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Online-Tipp: Unser Deutschland

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MediathekDie Fernsehberichterstattung über Flüchtlinge und Zugereiste ist omnipräsent. Doch oft wird generell über sie gesprochen, ob sie nun eine Chance oder eine Gefahr für das Land sind. Zum Glück gibt es inzwischen aber auch zahlreiche Produktionen, die die Menschen und ihre Schicksale in den Mittelpunkt stellen, wie nicht zuletzt die diesjährige Berlinale bewies. Thomas Lauterbach und Johanna Behre hatten allerdings von vornherein noch eine andere Idee für ihren Film »Unser Deutschland – zwei Syrer auf Winterreise«. Im Dezember 2015 begleitete ein kleines Team die beiden Syrer Tarek Nijmeh (35 Jahre) und Fadi Bitar (39 Jahre) auf einer Reise durch Deutschland. Der Film kehrt sozusagen die Perspektive um und zeigt, wie sie ihre neue Heimat empfinden und wie ihre ersten Eindrücke sind. Beide sind erst einige Monate hier, einem aber sofort sehr sympathisch. Beide Teile des Filmes sind bis 22. Februar 2017 online in der 3sat-Mediathek abrufbar.

Foto: Szene aus »Unser Deutschland« © AVE

Foto: Szene aus »Unser Deutschland« © AVE

Dies ist ein origineller Ansatz und die Reise der beiden liefert ein paar Überraschungen aus Situationen heraus – die Stärke vom Dokumentarfilm, wenn man mit einer gewissen Offenheit an das Thema herangeht, wie der Cutter Torsten Truscheit betont. Beispielsweise die zufällige Begegnung mit einem Rentnerehepaar im Zug. Er war als Jugendlicher Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Die Sprachbarriere macht es schwierig, das Thema zu vertiefen, aber man spürt das gegenseitige Interesse, sich auszutauschen und irgendwie funktioniert es. Am Ende lädt das Paar die beiden ein, sie in Berlin zu besuchen. Oder die spontane Geste auf einer Fähre, wo eine Frau aus dem Auto sie willkommen heißt. Tarek ist großer Fan des FC Bayern. Für ihn geht ein Traum in Erfüllung, das Stadion in München zu besuchen. Fadi ist eher der Intellektuelle. Zusammen besuchen sie die Oper in Stuttgart mit einer Aufführung von »Salome«.

Sehr spannend ist es, wie beide Bezüge der Oper zu ihrem Schicksal in Syrien schlagen. Dies ist eine große Stärke dieses Dokumentarfilms, dass er zeigt, dass heute vieles miteinander zusammenhängt und nicht isoliert betrachtet werden sollte. Die beiden werden zu wichtigen Botschaftern zwischen den Kulturen. Die Vorgeschichte der Beiden steht dabei nicht im Mittelpunkt, sondern ihre Eindrücke von Deutschland. Durch die Bezüge zu ihren Erfahrungen in Syrien bekommen ihre oft witzigen und ironischen Kommentare eine universelle Bedeutung. Das Team mutet den beiden einiges zu, ob dies nun der Besuch der Pegida-Demo und der »Refugees Welcome«-Demo in Dresden ist oder der Besuch eines Konzentrationslagers. In Dresden kommentiert Fadi, dass er sich an Syrien erinnert mit dem Hass in den Augen der rechten Demonstranten. Der Film war ein partnerschaftlicher Prozess und das Team wollte immer mit ihnen berichten und nicht über sie.
Der Dokumentarfilm war von Anfang an für eine Ausstrahlung um 20.15 Uhr geplant – eigentlich einem Reportageplatz. Er wurde relativ kurzfristig realisiert mit 12 Drehtagen und einer kurzen Schnittzeit. Doch Thomas Lauterbach und Johanna Behre gelang es, die Redaktion zu überzeugen, dass für dieses sehr subjektive Stück kein für diesen Sendeplatz üblicher Kommentar notwendig ist.

Der Zweikanalton wird genutzt, um die Originalfassung und eine Fassung mit deutschem Voice-Over auszustrahlen. Die Funktion des Kommentars übernehmen die Tagebucheintragungen der beiden Syrer, die über ihre Erfahrungen reflektieren. Der Film ist als Zweiteiler geplant gewesen, wird aber am Mittwoch ab 20.15 Uhr hintereinander gesendet. Aus ihrem Blick auf Deutschland können die Zuschauerinnen und Zuschauer einiges lernen und hoffentlich können dadurch einige Vorurteile gegen die »Neuländer«, wie sich Tarek nennt, abgebaut werden.

Unser Deutschland - Zwei Syrer auf Winterreise

» Teil 1 abrufen als Videostream bei 3sat (bis 22.2.2017)

» Teil 2 abrufen als Videostream bei 3sat (bis 22.2.2017)

(Kay Hoffmann)

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p>Foto: Szene aus »Unser Deutschland« © AVE

Foto: Szene aus »Unser Deutschland« © AVE

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