Dokville - Branchentreff Dokumentarfilm

Aktuelles  · Rückblick: Dokville 2018      |      Archiv 2005-17  ·  facebook logo   twitter logo

Dokville 2018, Tag 1: Blick zurück, die Zukunft bleibt ungewiss

Der erste Tag von Dokville war ein ausgezeichneter Start. Astrid Beyer, die Kuratorin des Branchentreffs, konnte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland begrüßen und freute sich über das große Interesse. Sie betonte, dass sie bei der Planung keinen Unterschied gemacht habe zwischen Reihe und Serie. Sie wolle einen Überblick geben, was hier im dokumentarischen Bereich seriell produziert werde. Ein Rückblick auf intensive Stunden zum Zustand des dokumentarischen Genres.

Der bekannte Dokumentarfilmer Christoph Hübner, der auch Mitglied des Kuratoriums des Haus des Dokumentarfilms ist, präsentierte in seiner Keynote wichtige Thesen und erläuterte sie an Beispielen aus seinem eigenen Filmschaffen. Er machte dabei deutlich, dass es serielle Produktion schon lange gibt, selbst wenn dies bisher selten so betont wurde. Seine zentralen Themen waren:

  • Denken in Serie ist Denken im Programm, was beim Einzelstück nicht der Fall ist
  • Serielle Formate kommen dem Dokumentarfilm entgegen
  • Der Alltag sollte dabei ein wichtiges Thema sein

Anhand seiner Filme erläuterte er verschiedene Formen einer seriellen Produktion. »Lebensgeschichte des Bergarbeiters Alphons S.« (1979) ist ein Interview-Film von insgesamt viereinhalb Stunden Länge, das er in acht Episoden aufteilte, die vom WDR noch um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurden. Der Dokumentarfilm solle das Offene suchen und dies sei bei serieller Produktion sehr gut umzusetzen. Man müsse anders erzählen und den Bogen sowohl bei einer Folge finden, ohne den großen Bogen der Serie aus dem Auge zu verlieren. Sehr gut könnte man den Alltag eines Ortes aus verschiedenen Perspektiven erzählen, wie dies auf dem Sendeplatz „Schauplatz“ des WDR erfolgt sei. Dort habe ein Autorenkollektiv die Filme geliefert. In der Reihe »Menschen im Ruhrgebiet« seien fünf Filme entstanden. Aus ihrem Fußballfilm »Die Champions« (2003), den er zusammen mit Gabrielle Voss gedreht habe, sei eine Langzeitbeobachtung geworden mit »Halbzeit« (2010) und demnächst »Nachspiel«, bei denen sie die Ausbildung, die aktive Phase und Fußballer nach der aktiven Zeit begleitet hätten. Für die Reihe »Dokumentarisch Arbeiten« interviewten die beiden 17 Filmemacherinnen und -macher und die Folgen wurden bei 3sat oft zusammen mit Filmen der Interviewten gezeigt. Außerdem veröffentlichten sie Bücher mit diesen Interviews. Große Freiheiten hatten sie bei den Emscher Skizzen, bei denen sie über zehn Jahre die Umwandlung und Renaturierung der Emscher begleiteten und insgesamt 85 kürzere Filme in ganz unterschiedlicher Form produzierten. Er appellierte an die Jüngeren, radikal zu bleiben und sich nicht zu früh anzupassen.

Seine Thesen wurden im Laufe des Tages von verschiedenen Gästen aufgegriffen und bestätigt. Die international angelegte Serie »1968mm« erzählt die Ereignisse dieses Jahres in verschiedenen Ländern aus der Sicht von Amateurfilmern, sozusagen eine Alltagsgeschichte von unten. Zum Konzept gehörte, dass jede Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt werden sollte, also zum Beispiel einem Zeitzeugen der Ereignisse und einem Amateurfilmer, der dazu Filme gedreht hat, wie der Produzent Stefano Strocchi erläuterte. In diesem Jahr sei überall viel passiert wie die Rassenunruhen in den USA und die Ermordung von Robert Kennedy, der Prager Frühling und der Einmarsch sowjetischer Truppen, die Tet-Offensive im Vietnam-Krieg. »1968mm« war eine sehr aufwändige Produktion wie Gero von Boehm sehr geschickt im Gespräch mit dem Produzenten, dem Arte/RBB-Redakteur Christian von Behr und dem Schnittmeister Christian Timann heraus arbeitete. Insgesamt wurde von 16 Researchern weltweit 120 Stunden Material recherchiert, wobei neben den Amateuraufnahmen dabei ebenfalls professionelles Material Verwendung fand. Eine wichtige Komponente neben dem historischen Material waren die Interviews und das Re-Enactment mit ihnen, wenn das Team beispielsweise mit ihnen an die Drehorte zurückkehrte. Ein wichtiger Aspekt war, dass das gesamte Team schon sehr früh involviert war und das Projekt gemeinsam entwickelte. Die Idee, die große Geschichte aus der Perspektive der persönlichen Erfahrungen zu erzählen, wurde konsequent umgesetzt.

