Dokville - Branchentreff Dokumentarfilm

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True Crime:
Neue Lust an der Realität

Das echte Leben schreibt wahrscheinlich die packendsten Kriminalfälle. Während das fiktionale Filmgenre schon lange vorgab, mit dokumentarischen Mitteln zu arbeiten, blieben dokumentarische True-Crime-Filme lange eher selten. Doch das hat sich geändert. Dokville 2018 stellt die beiden Dokuserien »Höllental« und »Killing for Love« vor und diskutiert in einem abschliessenden Panel, ob »Streaming – Taktgeber für TV-Trends« ist?.

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Kein Buch, keine Serie, kein Film. Der Startschuss, der den derzeitigen True-Crime-Boom auslöste, war 2014 ausgerechnet ein Podcast. »Serial« erzählt die Geschichte eines Mordes an einer Highschoolschülerin in einem Vorort Baltimores an der Ostküste der USA. Der Podcast war nicht nur ein riesiger Erfolg, er löste auch die neue Lust an der Realität aus. Es folgten preisgekrönte US-amerikanische Dokumentarserien wie »Jinx«, »Making a Murderer«, »The Confession Tapes«, »The Keepers» oder »O.J.: Made in America«. Netflix, HBO und Amazon entdeckten das dokumentarische Format für sich und verhelfen ihm zu Zuschauern weltweit.

Was macht dieses Genre so spannend? Es ist vielleicht die Kombination aus »Crime« und »Serie«. Ein Interesse an dem wahren, echten Verbrechen ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Bereits im Mittelalter galt das Motto: »There‘s no crime like true crime«: »Das geht auf den Bänkelsang zurück, wo eben die Bänkelsänger schaurige Geschichten, die sich angeblich wirklich so dargestellt haben, auf öffentlichen Plätzen gegen Entgelt einem Publikum vortrugen. Im 19. Jahrhundert sind Gerichtsreporter von Mordprozessen eine populäre Rubrik in der Presse. Im 20. Jahrhundert wird das dann in Medien in verschiedensten Formaten genutzt. In Filmen, die sagen Nach einer wahren Begebenheit, so Jens Ruchatz, Medienwissenschaftler an der Universität Marburg. Oder eben »Aktenzeichen XY... ungelöst«. 50 Jahre alt, aktueller denn je.

Was in den letzten Jahren allerdings neu hinzugekommen ist: True Crime als Fortsetzungsgeschichte mit charismatischer Hauptfigur. Bei- spiel Jens Söring aus »Das Versprechen«, dem Dokumentarfilm von Marcus Vetter. Die BBC setzte die Geschichte als Web-Serie »Killing for Love« um und machte sie damit zu einer der erfolgreichsten »Iplayer«-Serien der letzten Jahre. Das True-Crime-Genre befriedigt mit seiner Detailversessenheit gewöhnliche Neugierde und Schaulust. Das Format der Serie kommt dabei sowohl dem Thema als auch den Zu- schauerbedürfnissen entgegen. Dabei erlaubt die ausschweifende Form der Serie Exaktheit in der Untersuchung und Vielschichtigkeit in der Darstellung eines Falls. Eine gute True Crime-Serie nimmt den Zuschauer mit auf eine investigative Reise in menschliche Nischen. Wichtig sind auch die Cliffhanger. Das unterscheidet True-Crime-Formate von den meisten anderen dokumentarischen Serien, die nicht mit der größtmöglichen Spannung arbeiten können.

True Crime Formate leben von der Frage: »Wer war es, oder wer war es nicht?« Sie hinterfragen damit bereits bestehende »Wahrheiten« oder Urteile und können mit den Rechercheergebnissen die Neuaufnahme eines schon gelösten Falles anstoßen (wie in »Das Versprechen«) oder die Suche nach dem wahren Mörder unterstützen (wie bei »Höllental«). Vor allem arbeiten True-Crime-Serien investigativ, d.h. sie warten mit neuen Fakten auf und können diese komplex in dem Format erzählen. Bei Dokville werden zwei unterschiedliche Serien vorgestellt und im Detail besprochen.

 

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»HÖLLENTAL«

Die sechsteilige dokumentarische Serie »Höllental« erzählt von einem der mysteriösesten Kriminalfälle der deutschen Geschichte. Die Serie erzählt den Kriminalfall und rekonstruiert minutiös Beweise, Aussagen und Verdachtsmomente mit dokumentarischen Mitteln. Die Rekonstruktion dieses Verbrechens und die aktuelle Suche nach der Wahrheit werden zu einer hochspannenden und berührenden Serie verwoben, in deren Mittelpunkt das Schicksal eines kleinen Mädchens steht.

Am 7. Mai 2001 verschwindet die neunjährige Peggy Knobloch aus Lich- tenberg am Rande des Höllentals in Oberfranken. Die beispiellose Suche nach dem kleinen Mädchen bleibt erfolglos. Es gibt viele Verdächtige,aber keine Beweise. Bis schließlich ein geistig behinderter Mann, Ulvi Kulac, den Mord an Peggy gesteht und zu lebenslänglich verurteilt wird. Der Fall scheint gelöst. Doch nach zehn Jahren wird der Prozess neu auf- gerollt und Kulac freigesprochen. Das Verschwinden von Peggy Knobloch bleibt ein Rätsel. Der Täter ist weiterhin auf freiem Fuß. Am 2. Juli 2016 findet ein Pilzsammler das unvollständige Skelett eines Kindes in einem abgelegenen Waldstück, 15 Kilometer von Lichtenberg entfernt. Die Knochen stammen von Peggy. Im Oktober 2016 geben die Ermittler bekannt, DNA des NSU-Täters Uwe Böhnhardt sei am Tatort gefunden worden. Anfang 2017 stellt sich das als Trugspur heraus.

