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Zur Geschichte des HDF

  • Wir über uns

Glück gehabt – oder:
Die Gründung eines Hauses des Dokumentarfilms

Ein Beitrag von Dr. Hans Heiner Boelte. Der ehemalige Fernsehdirektor des Süddeutschen Rundfunks (SDR) veröffentlichte diese Historie in unserem 2016 erschienenen Jubiläumsbuch »Aus kurzer Distanz – 25 Jahre Haus des Dokumentarfilms«

 
Glück gehabt! so beschrieb der Intendant Hans Bausch sein Leben, privat und beruflich. Ohne ihn gäbe es das Haus des Dokumentarfilms nicht. Es ist die – eine – bleibende Erinnerung an die Leistungen des für mich wichtigsten Journalisten unter den Gründungsvätern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach dem Krieg. Als Intendant des Süddeutschen Rundfunks seit September 1958 wurde er sieben Mal wiedergewählt. Er gab das Amt im Dezember 1989 auf. Resigniert, weil die Mehrheit  im Landesparlament – seine eigene Partei – dem ARD-Vorsitzenden eine Gebührenerhöhung blockierte. Daumenschrauben politischer Herrschaft bei Finanzen. Üblich.

Schon vor seinem Tod wurde er »der große alte Mann des deutschen Rundfunks« genannt. Er galt als unbeugsam rechtschaffen, geprägt von vielen Fragen nach dem Sinn der Geschichte (»was braucht der Mensch zur Meinungsbildung«), badisch (mit Württemberg) und fromm (niemals bigott, sondern traditionell-katholisch), ausgestattet mit Kunstverstand und von erstklassigem Rede- und Schreibstil, sicher im Urteil und immer der »gelernte Journalist«. Er hat sich auf Mitarbeiter verlassen wie diese auf ihn. Er liebte es, den gesetzlichen Auftrag des Süddeutschen Rundfunks zu zitieren, der »in freier, gleicher, offener und furchtloser Weise dem ganzen Volk dienen soll«. Größtmögliche Unabhängigkeit, ja »Staatsferne« war bei gleichzeitiger Verpflichtung auf ein Gemeinwohl der Programmauftrag für Hörfunk und Fernsehen. ZDF-Intendant Dieter Stolte sah in ihm auch den »Unternehmenschef und Menschenführer zugleich«, der als homo politicus Kompromisse eingehen konnte, weil sie immer auch einen Weg nach vorn bedeuten. Immer mit Courage, fast immer erfolgreich. Kämpferisch für gut begründete Überzeugungen und (seine) Journalisten. Mit dieser Charakteristik habe ich zugleich beschrieben, was mit dem Haus des Dokumentarfilms die programmatische Erinnerung bleiben soll. Ein kostbarer Besitz, den viele verwalten.

Die Villa Berg in Stuttgart (links) beheimatete das HDF nach seiner Gründung. Das Foto rechts zeigt die Gründungsbelegschaft mit dem Vorstand der ersten Stunde (v.l.n.r.): Dieter Ertel, Gisela Huber, Anita Bindner (frühere Raith), Dr. habil. Peter Zimmermann, Lucia Jans, Dr. Kurt Stenzel

Die Villa Berg in Stuttgart (links) beheimatete das HDF nach seiner Gründung. Das Foto rechts zeigt die Gründungsbelegschaft mit dem Vorstand der ersten Stunde (v.l.n.r.):
Dieter Ertel, Gisela Huber, Anita Bindner (frühere Raith), Dr. habil. Peter Zimmermann, Lucia Jans, Dr. Kurt Stenzel

Am Anfang einer Gründung eines zunächst vagen Hauses des Dokumentarfilms stand meine Frage in eine übliche Freitagsrunde mit Kollegen, was ein bleibender und trefflicher Merkposten für den, in der geplanten Fusion aufzugebenden, SDR sein könnte. Wir waren uns schnell einig, dass mit der Erinnerung an die »Stuttgarter Schule« und den damals neuen journalistischen Handschriften im Fernsehen wie den »Zeichen der Zeit« der beste Weg einzuschlagen sei: Dokumentarfilm als Bilder-Dramaturgie, als gefilmte Version einer Wirklichkeit. Walter Jens nannte diesen neuen Typ von kritischem Fernsehjournalismus zusammenfassend »Meisterwerke visueller Rhetorik«. Für den ersten Fernsehdirektor des SDR waren sie seit 1954 die Stärke des Süddeutschen Rundfunks mit dem weiten Spielraum von Kultur und Feuilleton bis zu Geschichte und Wissenschaft. Immer politisch. Immer Grenzen überwindend. Verbindungen waren -geknüpft zum »Cinéma Vérité« in Frankreich oder den neuen Konzepten mit der »Living Camera« in den USA. 

