem vertritt Feinberg natürlich in erster Linie die Interessen seiner Auftraggeber, wenn er beispielsweise die gesundheitlichen Schäden von Fischern durch die BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nicht akzeptieren will.

Auf der anderen Seite legte er die Gesetze manchmal bewusst weit aus, in dem er die Entschädigungszahlungen beim Anschlag auf die Twin Towers am 11. September 2001 nicht auf Amerikaner beschränkte. So hatten die Angehörigen von Zuwanderern und zum Teil sogar illegal Eingereisten ein Recht darauf. 15 Jahre nach dem Anschlag bekommt eine Witwe endlich ihre amerikanische Staatsbürgerschaft. Er kämpft für die Renten der Autoarbeiter, die um die Hälfte gekürzt werden soll und ist dabei zunächst erfolgreich. Aber er verschweigt ebenso wenig, dass der Rentenfond bald keine Reserven mehr haben wird.

Jurschick arbeitet diese verschiedenen Aspekte bewusst heraus und entscheidet sich nicht, ob Herr Feinberg zu den Guten oder Bösen gehört. Diese Offenheit der Beurteilung irritierte zumindest ein nordamerikanisches Publikum, das die Welt eher in Schwarz/Weiß-Kategorien sieht. Zumindest bei den Vorführungen, bei denen Feinberg anwesend war, wurde er ganz klar als Held gefeiert.

Es ist der erste Dokumentarfilm über ihn und dass dieses Portrait von einer Deutschen gedreht werden konnte, hat sicher damit zu tun, dass er durchaus eine andere Perspektive interessant fand. Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie sich von ihm habe vereinnahmen lassen, beantwortete Jurschick ganz klar, dass der Film in dem Fall anders ausgesehen hätte. Beispielsweise wären dann die kritischen Aspekte zu BP sicher nicht möglich gewesen. Gerne wäre sie auch auf seine Rolle beim VW-Dieselskandal eingegangen. Aber der deutsche Konzern war überhaupt nicht interessiert und letztlich fand sie die übrigen Streitfälle von einer größeren Relevanz.

In der Diskussion ging die Regisseurin auf unterschiedliche Rechtssysteme in den USA und Deutschland ein. Aber in einer globalisierten Welt gäbe es Annäherungen. Angehörige des German Wings Absturzes 2015, bei dem der Copilot die Maschine hat an einem Berg zerschellen lassen, würden deshalb versuchen, die Entschädigungsprozesse in den USA zu führen. Einige der Fragestellerinnen lobten die Bildgestaltung und Montage, die immer wieder erlaube, sich zu entspannen bei diesem doch sehr dichten Film. Der Vorschlag, den Film in Cinemascope zu drehen, kam von ihrem Kameramann Timm Lange. Am Anfang sei sie etwas skeptisch gewesen, aber letztlich habe sie die Qualität der Bilder überzeugt, die selbst bei Interviews in Räumen anders wirkten.

(Kay Hoffmann)

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