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Poetischer Provokateur: DVD-Edition Peter Nestler

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DVD-Edition Peter NestlerPeter Nestler und seine Filme sind heute wahrscheinlich den Wenigsten bekannt. Dies mag überraschen, denn er genoss und genießt große Anerkennung bei denjenigen, die seine Arbeit kennen. Jean-Marie Straub bezeichnete ihn beispielsweise 1968 als wichtigsten Filmemacher im Nachkriegsdeutschland, die Zeitschrift ‚Junge Welt‘ rühmte seine »Filme gehörten zu den schönsten und eigensinnigsten, die deutsche Dokumentaristen je gedreht haben.«. Eine DVD-Edition dokumentiert nun das Schaffen dieses ungewöhnlichen Filmemachers.

Jetzt kann sich jeder davon überzeugen, denn zum 75. Geburtstag von Peter Nestler in bei absolut medien in der Reihe »Die grossen Dokumentaristen« die DVD-Box »Peter Nestler – Poetischer Provokateur. Filme 1962-2009« erschienen. Darin werden seine überwiegend deutschen Produktionen mit Unterstützung der Deutschen Kinemathek und des HAUS DES DOKUMENTARFILMS veröffentlicht. Ein umfangreiches Booklet des Herausgebers Kay Hoffmann informiert über Details der Produktionen und die Pressereaktionen zu den Filmen.

DVD-Edition Peter NestlerInsgesamt sind in der Edition rund zwanzig Filme zu finden. Darunter seine experimentellen Kurzfilme aus den 1960er Jahren, in denen er mit Bild und Ton spielt und neue Formen findet, seine Geschichten zu erzählen. Seine ersten Filme waren selbst finanziert, dann bekam er Aufträge vom Süddeutschen Rundfunk, für den er 1964 zum Beispiel »Ödenwaldstetten« über ein Dorf auf der Schwäbischen Alb drehte. Doch seine neue Herangehensweise stieß bei den Hierarchen auf Widerstand, das könnten die Zuschauer nicht verstehen. Als er dann noch anfing politische Filme über Griechenland, Spanien oder Vietnam zu drehen, war er nicht mehr tragbar und konnte in Deutschland keine Filme mehr realisieren. Er emigrierte nach Schweden, wo seine Mutter herstammte. Nach Gelegenheitsjobs konnte er für das schwedische Fernsehen im Kinder- und Jugendprogramm arbeiten. Daneben drehte er weiterhin seine sehr individuellen Dokumentarfilme. Als Bonus veröffentlicht ist ein ausführliches Gespräch von Christoph Hübner mit Peter Nestler.

Thematisch ganz wichtig sind Nestler Arbeit und Alltag der einfachen Menschen. Die poetische Qualität, die er in seinen frühen Werken entwickelt, kann man heute nur noch selten sehen. In späteren Filmen begibt er sich auf politische Spurensuchen, kratzt an der Oberfläche der Gegenwart und startet dann seine historischen Tiefbohrungen. Ein wichtiges Thema ist die Entstehung und Durchsetzung des Faschismus und der Holocaust. Seinen Zeitzeugen lässt er Raum und Zeit und missbraucht sie nicht als Stichwortgeber. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Kunst, ob nun Malerei. Skulptur oder Fotografie, die er in seinen Filmen immer wieder einsetzt. Sein persönlichster Film ist vielleicht »Tod und Teufel« (2009) über seinen Großvater Eric von Rosen. Der Adelige erwarb schon als Jugendlicher ein Schloss, war Forschungsreisender, Großwildjäger, Fotograf und Abenteurer. Doch er hatte eine dunkle Seite: er gehörte zu den Gründern einer nationalsozialistischen Partei in Schweden. Nestler wollte sich deshalb lange nicht mit ihm auseinandersetzen. Doch dann stellte er sich der Aufgabe, die er bravourös meistert.

Peter Nestler bezieht Position, sucht seinen eigenen Weg und unterwirft sich nicht irgendwelchen Moden. Er beweist immer wieder Eigensinn. Das macht seine Filme so spannend und sie verdienen, entdeckt zu werden.

Beim diesjährigen Internationalen Leipziger Dokumentarfilmfestival (29.10.-4.11.) wird eine kleine Retro mit seinen Filmen gezeigt und er wird eine Meisterklasse halten. Vom 9. Bis 17. November werden seine Filme in einer großen Retrospektive vom Goethe-Institut in London gezeigt (http://www.goethe.de/ins/gb/lon/ver/de9500432v.htm).

(Kay Hoffmann / Fotos: Absolut Medien)

Weitere Informationen zur DVD-Edition unter www.absolutmedien.de.

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28. April 2017

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