Dokumentarfilm.info aus dem Haus des Dokumentarfilms
DOKUMENTARFILM.INFO - TÄGLICH DAS BESTE VOM DOKUMENTARFILM
facebook logo   twitter logo   instagram logo

    TV-Tipps

TV-Tipp 31.5: Frau Sibylle und die Doku-Schlampen

Die Bestseller-Autorin Sibylle Berg provoziert gerne und trägt ihr Herz auf der Zunge. Sie gehört zu den schillerndsten deutschen Schriftstellerinnen und gilt als Fachfrau fürs Zynische. Ihre Geschichte vom DDR-Flüchtling zur Bestsellerautorin klingt fast so, als hätte sie sie selbst erfunden. Früher suchte Sibylle Berg das Glück, heute sucht sie ein Haus – fast schon verbissen. Ihre Anfrage der Stuttgarter Doku-Duos Böller und Brot, ob sie über sie einen Dokumentarfilm drehen dürften, ließ sie zunächst offen („Vielleicht“). Wie es dann doch noch klappte, schildert der Dokumentarfilm gleich in den ersten Minuten. Am Mittwochabend zeigt der SWR den Kinodokumentarfilm ab kurz vor Mitternacht.

SWR, 23:35 Uhr: Wer hat Angst vor Sibylle Berg?

Irgendwann nach dem Anruf aus Stuttgart ist Sibylle Berg wohl die Erkenntnis gekommen, dass ein solches Filmprojekt Türen öffnen und ihr von Nutzen sein könnte. Es kam ein Anruf: »Ich bin gerade in L.A. und würde gerne das berühmte Lautner-House besichtigen. Bringt Ihr Doku-Schlampen mich da rein?«.

Diese Mission war erfolgreich und damit beginnt der Film. Berg besichtigt die Villa mit den riesigen Fenstern und dem fantastischen Ausblick auf die Metropole. Mit dem dort wohnenden Milliardär kommt sie allerdings nur schwer ins Gespräch.
Böller und Brot hatten ein klares Konzept: »Was wir auf keinen Fall wollten, war einen Sibylle-Berg-Fan-Film oder einen Sibylle-Berg-Experten-Film zu machen. Wir haben schnell herausgefunden, dass Frau Berg – wie wir – ziemlich neugierig ist und sich andererseits auch sehr schnell langweilt. Also, die Frage war für uns eigentlich weniger, wie man sich vorbereitet und recherchiert, sondern wie man Frau Bergs und unsere Neugier wach hält.«

Die besondere Herausforderung für Frau Berg war, dass die beiden anerkannten Dokumentarfilmerinnen mit teilnehmender Beobachtung arbeiten. Sie begleiten also alltägliche Situationen, die von ihrer Protagonistin nicht immer total kontrolliert werden konnten. Dass den beiden dies gelungen ist, ist sicherlich eine Stärke des Films. Manchmal merkt man, dass sich Sibylle Berg regelrecht inszeniert, aber oft bricht sie es dann selber. Der Film zeigt Berg als kluge und selbstironische Frau, die eigentlich nur preisgibt, was sie will. Von daher behält sie am Ende doch die Kontrolle.

Der Film hält eine spannende Balance zwischen den Macherinnen und ihrem Objekt der Begierde. Als Zuschauer ist man sich nie ganz sicher, ob die Anekdoten aus ihrem Leben stimmen oder doch ihrer Fantasie entspringen. Wie sie überhaupt den ganzen Film ziemlich unnahbar bleibt. Aber auch das gehört zu Sibylle Bergs Markenzeichen.

Auf jeden Fall polarisiert sie. Darin ist sie Meisterin. Der Film bedient die Interessen derjenigen, die sie lieben und vergöttern. Aber er ist natürlich auch ein Muss für jeden, der von Sibylle Berg nicht begeistert ist oder sie sogar hasst. Solche soll es auch geben. Ob man wirklich Angst vor Ihr haben muss, kann nach dem Film jeder für sich entscheiden.

Dokumentarfilm, D 2016, 84 Minuten
Buch, Regie, Kamera, Ton und Schnitt: Wiltrud Baier und Sigrun Köhler
Produktion: Böller & Brot in Koproduktion mit den SWR,
gefördert durch die MFG Filmförderung Baden-Württemberg

(Kay Hoffmann)

Foto: Szene aus »Wer hat Angst vor Sibylle Berg« © Böller & Brot / Zorro Film

Foto: Szene aus »Wer hat Angst vor Sibylle Berg« © Böller & Brot / Zorro Film