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Schattenzeit

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Schattenzeit
Interview mit dem Regisseur Gregor Theus
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Nach dem Tod des Fußballers Robert Enke 2009, wurde in den Medien kurz und heftig über Depressionen berichtet. Aber genau so plötzlich, wie das Thema seinen Weg in die Öffentlichkeit fand, war es auch wieder verschwunden. Man hatte kontrovers diskutiert, getrauert und aufgeklärt - das musste genügen! Der Filmemacher Gregor Theus befasste sich bereits vor Enkes Tod mit dem Thema Depression und bebildert in seinem Dokumentarfilm Schattenzeit eindrucksvoll die Gefühlswelt der Betroffenen.

Die Depression zählt immer noch zu einer der stigmatisiertesten Krankheiten. Unsere heutige Gesellschaft kann mit antriebs- oder kraftlosen Menschen nichts anfangen und reagiert en gros mit Ablehnung und Unverständnis. In der Tat, ist es für einen gesunden Menschen schier unmöglich die Emotionen und die Gefühle der Ohnmacht eines depressiven Menschen nachzuvollziehen, geschweige denn dessen Welt in Bilder zu übersetzen. Dem Filmemacher Gregor Theus ist aber gerade dies in seinem neuen Dokumentarfilm Schattenzeit gelungen. Vier Jahre lang recherchierte Theus zu dem Thema Depression und filmte schließlich zwei Jahre lang drei schwer depressive Patienten der Berliner Charité.


Olaf, ein ehemaliger Boxer und Musiker aus Leidenschaft, verlor nach einem Autounfall, bei dem sein Knie zertrümmert wurde, seine Arbeit. Es fing ganz schleichend an. Wochenlange Schlaflosigkeit, dann sozialer Rückzug von Freunden und der Familie und schließlich das Seil mit der Schlinge von der Schlafzimmerdecke. Das Letzte was er am Abend sah und das Erste, wenn er am Morgen erwachte, war sein Galgen. Olaf suchte sich Hilfe bei einem Psychologen und wurde stationär in der Charité untergebracht. Die Elektrokrampftherapie (EKT) schlägt gut bei ihm an, so dass er auf dem Weg der Besserung ist.


Maria erkrankte plötzlich an einem Heilig Abend. Sie verlor die Fähigkeit zu lesen, verstand die einzelnen Wörter und die Welt nicht mehr. Viele lange Stunden und Tage verbrachte sie verzweifelt zuhause, sie weinte ununterbrochen und bat um Hilfe, aber ihre Eltern verstanden sie nicht. Seitdem kämpft sie mit und gegen sich selbst, gegen ihre Ratlosigkeit und Angst vor neuen Herausforderungen. Auch Maria vollzog sich den EKTs und scheint wieder mehr Mut gewonnen zu haben.



Die ehemalige Krankenschwester Mona plagen permanent Selbstmordgedanken. Sie meint, es gab keinen bestimmten Auslöser für ihre Depression, kein einschneidendes oder schockierendes Erlebnis. Auf einmal war da diese Leere, kein Interesse mehr an anderen Menschen oder Dingen, nur noch quälende Schuldgefühle. Die EKTs schlagen bei Mona nicht an, deshalb beschließt sie, sich einer Tiefenhirnstimulation zu unterziehen, einer Operation am Gehirn. Die Aussichten auf eine Besserung sind gering, aber es gibt sie.



Gregor Theus wirkt mit diesem Film in noch nie gesehener, aufklärerischer Weise, indem er sich auf einer neuen Ebene mit dem Tabuthema Depression und den Betroffenen auseinandersetzt. Er rückt die Protagonisten und deren Sichtweisen in den Mittelpunkt und ermöglicht es so dem Zuschauer die Gefühlswelt dieser Menschen mitzuerleben, die auch deutlich übergreift und nachdenklich stimmt.
Bewusst verzichtet der Regisseur auf einen Kommentar oder zusätzliche Musik, was die dämpfende Atmosphäre des Klinikalltags und die Stimmung der Erkrankten widerspiegelt. Mit viel Ruhe und Geduld schaffte es Theus etwas verstörend Unsichtbares erlebbar zu machen.

