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Erhellendes zur Kino-Krise des Dokumentarfilms

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Doku-News »Der Dokumentarfilm und das Kino. Wunderbare Freundschaft oder Beziehungskrise?« So lautete der der Titel der diesjährigen Mitgliederversammlung der AG Dokumentarfilm (AG Dok) während der 67. Berlinale. Anstatt der sonst üblichen Tätigkeitsberichte und Vorstandswahlen des Interessensverbandes fand erstmals ein ganztägiger Austausch zu einem zentralen Thema für die Arbeit Dokumentarfilmschaffender statt. Diskutiert wurden die Beschäftigung mit der Situation, den Chancen und den Zukunftsperspektiven des Genres jenseits des Fernsehens. Die Erkenntnisse waren dabei vielfach überraschend. Mit dabei war unter anderem Arne Birkenstock, der dabei auf sein jüngstes Doku-Projekt "Kongo Tribunal" (bei Dokville 2016 gab es hierzu eine Case Study) zurückgreifen konnte.

Foto: DOK Premiere »Where to Miss?« © Daniel Titz

Besucher einer DOK Premiere in Ludwigsburg: Nur bei Filmtouren ist das dokumentarische Kino derzeit so gut besucht wie hier. Foto: Daniel Titz

Martin Hagemann, Mitglied der AG Dok und Professor an der HFF Konrad Wolff, begann seinen Einstiegsvortrag mit einer Frage und These. Die Frage, ob zu viele und heute mehr Filme produziert werden, beantwortete er eindeutig mit ja. Es gibt einen rasanten Anstieg der Dokumentarfilmproduktion in dem von Hagemann untersuchten Zeitraum 2001 bis 2015. Gingen 2001 noch 24 Filme an den Kinostart, so waren es im Jahr 2015 bereits 83 Produktionen bei einer über die Jahre gleich konstant bleibenden Zuschauerzahl. Sie verteilen sich auf eine Vielzahl an Produktionen. Daraus folgt: Es gibt weniger Zuschauer für sogenannte »Blockbuster«.

Ist das der Grund für einen Rückgang der Besucherzahlen für einzelne Filme, gibt es tatsächliche eine Beziehungskrise zwischen Dokumentarfilm und Kino?

Ja, sagt Martin Hagemann auch zu hierzu. Doch die Gründe sind vielfach, einerseits haben sich die Interessen der Besucher ausdifferenziert, andererseits wurde die Verweildauer der Filme in den einzelnen Kinos drastisch gesenkt. Sie ist von 16 auf vier Wochen gesunken. Darüber hinaus spielt die Kuratierung bei den Zuschauerzahlen eine große Rolle. Während Premierentouren, die Verleiher und Filmemacher organisieren, gut besucht sind und hautsächlich in den Abendstunden stattfinden, stundet der Dokumentarfilm in den meisten Kinos ein freudloses Leben auf den Nachmittagsplätzen.

»Die Kinobetreiber sagen selbst, sie haben keine Ahnung, wer ihr Publikum ist. Sie haben es versäumt, eine Zuschauerbindung aufzubauen«, sagt Martin Hagemann. In Zeiten großer Screens in heimischen Wohnzimmern und vielfachen Online-Angeboten eine große Herausforderung.


Arne Birkenstock: »Man muss auch Scheitern zulassen« - und finanzieren

»Wie können wir unsere Filme sichtbar machen«, fragte Filmemacher und Produzent Arne Birkenstock in seinem nachfolgenden Bericht über den »Think tank« der Deutschen Filmakademie und stellte ausgewählte Thesen vor. Im Jahr 2016 starteten 139 Dokumentarfilme im Kino, davon allein 23 im November. Ein Großteil dieser Filme ist für das Kino nicht geeignet, er sollte auf anderen Wegen seine Zuschauer finden. Das verhindern jedoch völlig veraltete Förder- und Auswertungskriterien.

Doch auch die Filmemacher sind für die Misere teilweise verantworltich. Sie beschäftigen sich zu wenig mit ihrem potentiellen Publikum. »Beim ‚Kongo Tribunal’ haben wir uns sehr früh gefragt, wie kriegen wir diesen Film ans Publikum? Wir bilden jährlich mehrere hundert Menschen darin aus, wie man Filme macht, aber nicht einen, der sich mit Marketing beschäftigt«, merkte Arne Birkenstock an. Denn gerade bei kleinen Filmen muss man seine Zielgruppe im Blick haben und individuelle Kampagnen zusammenstellen. Daher wäre es ratsam, wenn »outreach campaigner« oder »impact producer« auch hierzulande ausgebildet würden.

Fotos: Arne Birkenstock bei Dokville (links) / Szene aus »Das Kongo Tribunal« © HDF, Fruitmarket Kultur & Medien GmbHEin weiteres Augenmerk legte der »Think tank« auf die Phase der Projektentwicklung. In Deutschland werde eindeutig zu wenig am Anfang eines Projektes investiert – etwa fünf Prozent des Gesamtbudgets. »Ich bin manchmal fassungslos, wie unterentwickelt die Filmprojekte eingereicht werden«, so Birkenstock. Aber das sei auch verständlich, denn erst mit der Projektförderung würde Geld für Filmemacher fließen. Allerdings müssten sie dann auch fertig produzieren und hätten nicht die Möglichkeit, ein Projekt abzubrechen, weil es sich nicht trägt. Er sprach sich für eine höhere Unterstützung in der Entwicklungsphase aus - bis zu 25 Prozent des Gesamtbudgets und verwies auf die positiven Erfahrungen, die Dänemark und die Schweiz mit ihrem neuen Modell gemacht hätten. »Man muss auch das Scheitern zulassen. Es ist gut, wenn man bemerkt, dass das Projekt nicht trägt bevor es produziert wird«, so Arne Birkenstock.

(Astrid Beyer)

Mehr zu diesem Thema:
» Dokville 2016: Das Kongo Tribunal 

Fotos oben: Arne Birkenstock bei Dokville (links) / Szene aus »Das Kongo Tribunal« © HDF, Fruitmarket Kultur & Medien GmbH

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27. April 2017

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