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Dokville - Branchentreff Dokumentarfilm

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Rückblick Dokville 2019: Zwischen Fakt und Fiktion

»Chris the Swiss«

Im Panel »Innere Welten sichtbar machen – mehr als Geschichte« führte Adrienne Braun von der Stuttgarter Zeitung unter anderem ein Gespräch mit Anja Kofmel, Regisseurin von »Chris the Swiss«, und Markus Krohn (Sound Designer) sowie Marcel Vaid (Komponist) aus ihrem Produktionsteam.

Mit dem animierten Dokumentarfilm taucht die Regisseurin tief in ihre Vergangenheit ein. Anja Kofmel ist noch ein Kind als sie von dem Tod ihres Cousins Christian Würtenberg erfährt. Chris begab sich als Journalist in den Jugoslawienkrieg, wo er einige Zeit später als Mitglied der internationalen Söldnerbrigade PIV erwürgt aufgefunden wurde. Was ihn dort beschäftigt hat, was ihn dazu bewegte, in den Krieg zu ziehen, und wie es schließlich zu seinem Tod kommen konnte – das alles versucht Kofmel in dem Film aufzuarbeiten.

Anja Kofmel hat Animation an der Hochschule Luzern studiert und sich bereits 2009 in ihrer Abschlussarbeit, dem Kurzfilm »Chrigi«, mit der Geschichte ihres Cousins auseinandergesetzt. Da sie sich darin allein auf ihre Erinnerungen berufen hatte, war die Recherche zu dem Tod noch nicht vollständig ausgeschöpft. Als 2009 der Gründer der Söldnerbrigade in Bolivien erschossen wurde, beginnt sie mit aufwendigeren Recherchen, die die Komplexität der Geschichte weiter aufdecken. Der Entscheidung, einen zweiten, aber dafür intensiveren Dokumentarfilm zu der Geschichte zu produzieren, folgten langwierige Prozesse.

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Von links: Adrienne Braun, Anja Kofmel, Marcel Vaid und Marcus Krohn.

Für die Recherchen konzentrierte sich Anja Kofmel zum einen auf die Artikel zu dem Tod ihres Cousins, die viele mit ihm bekannte Journalist*innen geschrieben hatten. Durch Chris‘ Notizbücher, die im Keller seines Bruders lagerten, konnte sie Namen auffindbar machen, die für die Recherche interessant waren. Aus glücklichem Zufall hatte sich auch ein amerikanisches Spielfilmprojekt dem Thema verschrieben. In diesem Projekt wollte der ehemalige Truppenführer die Erlebnisse der Söldnertruppe aufarbeiten. Kofmel erhielt das Drehbuch zu dem Film und konnte sich weiter herantasten. Schritt für Schritt gelang sie auch über den Verein »Reporters without borders« zu weiteren Fotografen und Reportern, als Anknüpfungspunkte für ihre Recherchen.

Ein weiterer schwieriger Baustein des Films war die Filmförderung. Durch politische Umbrüche in Kroatien musste um die Unterstützung der dortigen Co-Produzenten immer wieder gekämpft werden. Starke Kontrollen des Projekts und Demonstrationen gegen die Umsetzung erschwerten die Prozesse.

Dennoch brachten die Schwierigkeiten mit der Förderung auch Positives mit sich. Gerade bei der Musik mussten sie umdenken, wodurch Marcel Vaid auf die Methode des »Soundpainting« stieß. Die animierten Szenen erforderten ein experimentelles Vorgehen. Wie hört sich ein Alptraum an? Um Ideen zu sammeln, wurden viele Filme geschaut und Musik gehört. Dank des Soundpainting wurde die Kommunikation zwischen Marcel Vaid und dem Orchester erleichtert. Dabei improvisierte das Orchester zu den Zeichen und der Gestik des Dirigenten.

Beim Ton und Schnitt war es ähnlich experimentell, meinte Markus Krohn. Die verschiedenen Materialien für den Film sollten in eine stimmige Einheit gebracht werden, aber dennoch individuell bleiben. Realer wurde die Animation durch die Verwendung von »sauberen« Tönen. Um ein möglichst personennahes Bild zu vermitteln, wurden Musik und Ton »ins Subjektive gepusht«. Man orientierte sich an den Personen des Films, sodass die Intentionen und Aussagen verstärkt werden konnten.

Die Animation wurde durch ein 30-köpfiges Team in Zagreb umgesetzt. Zum einen war es in Zagreb kostengünstiger und zum anderen waren die Mitarbeiter*innen nah am Ort des Geschehens. Eingeteilt wurden sie in drei Departments: der Animation, den Backgrounds und den Effekts. Anja Kofmel entschied sich dafür, animierte Sequenzen miteinzubauen, da Animation ihr Mittel und Sprachrohr ist. Auch die enge Verbindung zu einem persönlichen Thema und der familiäre Blickwinkel auf die Erzählung führten dazu, mit der Animation methodisch künstlich und subjektiv vorzugehen.

Wie aber hat der fertige Film die Gegenwart beeinflusst? Anja Kofmel erinnert sich vor allem an ihren Cousin als Helden zurück. Als Kind war sie fasziniert von dessen abenteuerlichen Reisen. Heute, nach all den Recherchen und vermeintlichen Erkenntnissen, hat sich ihr Heldenbild verschoben. Sein Wirken als Soldat und in die Vertreibung von Serben involvierter Söldner, entspricht in ihren Augen nicht dem Bild eines Helden. Doch für viele ist gerade der Mutige, der als Soldat in den Krieg zieht, ein Held. An was also soll man also glauben?

Trotz bleibender Ungewissheit über die wahre Geschichte, wurde die Dokumentation zu einem großen Erfolg. Sie lief auf vielen Festivals und wurde außerhalb Kroatiens sehr gut angenommen. In dem ehemaligen Kriegsgebiet kursierten zunächst zwei Jahre lang negative Schlagzeilen durch die Medien. Bezeichnet wurde der Film als Propagandafilm und Verleumdung. Laut Kofmel soll es das aber gerade nicht sein. Vielmehr reflektiert der Film die Faszination zum Bösen und den Reiz zu Söldnertum und Terrorismus. Schuld sollte dabei weniger eine Rolle spielen.


 (Annika Weißhaar | Astrid Beyer)

Tags: dokville