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Meilensteine (4): Berlin, die Sinfonie der Großstadt

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Meilensteine des DokumentarfilmsOb Walther Ruttmanns Film nun wirklich ein Dokumentarfilm ist, oder ein Spiel-, ein Essay-, ein Montage-, ein Städte-, oder einfach ein Avantgardefilm - alle diese Formulierungen stammen aus aktuellen Quellen -, so ist eines doch sicher: »Berlin, die Sinfonie der Großstadt« lag 1927 ein klares dokumentarisches Interesse ihres Autors zugrunde. Alle Begriffsbestimmungen sind angesichts des 65 Minuten langen Filmes ohnedies obsolet: das Werk ist zweifelsohne ein Meilenstein des Dokumentarischen.

Berlin, die Sinfonie einer Großstadt

Walther Ruttmann, geboren Ende 1887 in Frankfurt am Main, versuchte in seinen filmischen Arbeiten, Musik und Optik mit mathematischer Systematik zu paaren. Bevor er 1927 seinen heute als Hauptwerk wahrgenommenen Berlinfilm drehte, hatte er bereits in Filmen wie »Lichtspiel Opus 1« und »Opus 2 bis 4« versucht, Kunst und Film zu vereinen. Seine frühen Versuche waren autodidaktisch erarbeitete Kamerastudien über Bewegungsabläufe und geometrische Formen. Besonders interessierten ihn geografische Muster.

Auch »Berlin, die Sinfonie der Großstadt« lebt in allen fünf Akten dieses Filmes von einer ständigen Aufmerksamkeit der Kamera für Bewegungsabläufe und sich daraus »errechnenden« Schemata. Gleich zu Beginn des Filmes, der das Leben eines Tages in Berlin schildert, nähern wir uns mit der Eisenbahn der Metropole. In den endlosen Eisenbahnschienen, in den vorbeihuschenden Züge, Bäumen und Gebäuden findet Ruttmann geometrische Strukturen wieder. Doch anders als in seinen frühen »Opus«-Filmen, entnimmt er diese nun dem realen Leben. Er will das Leben in Berlin schildern. Fünf Akte nimmt er sich dafür Zeit. Über 2700 Meter Film. Ein gewaltiges Werk, das durch die Orchestrierung von Edmund Meisel zu einem musikalisch-optischen Kunstwerk wird.

Der erste Akt zeigt uns ein morgendliches Berlin. Es ist fünf Uhr. Dieser Akt ist eine klare, dokumentarische Sicht auf die noch schläfrige Stadt. Erste Arbeiter tauchen auf den noch weitgehend leeren Straßen auf. Menschen und Maschinen beginnen ihr Tageswerk. »Ich muss ständig mit meiner kleinen Detektivkamera auf Lauer liegen«, hat Ruttmann einmal über seine Arbeitsweise gesagt. Er wolle alles »unbemerkt aufnehmen«, denn: »Keines der Objekte durfte etwas von der Aufnahme wissen und im Bewusstsein gefilmt zu werden, anfangen zu spielen.«

Ruttmann selbst ist es, der in den folgenden Akten von seinem dokumentarischen Ansatz immer wieder abweicht. Während er sich mit Arbeitern, mit den Unterschieden zwischen Armen und Reichen, mit dem Geldverdienen und schließlich der nächtlichen Unterhaltungsgesellschaft beschäfigt, beginnt er allein durch den Schnitt und die Montage der Bildersequenzen, das Gezeigte zu kommentieren. Einmal inszeniert er sogar einen Selbstmord - mit einem Blick in die irre wirkenden Augen kurz vor die Tat. Zwei Jahre später wird er in »Melodie der Welt« zum Ton-Spielfilm finden - er nimmt dies ansatzweise auch in »Berlin« vorweg.

Berlin, die Sinfonie einer Großstadt

»Berlin, die Sinfonie einer Großstadt« ist ein moderner Film - auch mehr als 85 Jahre nach seiner Veröffentlichung kann man das sagen. Der Schnitt, der Blick der Kamera, die enge Choreografie der Bilder mit der begleitenden Musik (die für die Vorführung im Fernsehen und auf DVD neu eingespielt wurde) wirken bis heute nicht veraltet.

Walther Ruttmann gelang mit diesem dokumentarischen Essayfilm ein Kunstwerk - also genau das, was er immer anstrebte. Mit seinen späteren Arbeiten konnte der einstige Gebrauchsfilmer an dieses Niveau nicht mehr anknüpfen. Leni Riefenstahl interessierte sich für seine Arbeit - er wirkte 1935 an »Triumph des Willens« mit. Ruttmann arrangierte sich mit dem Nationalsozialismus. Seine letzten Arbeiten stehen im Dienst der »Volksbildung«. 1941 stirbt er an den Folgen einer Embolie.

Der Traum von einer ästhetischen Avantgarde im Film, wie sie ein Eisenstein vormachte, hat sich für Ruttmann letztlich nur in »Berlin, Sinfonie einer Großstadt« manifestiert. Der Film ist zurecht ein Meilenstein des Genres - er inspiriert bis heute. Aber er blieb Ruttmanns einziger Geniestreich.

2002 hat der Dokumentarfilmer und heutige Leiter der Filmakademie Ludwigsburg, Thomas Schadt, mit »Berlin - Sinfonie einer Großstadt« eine zeitgenössische Antwort auf Ruttmann gegeben. In vielem ähneln sich Ruttmanns Original und Schadts Bezugnahme - beide Filme gemeinsam ergeben einen verdichteten dokumentarischen Blick auf die Metropole Berlin. Selbst das sechs Jahre später gesendete Dokuprojekt »24h Berlin« kann trotz seiner zigfachen Länge und trotz seines klaren dokumentarischen Ansatzes kein so stimmungsvolles Bild von Berlin 1927 und 2002 geben, wie die beiden »Sinfonie«-Filme es konnten.

(Thomas Schneider)

Berlin, die Sinfonie der Großstadt

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27. April 2017

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