Eine andere, ganz andere, sehr subjektive Handschrift brachte Horst Stern. Der Autor selbst trat ins Bild und erklärte. Seine Tiersendungen bekamen alle Fernsehpreise, sind bis heute beispielhafte (zugleich radikale) Natur- und Umweltsendungen, konnten Fernsehzuschauer mit »Bemerkungen über den Rothirsch« am Heiligabend schockieren, wie alle deutschen Jäger erzürnen. Mitte der 1970er Jahre mit dem Beginn der Dritten Programme begannen Hausautoren spannende Themen aus den Heimatregionen aus Nachrichten zu Reportagen und Dokumentationen aufzugreifen. Folklore und die Tradition generell wurden ernst genommen, Zeitzeugen verknüpften persönliche Lebensgeschichten mit Krieg und Nachkriegszeit. Aufarbeitung wurde allgegenwärtig, regional und bundesweit. 13 Folgen »Europa unterm Hakenkreuz« in der ARD oder  »Laterna Teutonica«, Roman Brodmanns Entwicklung des deutschen Films zwischen künst-lerischem Anspruch und totalitärem Zugriff im Dritten Reich, seien hier genannt. 
 
Treffend für viele dieser Sendungen und ermutigend für alle Autoren Hans Bausch in einer Live-Moderation: »Wer es unternimmt, das dunkelste Kapitel unserer Vergangenheit auszuleuchten, kann nicht ohne Widerspruch bleiben«. Er hatte Courage. Umstritten war ihm recht. Das gehört zu Bildung und Kultur. Das ist der Sendeauftrag. Dazu braucht es Unabhängigkeit. Sie ist zu schützen. Ich selbst bin als Journalist kein Dokumentarfilmer. Umso größer mein Respekt etwa für den Fernsehdirektor des damaligen SWF in Baden-Baden: Dieter Ertel, der selbst die Anfänge des Dokumentarfilms in Stuttgart als Redakteur begleitet hatte, der mich mit jenem Minimum an Sachverstand fütterte, den ich zur Werbung für die Idee brauchte. Ich konnte ihn als Gefährten für die Monate der Gründungsvorbereitung gewinnen. Als Kuratoriumsvorsitzender hat er dann den Weg nach der Gründung bestimmt. Dann brauchte ich noch einen »Macher«, einen organisationsbegabten Geschäftsführer für die unendlich vielen scheinbar kleinen Fragen auf dem Weg zu einer gemeinnützigen Stiftung. Er musste das journalistische Handwerk beherrschen, sollte ein »Mann der ersten Stunde« für das deutsche Fernsehen, ein Kind des Landes und des SDR sein. Er musste die Vision teilen. Ich fand ihn in Dr. Franz Dülk aus Iphofen in Franken. Er war ein glänzender und überaus fleißiger Chronist. Ertel und Dülk nenne ich meinen Glücksfall, weil sie sich ergänzten, weil sie sich trotz Auseinandersetzungen immer im Ziel einig blieben. Dann nenne ich weiter diese Glücksfälle: Lothar Späth, dessen Ungestüm beim Umbau Baden-Württembergs von Industrie zu Dienstleistung ein Rätsel bleibt, der in kürzester Zeit ein neues Image für visionäre Kultur im wirtschaftsorientierten Musterländle geprägt hat. An seiner Seite und als genialer Partner ein Ministerial-dirigent:  Professor Dr. Dr. Hannes Rettich, selbst eher der Theatermann, mit Professor Wolfgang Gönnenwein, dem Dirigenten und Festivalchef, ein unschlagbares kulturpolitisches Duo gegen viele Widerstände aus allen möglichen Amtsstuben. Mein Glücksfall, weil Rettich als Mitglied im Rundfunkrat alle Schwächen kannte, die Stärken und Gestaltungsmöglichkeiten umso mehr liebte. Es entstanden im Lande in Monaten eine Theaterakademie und eine Filmstiftung, die Akademie Solitude für Kunststipendiaten aus aller Welt, in Karlsruhe ein wegweisendes Zentrum für Kunst und Medien, eine Denkmalstiftung und flächendeckend für das Land eine großartige Kunstkonzeption mit neuen Festspielen, Festivals neuen Typs, internationale Kulturwerkstätten oder -meilen, vieles davon in der Landeshauptstadt. Schwaben war nicht mehr nur Industrie, sondern auch ein europäisches Zentrum der Kultur. 

ARTE entstand mit dem Ziel, Deutschen und Franzosen die jeweils andere Kultur nahezubringen, ja auch andere zur weiteren Vereinigung zu ermutigen. Lothar Späth war der Bevollmächtigte für die deutsch-französischen Kulturbeziehungen. Er konnte sich auf seinen SDR und SWF stützen. Dazu ließ er freien Raum für Inhalte. Neues wurde ermutigt und staatlich hochpoliert. Sein Interesse waren Strukturen. Mein Beispiel: Er wollte eine Partnerschaft mit der Provinz Jiangsu und ihrer Hauptstadt Nanking in China. Er lud eine Delegation ein, zu der auch der kommu-nistische Intendant des dortigen Fernsehens gehörte. Wir sollten uns um diese (übrigens ganz wunderbare!) Person kümmern. Daraus wurde ein Austausch, es entstanden Dokumentationen und Freundschaften. Es sind Professionalität und Leidenschaft, die Journalismus wie Kultur gelingen lassen. Dazu gehört die eingeräumte Freiheit.