Schattenzeit wird vom 24.02. - 02.03.2011 im Kino Metropol (Bolzstraße/Ecke Friedrichstraße) Stuttgart zu sehen sein.

Schattenzeit
Regie: Gregor Theus
D 2009, 60 Min.




Interview mit dem Regisseur Gregor Theus:

Wie kamen Sie auf das Thema Depression und dazu einen Film über diese Krankheit zu machen?

Im Jahr 2005 erfuhr ich zum ersten Mal, dass heute immer noch die EKT Behandlung (Elektrokonvulsionstherapie), im Volksmund auch Elektroschocktherapie genannt, in psychiatrischen Kliniken für Depressive angewandt wird und ich war geschockt. Mir war diese Therapieform nur durch den Film "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Jack Nicholson bekannt, in dem diese Therapie sehr unmenschlich und abschreckend wirkt. Ich wollte darüber unbedingt einen sehr kritischen Dokumentarfilm machen. Also begann ich zunächst mit der Internetrecherche und stellte sehr schnell fest, dass nur einige Kliniken in Deutschland mit dieser Behandlungsmethode arbeiten. Eine davon war die Charité in Berlin, eine renommierte Klinik, die in diesem Jahr ihr 300 jähriges Bestehen feiert.

Ich kontaktierte die psychiatrische Abteilung der Charité, um mir die Behandlungsmethode für Recherche-Zwecke anzusehen bzw. mich zu informieren. Insgesamt habe ich ein halbes Jahr fast jeden Tag in der psychiatrischen Klinik verbracht, um mir diese Behandlungsmethode, andere Therapiemöglichkeiten und die Klinik im Allgemeinen anzusehen. Wie viele andere Menschen hatte ich zahlreiche Vorurteile gegenüber Psychiatrien. Meine Vorstellung damals war, dass man in die Psychiatrie "verschwindet", unter starke Medikamente gesetzt wird, nicht mehr man selbst ist, und einem die Kontrolle über sämtliche Entscheidungen genommen wird. Glücklicherweise war genau das Gegenteil der Fall.

Wie sind Ihnen die Protagonisten entgegengetreten?

Während meiner halbjährigen Recherche, sprach ich mit vielen depressiven Patienten, die mir die Möglichkeit gaben sie bei der umstrittenen EKT-Behandlung zu begleiten. Man muss dazu sagen, dass alle Patienten, mit denen ich gesprochen habe, an sehr starken Depressionen litten und bereits einen Selbstmordversuch unternommen hatten. Insofern war die EKT-Behandlung für viele ein Strohhalm, eine Hoffnung aus der Krankheit wieder heraus zu finden. Durch viele intensive und berührende Gespräche erhielt ich immer mehr konkrete Einblicke in diese Krankheit und ihre klinische Behandlung.

Bei meiner Recherche habe ich viele Erkrankte kennengelernt und mit ihnen gesprochen. Das halbe Jahr Vorbereitungszeit, welches ich zur Recherche in der Klinik verbracht hatte, ermöglichte es beiden Seiten aufeinander zu zugehen. Ich wollte meine Protagonisten vorher kennenlernen, und ihnen die Möglichkeit geben mich kennenzulernen, um ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Denn nur so schien es mir möglich, einen ehrlichen Film zu machen. Es war natürlich ein enormer Vorteil, dass ich so viel Zeit in der Klinik verbrachte, da mich dadurch die Patienten auch lange beobachten, ausgiebig mit mir reden und sich annähern konnten.

