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Berlinale-Doku-Preis: 50.000 Euro plus Zahnrädchen

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Doku-NewsDer Dokumentarfilm war bei der Berlinale schon immer in allen Sektionen sehr präsent, vergangenes Jahr gewann Gianfranco Rosi mit »Seefeuer« sogar den Goldenen Bären. In diesem Jahr gibt es zum ersten Mal einen eigenen Dokumentarfilmpreis, den eine Luxus-Uhrenschmiede gestiftet hat. Der »Glashütte Original Dokumentarfilmpreis« ist mit 50.000 Euro dotiert worden. Der Preis wird zwischen den Filmemachern und der Produktion geteilt. Insgesamt 16 aus 92 Dokumentarfilmen, die über die komplette Dauer der Berlinale hinweg gezeigt werden, sind für diese Neuling nominiert.

Foto: Szene aus »Mama Colonel« © Cinédoc films 2017 photo Dieudo Hamadi

Foto: Szene aus »Mama Colonel« © Cinédoc films 2017 photo Dieudo Hamadi

Das in der sächsischen Gemeinde Glashütte etablierte Uhrenunternehmen hat für den zu vergebenden Berlinale-Preis eigens eine Statue geschaffen: eine Säule aus aufgeschichteten Zahnrädern. Immerhin passt die Allegorie, denn auch beim Film müssen ja bekanntlich viele Rädchen ineinander greifen, damit am Ende etwas Vorzeigbares oder gar Preiswürdiges dabei heraus kommt.

Von den insgesamt 92 Dokumentarfilmen im offiziellen Programm der Berlinale 2017 sind 16 für den neuen Preis nominiert - aus allen Kategorien und quer durch das Festival. Die Nominierten stehen für die Bandbreite des Genres sowohl thematisch, stilistisch als auch von den Produktionsbedingungen. Die dreiköpfige Jury hat die schwierige Aufgabe, daraus einen Gewinner zu bestimmen. Zur Jury gehört die amerikanische Dokumentarfilmemacherin Laura Poitras, die vor allem mit ihrem Film »Citizen Four« weltweit bekannt wurde und 2015 dafür einen Oscar gewann. Der Schweizer Produzent und Filmemacher Samir engagiert sich sehr für junge Talente und hat betont politische Filme gedreht wie zuletzt »Iraqi Odyssey« über seine in der ganzen Welt verstreute Familie. Daniele Michel schließlich ist Filmkritikerin und Gründerin eines Filmfestivals in Mexiko.

Nur einer aus 16 kann gewinnen

Ein sehr starker Film aus dem Kongo ist »Mama Colonel« (läuft in der Kategorie Forum) von Dieudo Hamadi. Er begleitet die Arbeit einer Polizistin, die einer Sondereinheit vorsteht gegen sexuellen Missbrauch an Frauen und Kinder. Nachdem sie 15 Jahre in Bukavu sehr erfolgreich war, wird sie nun nach Kisangani versetzt und muss praktisch völlig von vorne anfangen. Die Räumlichkeiten sind in einem katastrophalen Zustand und ihre Mitarbeiter scheinen nicht sehr motiviert. Trotzdem gelingt es ihr auch dort mit ihrem zupackenden Herangehen, etwas zu verändern und den betroffenen Frauen und Kindern so etwas wir eine Perspektive zu geben.

Foto: Szene aus »El mar la mar« © Joshua Bonnetta, J.P. SniadeckiEbenfalls im Forum läuft der nominierte Film »El mar la mar« von Joshua Bonnetta und J. P. Sniadecki über die Sonora-Wüste zwischen den USA und Mexiko. Ein sehr experimenteller Film, dessen politische Brisanz man nur erahnen kann. Gedreht haben die Filmemacher auf 16 mm; sie lieben lange Einstellungen und ausgefallene Tonkollagen. Ihre Bilder bleiben oft abstrakt. Die Aussagen von Flüchtlingen und Grenzkontrolleuren sind zum Teil auf Schwarzfilm montiert. Auf jeden Fall wird klar, dass diese Wüste gefährlich ist und ihre Tücken hat, vor allem wenn das Wasser aus geht. Zahlreiche Menschen sind in der Wüste umgekommen. (Foto: Szene aus »El mar la mar« © Joshua Bonnetta, J.P. Sniadecki)