Rufe ich meine Erinnerungen ab, dann dürfen die vielen mühsamen -Details aus dieser Zeit verblassen, weil die glücklichen Merkpfosten fest verankert sind. Der SDR war sehr vernetzt in Stuttgart, immerhin der Landes-hauptstadt. Viele Abgeordnete im Landtag nutzten dies zu Nadelstichen. Auch störte die CDU-Mehrheit die vom Intendanten hoch gelobte Staatsferne sowie die Unabhängigkeit der meisten Rundfunkräte des SDR, die fast geschlossen die erfolgreiche Klage des SDR im Frequenzverfahren gegen das Landesmediengesetz unterstützt hatten. CDU und der Ministerpräsident wollten wie Bausch zwar einen Landessender, aber konnten sich als Sitz nicht Stuttgart, sondern eher Baden-Baden vorstellen. Bausch machte just in dieser Zeit den Weg frei für neue handelnde Personen bei der Rundfunkfusion. 
 
Die Pläne für das Haus des Dokumentarfilms liefen von Fusions--Turbulenzen ungestört und zügig weiter. Bauschs Nachfolger als Intendant des SDR, Hermann Fünfgeld, hatte von Beginn an als Verwaltungsdirektor alle Pläne zielstrebig gefördert, und zudem mit seinem Sachverstand bis heute Finanzen stabilisiert. Die Gespräche mit den potentiellen Mitgliedern waren in meinem Grundverständnis vorgegeben: Erinnert werden sollte an ein neues Kulturgut, das mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk entstanden war: der Dokumentarfilm als massentaugliches Angebot. Alle Archive waren mit der beginnenden Digitalisierung neu zu ordnen. Ein Blick auf die einzelnen Mitgliedschaften zeigt die Richtung: ZDF als der größte Partner, der besonders durch die Sachkunde beim Archiv-aufbau geholfen hat. Es war viel Freundschaft und keine erwartete Gegenleistung, außer der unendlich wertvollen gemeinsamen Übersicht der Bestände. 

ARTE war Partner nicht nur wegen der europäischen Grundidee, sondern auch in der Person des ARD-Programmdirektors Dietrich Schwarzkopf, der zudem maßgeblich beigetragen hat, dass andere ARD-Sender wie WDR, NDR, zu Beginn auch HR Hilfestellung leisten, wenn sie gebraucht wird. Später hat er von Straßburg aus die europäischen Entwicklungen, besonders nach dem Fall der Mauer, begleitet.

Industrie- und Handelskammer war durch die Mitgliedschaft im Rundfunkrat, die eindeutige Gemeinwohlorientierung und die Nähe zu Handwerk und Wirtschaft der Wunschpartner für die im Film dokumentierte Geschichte des Landes, der Firmen und Kommunen. Mit der VFF, der Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten, war die Orientierung an Rechten und Autorenleistungen von den Anfängen bis in eine immer schwieriger werdende Zukunft durch Kompetenz und Wissen gesichert. Sie waren mit dem SDR eng verbunden, weil in Stuttgart mit der Justitiarin Margret Wittig-Terhardt der wohl bedeutendste Dreiklang von Verwaltung, Finanzen und Recht in der ARD residierte. Sie verstand Autoren und konnte mit Dokumentaristen und Journalisten kundig umgehen. 

Schließlich brauchten die beiden Religionsgemeinschaften nicht überredet werden, denn sie waren von der Richtigkeit überzeugt. Seit es einen Hörfunk in Deutschland gibt, gibt es kirchliche Sendungen, seit es Fern-sehen gibt, wird medial verkündet. Bischof und Oberkirchenrat waren -Befürworter, weil es keinen verlässlicheren Partner in den Medien gibt als ARD und ZDF. Schließlich Stuttgart. An das Gespräch mit Oberbürgermeister Manfred Rommel habe ich eine bleibende Erinnerung. Er kannte den SDR und schätzte ihn als Kulturträger ungemein. Er war sparsam. Dabei sehr, sehr freundlich. So sagte er zu mir: »Wenn Sie das wirklich wollen, dann habt Ihr (gemeint war der SDR) genug Geld und braucht die arme Stadt nicht. Nehmen Sie diese Hosenträger, wir machen mit und etwas geben wir auch.« Die Hosenträger in schwarz-gelb halte ich in Ehren wie auch seine Worte. Tatsächlich hatte der SDR alles Notwendige: erstklassige Mitarbeiter in der Ausstattung, in Produktion, Technik, Verwaltung – ein geschlossenes Team. Sie sind meine schönste Erinnerung an Stuttgart.

Einen festen Bestand wünsche ich dem Haus des Dokumentarfilms. Auch der jetzige Intendant des SWR, Peter Boudgoust, hält seine schützende Hand über ein Projekt, das keinen materiellen Wert verspricht. Europa beginnt soeben neu. Das Haus des Dokumentarfilms entstand nach dem Mauerfall. Das ganze Europa sollte es immer sein. Die Mitarbeiter der letzten Jahre und die zukünftigen dürfen weiter daran arbeiten. Sie bleiben mir hoffentlich gewogen.

Ich jedenfalls danke.

(Dr. Hans Heiner Boelte)

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