Während der Drehzeit sind mir dennoch immer wieder Protagonisten abgesprungen. Sie wollten sich nicht mehr drehen lassen, was ich verstehen konnte, da es immer in Phasen war, wo es ihnen wirklich schlecht ging. Dies war mit ein Grund, weshalb wir zwei Jahre gedreht haben. Ich vereinbarte mit Ihnen, dass ich alles drehen durfte, sie allerdings den fertigen Film als erstes zu sehen bekommen würden. Außerdem räumte ich ihnen ein, dass sie selbst entscheiden konnten, wenn sie Szenen aus dem Film raus haben oder gar nicht mehr in dem Film auftauchen wollten. Das stellte natürlich ein enorm hohes Risiko für mich dar, war aber in meinen Augen die einzig faire Lösung diesen Film zu realisieren.

Am Ende bewährte sich diese Vorgehensweise und ich konnte mein vorrangiges Ziel, über die Krankheit aufzuklären, umsetzen. Das geschieht natürlich in gewisser Weise schonungslos aber immer mit großem Respekt gegenüber meinen Protagonisten, die ich nie bloß stellen wollte. Ohne sie wäre der Film nie entstanden und für dieses große Vertrauen bin ich ihnen sehr dankbar.


Welche Hürden mussten während der Dreharbeiten überwunden werden?

Im Grunde bestand das ganze Projekt nur aus Problemen. Eigentlich hätte jeder normale Mensch im Vorfeld gesagt, dieses Thema sei praktisch nicht umsetzbar. Wie soll man eine Krankheit mit Bildern erzählen, die man so nicht sehen kann? Es ist ein Gefühl, was sich jedoch kaum visualisieren lässt. Das ist ja nicht zuletzt ein großes Problem an dieser Krankheit, weshalb die Erkrankten oft nicht ernst genommen werden. Nachdem ich den Film abgedreht hatte, war mir klar, warum noch nie jemand versucht hatte über diese Krankheit aus Sicht der Erkrankten einen Film zu machen. Es ist eigentlich nicht möglich, dafür Bilder zu finden. Nur wenn man sich sehr lange Zeit lässt und sich selbst sehr stark öffnet.

Doch neben der schwierigen Fragestellung einer formalen Herangehensweise und ästhetischen Umsetzung stellten sich auch finanzielle Aspekte in den Weg. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch Student einer Filmhochschule war, konnte ich leider keine Fördergelder beantragen. Also bin ich den langen harten Weg gegangen und habe den Film ausschließlich selbst finanziert. Auch eine Drehgenehmigung zu bekommen, war nicht einfach. Ein früheres Filmprojekt von mir war dabei allerdings hilfreich: vor circa zehn Jahren hatte ich einen Dokumentarfilm über Alzheimerpatienten in einem Altersheim gedreht, den ich der Chefin der Klinik und dem ganzen Klinikpersonal vorgeführt habe, um zu zeigen, in welche Richtung mein neuer Film gehen sollte. Schließlich erhielt ich eine Drehgenehmigung und die maximale Unterstützung der Klinik. Allerdings waren die Auflagen verständlicherweise hoch, um den Heilungsprozess der Patienten und die Arbeit der behandelnden Ärzte nicht zu stören.

Was bedeutet der Titel "Schattenzeit"?

Ich habe die ganze Zeit einen Titel gesucht, der den Gemütszustand Depressiver umschreibt. Ich bin sehr schnell auf das Wort Schatten gekommen, da ein Schatten sich verändern kann, variabel ist, genauso wie die Krankheit Depression. Anfangs hatten wir den Titel Schattenseiten gewählt, der schon in die richtige Richtung ging, mit dem ich aber noch nicht ganz zufrieden war. Für Schattenzeit habe ich mich dann entschieden, da methaphorisch gesprochen, meine Protagonisten eher im Schatten des Lebens, als auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Sie gehen bewusst in den Schatten, um sich zurückzuziehen, um sich aus der Gesellschaft zu ziehen. Da aber auch bei dieser Erkrankung die Möglichkeit auf Heilung besteht, es im besten Falle nur Phasen sind, wollte ich ein Wort haben was zeitlich begrenzt ist und auch Hoffnung macht. So entschied ich mich für Schattenzeit, da in diesem Wort alles zusammenkommt. Das Wort Zeit, was eine Begrenzung darstellt, Hoffnung macht, neben dem negativen was die Erkrankung mit sich bringt. Ein UNWORT, was es so nicht gibt. Genauso wie die Krankheit Depression, die in der Gesellschaft noch nicht akzeptiert wird, also eigentlich auch nicht in der Gesellschaft existiert.

