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Handarbeit: Die Huldigung der Arbeit

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Doku-News Das Thema Arbeit ist beim Leipziger Dokumentarfilmfestival immer stark vertreten. In diesem Jahr aber war es besonders präsent. Ob das nur an dem »Healthy Workplaces Film Award« lag, der übrigens an den Brasilianer Aly Muritiba für seinen Film »A Gente« ging? Oder ist die Handarbeit inzwischen eine solche Ausnahme in unserem Leben geworden, dass sie von Dokumentaristen mit zunehmender Begeisterung in den Mittelpunkt gestellt wird?

Super Women

Im israelischen Wettbewerbsbeitrag »Super Women« steht ein Supermarkt in Tel Aviv und seine meist russisch-stämmigen Mitarbeiterinnen im Fokus. Die beiden Regisseure Yeal Kipper und Ronen Zaretzky beobachten sehr präzise und arbeiten die fatalen Arbeitsbedingungen heraus. Ständig preist der Marktleiter über Lautsprecher die neuen Sonderangebote an der Kasse an. Und laut ist es sowieso immer. Es entstand eine Sozialstudie von großer Klarheit und Emotionalität. Der Film erhielt von der Jury eine Lobende Erwähnung.

Laut und schrill geht es auch im chinesischen Wettbewerbsbeitrag »A Folk Troupe« zu, den die Filmkritiker der Fipresci mit ihrem Preis auszeichneten. In einem Wirtschaftszentrum im Südwesten Chinas tourt eine elfköpfige Theatertruppe. Sie müssen sich Locations suchen, offizielle Genehmigungen einholen und Werbung machen. Meist kommen die Älteren, für die die traditionelle Theatertradition mit aufwendigen Kostümen und Make Up noch wichtig ist. Es gibt Spannungen in der Truppe, denn ihre Zukunft sieht eher düster aus. Ein spannendes Stück Alltagsbeobachtung.

Dies trifft auch zu für »Sirs and Misters« von Olexandr Techynskyy aus der Ukraine. Einmal im Jahr kommen seit den 1990er Jahren orthodoxe chassidische Juden aus der ganzen Welt nach Uman, um den traditionellen Neujahrstag am Grab des Rabbi Nachman zu feiern, dem Gründer ihrer Glaubensrichtung. Volker Koepp zeigt dieses exotische Treffen in seinem Leipziger Wettbewerbsfilm »In Sarmatien«. Doch Techynskyy wählt eine völlig andere Perspektive. Die der ukrainischen Tagelöhner, die eine Woche lang die Chance bekommen, Dollars zu verdienen, indem sie Berge von Gepäck auf Karren hoch in die Stadt bringen. Sie verkaufen sogar ihre eigenen Zelte und schlafen eingepackt in Plastikfolien. Ein sehr direkter Film über ein ungewöhnliches Ereignis.

Mit der Goldenen Taube Junges Kino ausgezeichnet wurden die beiden Inderinnen Ekta Mittal und Yashaswini Raghunandan für »Distance«. Es geht um die Wanderarbeiter in Bangalore City, denen die beiden eine Stimme geben. Zugleich werden die Baustellen und ihre Umgebung in starken experimentellen Bildern eingefangen.

Einen anderen Weg wählte Inés Rabadán in »Domestic Karaoke«. Sie interviewte drei Hausangestellte und drei Hausherrinnen. Diese O-Töne dienen als Grundlage für eine Inszenierung der besonderen Art. Vor bunten Hintergrund, die die Zuordnung erleichtern soll, spricht die Regisseurin alle Rollen selber. Eine Meisterleistung , in Mimik und Gestik die unterschiedlichen Charaktere zum Vorschein zu bringen.

Wie schwer es sein kann, Arbeit zu finden – insbesondere als Asylbewerber, zeigen Judith Keil und Antje Kruska in »Land in Sicht«. Sie begleiten über ein Jahr Brian aus Kamerun, Abdul aus Jemen und Farid aus dem Iran. Ihre Besuche bei Behörden, Sprachbarrieren und erste Ansätze Fuß zu fassen in Bad Belzig in der ostdeutschen Provinz. Die rührenden Bemühungen, den Fremden helfen zu wollen, entwickeln ein überraschendes Humor Potential.

Majubs Reise

Auf eine historische Spurensuche begibt sich Eva Knopf in »Majubs Reise«. Adam Mohamed Hussein kämpfte mit seinem Vater für die Deutschen im Ersten Weltkrieg. Da ihm kein Sold gezahlt wurde, reiste er nach Berlin um es einzufordern – ohne Erfolg. Also begann er eine Karriere beim Film. Er arbeitete sich vom Statisten hoch zu ersten Sprechrollen. Jetzt nennt er sich Mohamed Husen. Eine tragende Rolle bekommt er in »Carl Peters« und spielt dort den Vertrauten der Titelrolle, gespielt von Hans Albers. Er verliebt sich in eine Deutsche und kommt in Schutzhaft ins KZ Sachsenhausen, wo er 1944 umgebracht wird. Eva Knopf findet nur noch wenige Spuren, verknüpft sie jedoch geschickt mit einem essayistischen Kommentar. Als Glücksfall erweist sich für sie der Fund eines Denkmals der deutschen Kolonialherren. Denn darin spiegelt sich die deutsche Kolonialgeschichte, das Verhältnis der Herren zu ihren Askaris. Dies Monument schlägt eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.

(Kay Hoffmann)

 

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27. April 2017

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