Die Kundschafter Filmproduktion GmbH dreht mit der Autorin und Regisseurin Marie Wilke und in Zusammenarbeit mit der Redaktion Das Kleine Fernsehspiel / ZDF (Redaktion: Lucas Schmidt und Jörg Schnei- der) mit »Höllental« die erste deutsche True-Crime-Serie, die in Umsetzung und Erzählweise von so erfolgreichen US-amerikanischen Serien wie »Making a murderer« oder »The Jinx« inspiriert ist. Gefördert wird die Serie vom Medienboard Berlin-Brandenburg, Nordmedia Film- und Mediengesellschaft und der Film- und Medienstiftung NRW. Gedreht wird derzeit, der Sendetermin steht noch nicht fest.

Bei Dokville sprechen wir mit Marie Wilke, der Autorin, Dirk Engelhardt, Produzent der Kundschafter Filmproduktion GmbH und Jörg Schneider vom ZDF über Recherche und Entwicklung der Serie. Moderiert wird das Panel von Sebastian Sorg, Dokumentarfilmexperte und Förderreferent für Virtual Reality Formate, Webserien und Drehbuch/Produktion Kino-Dokumentarfilm.

Dokville 2018
Freitag, 29. Juni 2018
13:45 Uhr
True Crime - Neue Lust an der Realität
»Höllental«

 

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»KILLING FOR LOVE«

In ihrem Dokumentarfilm »Das Versprechen« gehen Filmemacher Mar- cus Vetter und die Journalistin Karin Steinberger auf die Suche nach der Wahrheit hinter der Realität. Real ist, dass der Deutsche Jens Söring seit über 30 Jahren in den USA in einem Gefängnis sitzt. Real ist auch, dass er als junger Mann einen Doppelmord an den Eltern seiner damaligen Freundin zugab. Doch was ist wahr? Der Film entrollt eine True-Crime-Story und ist doch viel mehr »als nur eine Story« über ein Verbrechen.

Es ist ein Verbrechen aus Leidenschaft, wie es Hollywood nicht besser hätte erfinden können: Ein blutiger Doppelmord in den USA an einem reichen kanadischen Ehepaar; zwei in sexueller Obsession verbundene Verdächtige, die von Amerika nach Europa fliehen und schließlich in England verhaftet werden, wo einer von ihnen, ein junger Deutscher, die alleinige Schuld übernehmen wird. 18 Jahre alt ist Jens Söring, als er den Fehler begeht, der sein Leben und das von allen, die ihn lieben, zer- stören wird. Söring will Elizabeth, Tochter des ermordeten Paares, be- schützen. Jens vermutet: sie ist die Täterin. Aber er ist jung, blind vor Liebe und, wie er fast ein halbes Menschenalter später sagen wird, überfordert davon, das erste Mal in seinem Leben ein Problem alleine lösen zu müssen.

Söring gesteht, den Doppelmord begangen zu haben. Doch kaum hat er das getan, will Elizabeth, die Frau, die ihn bis eben noch zu lieben vorgab, nichts mehr von ihm wissen. Eiskaltes Kalkül scheint die Triebfeder ihres Planes zu sein. Es folgen zwei spektakuläre Schauprozesse im US-Bundesstaat Virginia, Auftritte eines aggressiven Staatsanwaltes und eines unerfahrenen Verteidigers, Zeugen verschwinden und Entlastungsbeweise werden ignoriert. Am Ende sitzen Jens und Elizabeth hinter Gittern, der Todesstrafe nur knapp entkommen, aber weggesperrt für den Rest ihres Lebens.

Marcus Vetters Film »Das Versprechen« hatte Ende 2016 seine Kinopremiere in Deutschland, kam Anfang 2018 in die amerikanischen Kinos und wird am 15. August 2018 in der ARD ausgestrahlt. Unter dem Titel »Killing for Love« entwickelte Vetter mit der eigenen Produktionsfirma Filmperspektive aus dem Material des 133-minütigen Dokumentarfilms eine Web-Serie. Sie wurde mit über eine Million Zugriffen die erfolgreichste »Iplayer«-Serie der BBC.

Zum Dokville-Panel werden erwartet: Filmemacher Marcus Vetter und die Journalistin Karin Steinberger, Redakteurin bei Süddeutsche Zei- tung. Moderiert wird das Gespräch von Sebastian Sorg, Dokumentarfilmexperte.

Dokville 2018
Freitag, 29. Juni 2018
14:45 Uhr
True Crime - Neue Lust an der Realität
»Killing for Love«

 

»STREAMING – TAKTGEBER FÜR TV TRENDS?«

Am Abschlusspanel von Dokville nehmen teil: Christian Beetz, Geschäftsführer, gebrueder beetz filmproduktion. Eine der wichtigsten unabhängigen Produktionsfirmen weltweit, laut dem Branchenmagazin »Realscreen«. Imke Meier, Redakteurin, ZDFinfo. Das »Fernsehen zum Mitreden« sorgt seit sechs Jahren für Informationsmehrwert mit hochwertigen Dokumentationen. Außerdem ist der Dokumentarfilmer Marcus Vetter mit dabei. Der mehrfach preisgekrönte Filmemacher dreht und produziert seit 2006 seine Filme innerhalb seiner Stuttgarter Produktionsfirma Filmperspektive.

Dokville 2018
Freitag, 29. Juni 2018
15:15 Uhr
True Crime - Neue Lust an der Realität
Steaming – Taktgeber für TV-Trends?

(Astrid Beyer / Thomas Schneider)

Tags: Dokville 2018

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