Foto: Szene aus »Erase and Forget« © Andrea Luka Zimmerman, Fugitive Images LimitedUm den Militarismus in den USA geht es auch in »Erase and Forget« (Panorama) der Britin Andrea Luka Zimmerman. ‚Bo‘ Gritz ist einer der höchst dekorierten Vietnam-Veteranen und war Vorbild für die Figur des Rambo im gleichnamigen Spielfilm. Gritz ist eine kontroverse Persönlichkeit. Auf der einen Seite ist er ein Held, der von vielen verehrt wird und Star jeder Waffen-Show ist. Er ist ein unbedingter Nationalist und Partriot. Von daher verehren ihn auch die rechten Kreise in den USA. Auf der anderen Seite hat er bei einem Einsatz herausgefunden, dass die USA in Drogengeschäfte verwickelt sind, die sie offiziell bekämpfen. Dies hat sein Vertrauen in den Staat erschüttert. Der Tod begleitet ihn und sein Leben. Er selbst hat über 400 Personen im Einsatz getötet und während der Dreharbeiten sterben einige Menschen, mit denen er zu tun hat. Sogar ein junger Mann, den er bestärkt, es sei ein guter Entschluss, zum Militär zu gehen. Obwohl er den Helden spielt, hat er versucht, sich selbst umzubringen. Von daher gelingt der Regisseurin ein beeindruckender Film zur Gewaltbereitschaft und Angst einer Gesellschaft, die sich nach außen gerne stark gibt – gerade auch unter dem neuen Präsidenten. (Foto: Szene aus »Erase and Forget« © Andrea Luka Zimmerman, Fugitive Images Limited)

Foto: Szene aus »Beuys« © Erich Puls / Klaus Lamberty zero one film / Stiftung Museum Schloss MoylandUm das Verhältnis von Bürgern zum Staat geht es in Andres Veiels herausragendem Film »Beuys« (Wettbewerb). Der deutsche Filmemacher (u.a. »Black Box BRD«, »Wer wenn nicht wir«) stellt die politischen Ideen des Ausnahmekünstlers Beuys in den Mittelpunkt. Das Konzept für den Film hat sich im Entstehungsprozess stark verändert; was letztlich zu einer Schnittzeit von 18 Monaten führte und zu einer Konzentration auf das historische Material. Zunächst geplant war ein Archivanteil von 30 Prozent, der nun 95 Prozent beträgt. Die Rechteklärung mit 200 Rechtegebern dauerten ein Jahr. Visuell haben dafür die beiden Cutter Stephan Krumbiegel und Olaf Voigländer eine eigene Ästhetik geschaffen, die sich an Fotos und Kontaktbögen orientiert und auch die Bewegtbilder entsprechend rahmt. Für sie waren die Fotos oft stärker als die Bewegtbilder. Vor allem war das Archivmaterial, das von Moni Preischl akribisch recherchiert und gefunden wurde, in der Regel schon geschnitten und gestaltet. Die Fotos boten ihnen andere Möglichkeiten. (Foto: Szene aus »Beuys« © Erich Puls / Klaus Lamberty zero one film / Stiftung Museum Schloss Moyland)

Verzichtet wurde am Ende auch auf 17 Interviews und die aufwändig gedrehten Aufnahmen von Beuys-Kunstwerken in Museen. Veiel will die Bedeutung von Beuys heute zeigen und konzentriert sich deshalb auf einige Aktionen des Künstlers wie dessen documenta Beitrag »7.000 Eichen (Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung)«, den er 1982 realisierte. Beuys hatte basisdemokratische und antikapitalistische Ideen, denen er bei seinen Aktionen und Vorträgen auch lauthals Ausdruck verlieh. Ziel des Films war es, diese Ideen und seine Kunst zusammenzubringen und die gesellschaftliche Relevanz zu zeigen. Von daher hat eine perfekt ausgeleuchtete Fettecke nicht mehr ins Konzept gepasst. Veiel ist wieder ein relevanter Film gelungen, der wichtige Denkanstösse gibt.

Foto: Szene aus »Beuys« © Ute Klophaus. zero one film / bpk Ernst von Siemens Kunststiftung, Stiftung Museum Schloss Moyland

Foto: Szene aus »Beuys« © Ute Klophaus. zero one film / bpk Ernst von Siemens Kunststiftung, Stiftung Museum Schloss Moyland

 

(Kay Hoffmann)

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26. April 2017

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