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DVD-Tipp: Endstation Seeshaupt

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Endstation SeeshauptKurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs erließ Heinrich Himmler den Befehl, alle Konzentrations- und Vernichtungslager zu räumen. Kein Inhaftierter sollte des Kriegsende überleben. Durch das untergehende Nazi-Deutschland und die unterworfenen Ostgebiete rollten nun Todeszüge. Die Geschichte eines dieser Züge, der mit mehr etwa 4000 hungernden, durstenden, sterbenden Menschen an Bord durch Bayern irrte, erzählt der Dokumentarfilm »Endstation Seeshaupt«. Ein Film, der auch von dem befreienden Mut zum Erinnern berichtet.

Wer heute nach München fährt und dann weiter mit der S-Bahn zum Starnberger See, der kommt an Ortschaften vorbei, die in ihrem Namen schon die idyllische Beschaulichkeit dieser Landschaft tragen: Poing, Tutzing, Seeshaupt. Dass sich hier vor über sieben Jahrzehnten dramatische Ereignisse abspielten, sieht man den putzigen Ortschaften nicht an und viele der dort Lebenden haben die Untaten in den letzten Kriegswochen lange Zeit verdrängt und vergessen.

Nicht alle haben geschwiegen. Auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer ausgegrenzt zu werden, haben Einzelne in den letzten Jahren in dieser bayerischen Idylle das Erinnern wach gehalten. Sie erinnern an eine Tragödie, an einen Todeszuges, der in den letzten Kriegstagen durch die Gegend rollte. Vom Dachauer Außenlager Mühldorf-Mettenheim war er auf eine Irrfahrt durch Bayern geschickt wurde. Von dem Zug, seiner menschlichen Fracht, die der Vernichtung zugefahren werden sollte, vom Helfen und vom Wegschauen und darüber, wieso man das alles nicht Vergessen darf -, davon erzählt also der Dokumentarfilm »Endstation Seeshaupt«. Er ist nun mit zusätzlichen und lohnenswerten Extras als DVD auf den Markt gekommen.

Es ist ein leiser Film, der dem Drehbuchautor und Regisseur Walter Steffen da gelungen ist. Zuletzt erfreute er mit seinem Kino-Dokumentarfilm »München in Indien«. Eine farbenprächtig Kunst-Doku mit Sinn für feine und durchaus auch ironische Wendungen. Eine überzeugende Spurensuche. Das ist auch »Endstation Seeshaupt«, und dennoch ist er ganz anders. Sein 2009 entstandener und 2010 im Kino gezeigter Film bearbeitet ein dunkles Kapitel. Da lässt Steffen nicht locker, um die Geschichte minutiös nachzustellen und zu erzählen. Er seziert die Fahrt zwischen Verzweiflung und immer wieder aufflackernder Hoffnung. Er findet Zeugen, die im Zug waren. Und er findet Einheimische, die miterlebten, wie Gefangene, denen kurzfristig die Flucht gelang, um Essen vor der Haustüre bettelten. Oft blieben die Türen wohl geschlossen, aber Steffen zeigt vor allem jene Reaktionen, die Hoffnung spendeten.

Es ist ein Film gegen das Vergessen. Ein Münchner, der von sich vor der Kamera behauptet, aus seiner Liebe zu Deutschland seine Verantwortung auch für die Untaten seines Volkes abzuleiten, bringt das Anliegen des Filmes auf den Punkt: »Ich muss mich auch dem stellen, was wir als Kollektiv Schreckliches getan haben.« In diesen Momenten spürt man, dass Erinnern mehr sein kann, als sich der Scham und den Schuldgefühlen zu stellen. Sicher, das ist schwer. Aber ss befreit, es macht Mut, es versöhnt. Der Film zeigt auch, wie einer der damaligen Inhaftierten, der verschleppte ungarische Jude Louis Sneh, immer wieder und wieder nach Seeshaupt zurückkommt. An den Ort seiner Befreiung. Als ob er es auch so viele Jahre später nicht glauben kann, dass er diese Fahrt überlebte, hat er über die Jahre hinweg Tausende von Fotos aufgenommen. Darauf immer wieder zu sehen: der Bahnhof von Seeshaupt, der mehr ist als ein Haltepunkt für die S-Bahn. Schon das zu wissen, ist ein Gewinn.

Die DVD bietet neben dem Hauptfilm noch einige Extras - am wichtigsten sind dabei die von zwei Schauspielern gelesenen Erinnerungen einiger Zuginsassen. In diesen Zeilen wird noch einmal deutlich, was die Stärke des Dokumentarischen ist. Es zeigt uns, wie die Welt ist und nicht, wie wir sie gerne gehabt hätten.

(Thomas Schneider)

Endstation SeeshauptTeil eines Mahnmals, das an die Insassen des Todeszuges erinnert.

 

Endstation Seeshaupt DVDEndstation Seeshaupt - Eine Reise durch Oberbayern 1945-2010
Dokumentarfilm, D 2010, 94 Minuten
Buch, Regie und Produktion: Walter Steffen
Produktion: Konzept+Dialog Medienproduktion
DVD-Vertrieb: Euro Video


Extras auf der DVD (72 Minuten):
Berichte von Augenzeugen
Lesung mit Kia Ahrndsen & Ferdinand Dörfler (25 Min.)
Dr. Max Mannheimer in der Grundschule Altenerding (40 Min.)
Deleted Scenes mit zusätzlichen Interviews von Zeitzeugen (7 Min.)

Mehr Infos zum Film unter:
www.endstation-seeshaupt.com 



 

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28. April 2017

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