A A A
www.dokumentarfilm.info

Buchtipp: DOK Leipzig und die Stasi

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Logo Doku im BuchGanz im Zeichen des Herbstes von 1989, als Leipzig Mittelpunkt einer friedlichen Revolution wurde, ist gerade das 57. Leipziger Dokumentarfilmfestival über die Bühne gegangen. Die Suche nach Freiheit war ein ganz zentrales Thema in diesem Jahr. Dass die Leipziger Festivalmacher in den Jahren vor '89 selbst um ihre eigene Freiheit fürchten mussten, belegt das von Andreas Kötzing herausgegebene Buch »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten«. Es ist ein wichtiges Buch darüber, wie staatliche Kontrolle funktioniert.

Bildhinweis: Abbildung aus »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten« © mitteldeutscher verlag

Am 18. November 1983 demonstrierten in Leipzig 25 bis 30 Jugendliche aus der Friedensbewegung vor dem Festivalkino »Capitol«, wo die 26. Dokumentar- und Kurzfilmwoche eröffnet wurde. Sie stellten sich stumm in einem Kreis auf und entzündeten Kerzen, um für den Frieden zu demonstrieren. Die DDR-Sicherheitsorgane waren darauf vorbereitet und innerhalb weniger Minuten wurde die Demonstration brutal aufgelöst und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verhaftet. Obwohl zahlreiche Gäste des Festivals, darunter auch westdeutsche Journalisten, diese Ereignisse mitbekommen haben, ging Annelie Thorndike, die Vorsitzende des Festivalkomitees, bei der Eröffnung eine halbe Stunde später mit keinem Wort darauf ein.

Gäste erkundigten sich am nächsten Tag bei Festivalleiter Roland Trisch nach dem Verbleib der Verhafteten. Aus dem ZK der SED kam die verbindliche Anweisung, dass es sich bei dem Vorkommnis zur Eröffnung um eine »gezielte Provokation feindlicher Kräfte« handele, die nicht mit dem Festival in Zusammenhang stehe. Die weitere Sprachregelung war eindeutig: »Über die volkspolizeilichen Maßnahmen, die zur Herstellung der Sicherheit und Ordnung durchgeführt wurden, wird nicht diskutiert. Mit Personen, die von dieser Linie abweichen und die feindlichen Kräfte bemitleiden, wird sich mit aller Konsequenz auseinandergesetzt. Leipzig ist ein politisches Festival und keine Diskussionsrunde über Maßnahmen der Schutz- und Sicherheitsorgane.«

Bildhinweis: Abbildung aus »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten« © mitteldeutscher verlagDoch von einigen wurde massiv ein Gesprächstermin mit der Festivalleitung darüber gefordert und der Vorfall sorgte für Aufregung während des Festivals. Horst Pehnert, der stellvertretende Kulturminister der DDR schaltete sich ein und versicherte, dass alle Demonstranten bis auf zwei wieder auf freiem Fuß seien. Eine öffentliche Diskussion stand unter besonderer Beobachtung der Stasi. Erst später kam heraus, dass nur ein Teil der Jugendlichen frei kamen, sieben andere blieben im Gefängnis. Sechs von Ihnen wurde der Prozess gemacht und sie wurden zum Teil zu drastischen Strafen bis zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Diese sogenannte Kerzendemonstration 1983 war für den Historiker Andreas Kötzing der Auslöser, sich mit den Verstrickungen des Leipziger Dokumentarfilmfestivals und der Stasi zu beschäftigen. Er wurde dabei unterstützt vom Festival, dem Dresdner Hannah Arendt-Institut, für das er inzwischen arbeitet, und dem sächsischen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Seine Ergebnisse veröffentlichte er in dem Buch »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten!«, das pünktlich zum diesjährigen Festival erschienen ist. Zum Teil sehr persönliche Berichte verschiedener Zeitzeugen zu dieser Demonstration ergänzen seine Rechercheergebnisse.