Haben Sie noch Kontakt zu den Protagonisten?

Ja, ich habe noch Kontakt zu meinen Protagonisten und telefoniere ab und zu mit Ihnen. Schon alleine um Ihnen auch immer zu erzählen, wie der Film auf internationalen Festivals oder bei Kinovorführungen ankommt, was sie sehr interessiert und ihnen Kraft gibt, denn auch ihr Ziel ist es gegen das Tabu anzugehen.

Glauben Sie, dass diese krankheit in Zukunft mehr in der Öffentlichkeit diskutiert werden wird?

Ich hoffe, dass die Krankheit mehr in der Öffentlichkeit diskutiert wird, da Depressionen zur Volkskrankheit Nummer eins werden und unsere Gesellschaft sich zwangsläufig mit dieser Krankheit auseinandersetzten muss. Ich hoffe nur früher als später, da es uns alle treffen kann.

Was sollte das Publikum am Ende aus dem Film mitnehmen?

Mein großes Anliegen ist es, dem Zuschauer ein ehrliches Bild der Krankheit aufzuzeigen. Dabei wollte ich jedoch nicht belehren, sondern dem Zuschauer einen Einblick verschaffen, um sich sein eigenes Bild der Krankheit machen zu können. Der Film soll aufklären, zum Nachdenken anregen und einen Blick auf die Krankheit vermitteln, den es so vorher noch nicht gab. Ich möchte zeigen, dass Depressionen eine Krankheit sind, die behandelbar ist, die jedoch trotz zunehmender Verbreitung viel zu wenig beachtet wird und vor der sich viele Menschen verschließen.

Ich möchte mit diesem Film aufrütteln und mehr Toleranz, Akzeptanz und Verständnis für die Krankheit schaffen, damit Erkrankte sich öffnen können, ohne dadurch einen Nachteil zu haben. Auch will ich zeigen, dass vieles, was man über die Krankheit vermeintlich weiß oder denkt, nicht stimmt. Mir ist auch wichtig gegen die Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber Psychiatrien und der Krankheit anzugehen. Ich möchte zeigen, dass jeder an Depressionen erkranken kann, und dass Menschen dafür sensibilisiert werden sollen neben ihrer physischen auch ihre psychische Gesundheit zu pflegen. Betroffene sollen sich ohne Scham Hilfe holen, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen.

Vita Gregor Theus

Geboren 1980 in Heidelberg. Studium Film/Fernsehkameramann in Berlin. Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln Film/-Fernsehregie bis 2010. Arbeitet als freiberuflicher Regisseur und Kameramann im Bereich Spielfilm, Dokumentarfilm, Werbung und Musikvideos. Seine Regiearbeiten haben einen sozialkritischen Schwerpunkt und waren auf zahlreichen internationalen Festivals vertreten.

Filmografie

2009 Schattenzeit Dokumentarfilm | 60 Minuten
2008 13 Minuten Takt Dokumentarfilm | 18 Minuten
2006 Zu Gast bei Freundinnen Dokumentarfilm | 30 Minuten
2004 Getäuscht Kurzfilm | 11 Minuten
2003 Zwischenstop Tunnel Dokumentarfilm | 45 Minuten
2001 Am Ende des Seins Dokumentarfilm | 18 Minuten
1998 Frost Kurzfilm | 15 Minuten



(Katja Silberzahn / Fotos: mindjazz pictures)

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