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    TV-Tipps

TV-Tipp 16.4.: Neues Wohnen, neues Leben

Der international anerkannte Filmhistoriker Thomas Elsaesser, der lange in Amsterdam und New York unterrichtete, verwebt in seinem Dokumentarfilm-Debüt »Die Sonneninsel« sehr geschickt die Familiengeschichte mit der Geschichte der modernen Architektur. 3sat zeigt den Film am Montagabend als Erstausstrahlung.

Szenen aus »Die Sonneninsel« © Hans Peter Elsaesser

3sat, 16.4, 22:25 Uhr: Die Sonneninsel

Martin Elsaesser war Anfang des 20. Jahrhunderts ein sehr bekannter Architekt, der z.B. die Markthallen in Stuttgart und Frankfurt gebaut hat. Er wurde Baustadtrat in Frankfurt und war direkt beteiligt an der modernen Stadtplanung, die man als das »neue Wohnen« bezeichnet. 1935 wurde er als Jude aus dem Amt verdrängt und zog sich auf eine Insel bei Berlin zurück, die die Familie gepachtet hatte. Dort wurden Ideen des alternativen Wohnens und der autarken Versorgung aus dem eigenen Anbau erprobt. Eine wichtige Rolle spielte dabei Liesel Elsaesser, die Großmutter des Regisseurs. Sie organisierte das Inselleben. Als sie sich in den befreundeten Gartenarchitekten Leberecht Migge verliebte, stand sie aber plötzlich sie zwischen den beiden Männern, die ihr beide viel bedeuten und die eng zusammengearbeitet haben bei verschiedenen Projekten.

Martin Elsaesser prägte als Stadtbaudirektor das Stadtbild der Finanzmetropole Frankfurt am Main (1925 bis 1935). Leberecht Migges' Interesse hingegen galt hauptsächlich der Garten- und Landschaftsarchitektur. Auf der »Sonneninsel« in der Nähe von Berlin versuchte der »Urahn« der grünen Bewegung mit Liesels Unterstützung seine Idee von sozialem Ausstieg und Selbstversorgung umzusetzen. Er steht für eine Stadtplanung, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist und auf Ideen zurückgeht, die bis heute in der grünen Bewegung und »Urban Gardening«-Projekten weiterleben.

In dieser Phase des Rückzugs auf die Insel drehte der Sohn von Martin Elsaesser viele Familienfilme, die das Leben auf der Insel dokumentierten und jetzt eine gute Basis für filmische Aufarbeitung bieten. Auch die ersten Lebensjahre des Regisseurs Thomas Elsaesser sind so überliefert. Ein Interview mit dem Regisseur findet sich unter: https://tinyurl.com/y8x2clok. Die Markthalle in Frankfurt ist inzwischen der Sockel der Europäischen Zentralbank geworden. Gegen den Teilabriss des historischen Gebäudes wehrte sich die Familie erfolglos, doch zumindest soll die Erinnerung an Martin Elsaesser wachgehalten werden. Auch dazu dient der Film »Die Sonneninsel«.

(Kay Hoffmann)