Nach dem Erfolg von »14 Tagebüchern« zum Kriegsausbruch 1914 aus multinationaler Perspektive und persönlichen Tagebüchern und Briefen führt Looksfilm dies Konzept weiter. In der Serie »Krieg der Träume«, von denen zwei Folgen als Weltpremiere beim SWR-Dokufestival gezeigt wurden, wird die ereignisreiche Periode zwischen 1918 und 1939 überwiegend fiktional behandelt. Die Basis bilden jedoch auch wieder authentische Biografien und die Äußerungen der Protagonisten. Aus 70 Kandidaten wurden schließlich 12 in den Mittelpunkt gestellt. Es ist eine großangelegte internationale Produktion mit 21 Sendern und einem Gesamtbudget von 10 Mio. Euro. Entsprechend schwierig war die Koordination, da sich die politischen Machtverhältnisse in verschiedenen Ländern änderten und Ansprechpartner ausgewechselt wurden. Bei solchen Projekten wird auch deutlich, dass jedes Land ihre eigene Geschichtsperspektive hat, die sich manchmal sehr von der anderer Länder unterscheidet. Da war viel Diplomatie vor allem vom Produzenten Gunnar Dedio und dem Regisseur und Autor Jan Peter gefordert. Beide sind in der DDR aufgewachsen und haben dadurch einen solchen Perspektivwechsel auf die eigene Geschichte selbst erlebt und dadurch eine Sensibilität. Das Interesse an Geschichtsprogrammen sehen sie in der derzeitigen Verunsicherung und Suche nach der eigenen Identität. Viele historische Ereignisse hätten an Aktualität gewonnen, gerade auch durch die Polarisierung der Gesellschaft. Die Ausstrahlung auf Arte ist im September geplant.

Ebenfalls von Looks Film als internationale Produktion mit acht Teilen angelegt ist »Der Krieg und ich« über den Zweiten Weltkrieg aus Sicht von Kindern. Kleine Helden im großen Krieg war das Motto. Dabei wollte man auf die übliche Schwarzweiß Malerei von Gut und Böse verzichten und die Geschichte differenzierter sehen. Der 10jährige Anton kann beispielsweise nicht verstehen, warum sein Vater ihm nicht erlaubt, in die HJ zu gehen, was sein Herzenswunsch ist. Dabei wird sehr gut der Gruppendruck gezeigt. Im Film muss Anton die Erfahrung machen, dass sein Vater vielleicht doch recht hatte, was unnötigerweise im Kommentar schon vorweggenommen wurde. Themen wie Holocaust oder Flucht von Juden sollten ein Thema werden und da hat man sich pädagogische Unterstützung beim Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen beim BR geholt, die auch die Rezeption von Schulklassen mit Fragebogen begleitet. Neben den fiktionalen Elementen gibt es Modellsets mit Plastikfiguren, die den Kindern nachempfunden sind und in Polen hergestellt wurden. Dies ist ein spannende kindgerechte Umsetzung. Außerdem kommen Zitate von Kindern hinzu, die ähnliches erlebt haben und die Geschichten inspiriert haben. Außerdem gibt es historisches Filmmaterial, das insbesondere nach den gezeigten Motiven ausgewählt worden zu sein scheint, also eine illustrierende Funktion übernimmt. Das Programm wurde vor kurzem beim Kinderfestival Gera von der Kinderjury mit dem Goldenen Spatz ausgezeichnet. Ein Happy End, wie es erklärtermaßen auch in den Folgen angestrebt wurde.

(Kay Hoffmann)

Tags: Dokville 2018

Drucken E-Mail