Das Festival wurde systematisch überwacht

Bei seinen Forschungen fand Kötzing heraus, dass es eine umfangreiche und systematische Überwachung des Festivals durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gab. Dies gelang ihm, obwohl zahlreiche Akten 1989 in der Stasi-Zentrale vernichtet wurden. Das Leipziger Dokfest gehörte mit seinen rund tausend internationalen Gästen zu den größten Kulturveranstaltungen der DDR. Kötzing weist nach, das zahlreiche Verantwortliche des Festivals wie Werner Rose und Festivalleiter Wolfgang Kernicke seit 1962 als »Inoffizielle Mitarbeiter« oder als »Geheime Informatoren« geführt wurden. Ebenso Kernickes Nachfolger Wolfgang Harkenthal.

Ihre Tätigkeit für die Staatssicherheit konzentrierte sich Mitte der 1960er Jahre auf die interne Überwachung des Festivals und die einheimischen Mitarbeiter. In den 1970er und 1980er Jahren wuchs die systematische Überwachung des Festivals. Es gab Versuche der Anwerbung westdeutscher Journalisten, die nach Aktenlage erfolglos blieben. Die Überwachungstätigkeit nahm im Anschluss an Krisen wie der Ausbürgerung Wolfgang Biermanns 1976, der polnischen Solidarnosc-Bewegung 1980/81, der Kerzendemonstration 1983 oder systemkritische Filme aus der Sowjetunion 1987 deutlich zu. Die Stasi hatte ein erhebliches Kontroll- und Überwachungsbedürfnis, ohne allerdings aktiv in das Festival oder in die Programmierung einzugreifen. Die Stasi reagierte eher auf Ereignisse. Mit dem seit 1973 amtierenden Festivaldirektor Roland Trisch arbeitete das MfS nur auf offizieller Ebene zusammen. Er informierte das Ministerium frühzeitig und war in bestimmten Bereichen wie der Visa-Erteilung auch von ihm abhängig. Er versuchte sich zu arrangieren.

Zum Personalbestand des Festivals gehörte seit den 1970er Jahren ein Sicherheitsinspektor, der für den konflikt- und störungsfreien Festivalverlauf sorgen sollte und oft auch als IM tätig war.

Andreas Kötzing kommt in seiner spannenden und fundierten Studie zu einer überraschenden Erkenntnis: »Vor allem die vielen Filme, die in Leipzig nicht selten für politische Diskussionen sorgten und den eigentlichen Kern des Festivals ausmachten, tauchten in den Akten des MfS kaum auf. Filmästhetische Diskurse oder künstlerische Debatten spielten bei den Überlegungen der Staatssicherheit keine nennenswerte Rolle – für die inhaltliche Ausgestaltung des Festivals fühlte sich das MfS zu keinem Zeitpunkt zuständig. Etwaige Vermutungen, die Staatssicherheit habe das Leipziger Festival ‚unterwandert‘ oder gar ‚fremdgesteuert‘, entbehren jedweder Quellengrundlage. (…) Der Einfluss des MfS auf das Leipziger Festival konzentrierte sich indes auf andere Bereiche des Festivals, insbesondere die sicherheitspolitische Überwachung des Festivalverlaufs und die möglichst umfassende Kontrolle der westlichen Festivalgäste.«

Es ist ein wichtiges Buch, das am Beispiel des DOK Festes zeigt, wie eine staatliche Kontrolle im Detail funktioniert hat. Es kommt rechtzeitig zum 25. Jubiläum des Mauerfalls und erinnert an die dunklen Seiten des Systems.

(Kay Hoffmann)


dokleipzig stasi_2_250pxAndreas Kötzing (Hg.):
Die Sicherheit des Festivals
ist zu gewährleisten!


Kritische Jugend, die Leipziger Dokfilmwoche und das Ministerium für Staatssicherheit

mitteldeutscher verlag, Halle 2014
Preis: 9,95 €

» Verlagsinfo und Bestellung


 

Bildhinweis:
Alle Abbildungen aus »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten« © mitteldeutscher verlag
 

FVAVANTGRD0708 1.5 RGSTRD
© 2017 www.dokumentarfilm.info | Haus des Dokumentarfilms, Teckstr. 62, 70190 Stuttgart | redaktion@dokumentarfilm.info

Logo Haus des Dokumentarfilms



27. April 2017

Doksite.de - das neue Webportal für den Dokumentarfilm