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    TV-Tipps

TV-Tipp 19.7.: Moslems gegen Terror

Diesen Vorwurf hört man immer wieder: Angesichts des Terrors des »Islamischen Staates« und auch den Anschläge in Deutschland würden sich hier bei uns lebende Moslems viel zu wenig von der radikalen Auslegung des Islams distanzieren. Der Dokumentarfilm »Glaubenskrieger« von Till Schauder erzählt von einer Gruppe junger Iraker, die den Terror in ihrem Heimatland nicht länger hinnehmen wollten. Sie mischen sich ein - mit radikalen Maßnahmen in Fußgängerzonen und im Internet. Die Reaktionen darauf sind vielschichtig - inklusive Shitstorms und körperlicher Angriffe.

Szene aus »Glaubenskrieger« © WDR/NEOS Film/Till Vielrose Szene aus »Glaubenskrieger« © WDR/NEOS Film/Till Vielrose

Szene aus »Glaubenskrieger« © WDR/NEOS Film/Till Vielrose

Das Erste, 23:15 Uhr: Glaubenskrieger

Kann man mit inszenierten Aktionen in Fußgängerzonen politische Ziele erreichen? Einem Düsseldorfer Hochschulprofessor, der mit einer Handvoll Studierenden einen Film der Gruppe »12thMemoRise«  begutachtet, bleibt da erst einmal die Luft weg. Das sei »Kunst auf einer Eben, die sehr politisch sei«, meint der Medienwissenschaftler und setzt dann noch hinterher: »Aktuell, aber auch gefährlich.« Zu sehen gab es in dem Film Szenen, die nur gespielt waren und in einer deutschen Fußgängerzone echte Hinrichtungsvideos des »Islamischen Staats« nachstellen. Hassan, einer der Aktionisten von »12thMemoRise« sagt, das nur durch solche Aktionen Aufmerksamkeit erzeugt werden können.

Wie sehr Schockaktionen wirklich etwas bewegen können, zeigt das Beispiel der aktionistischen »Yes Men« - das sind zwei amerikanische Aktionskünstler, die ihre politischen Auftritte mit Sinn für publikumswirksame Auftritte koppeln. Sie sind so etwas wie internationale Stars des Polittheaters. Und von Greenpeace-Kaminklettereien und nackten Femenaktionen ist da noch gar nicht die Rede.

Regisseur Till Schauder, ein erfahrener Filmemacher, der u.a. für »The Iran Job« 2012 viel Lob erntete, hat in »Glaubenskrieger« beharrlich nachgezeichnet, wie sich die jungen Mitglieder der Gruppe gegen Islamhass und gleichzeitiges Desinteresse stemmen. Bei ihren Aktionen - beispielsweise einem »Sklavenverkauf« oder einer »Hinrichtung« - suchen sie nach dem Schock das Gespräch - und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. »Die Muslime müssen aufstehen«, heißt es an einer Stelle. Die Gefahren lauerten auch in Deutschland - in Form des Salafismus. Schon hört man im Hintergrund einen jungen Mann dagegenschreien. Man ahnt, wie schnell solche Aktionen Hass und Gewalt auslösen können.

Eines macht der Film sehr schnell deutlich: Wer fordert, dass sich Moslems in Deutschland abgrenzen sollen gegen Radikale, muss Solidarität gewähren mit solchen Aktionen. Der erste Schritt einer Solidarisierung ist, nicht alles, an dem Islam steht, als Bedrohung zu sehen. Differenzierung ist notwendig. Und Schutz, denn die Mitglieder der Gruppe »12thMemoRise« werden zwischenzeitlich massiv bedroht. Ein islamischer Prediger hat sie als Abtrünnige bezeichnet - sie erhalten Morddrohungen. Wie Deutschland mit Muslimen umgeht, die das Grundgesetz noch vor der Scharia einordnen, wird zeigen, wie viele Muslime dem hier aufgezeigten Weg folgen können.

Der Film ist eine Produktion von NEOS Film im Auftrag des WDR, BR, MDR, NDR, RBB und SWR. Das Projekt war Gewinner des ARD-Wettbewerbs »Top of the Docs«. Das beste Filmkonzept bei diesem Pitching-Wettbewerb wird mit 250.000 Euro gefördert. Weltpremiere feierte »Glaubenskrieger« auf dem DOK.fest 2017 in München.

Glaubenskrieger
Dokumentarfilm
D 2017, 90 Minuten
Regie: Till Schauder
Produktion: NEOS FilmKoproduktion: WDR, BR, MDR, NDR, RBB, SWR

(Thomas Schneider)

Szene aus »Glaubenskrieger« © WDR/NEOS Film/Till Vielrose

Szene aus »Glaubenskrieger« © WDR/NEOS Film/Till Vielrose