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Dokumentarische Momente von der Berlinale 2017

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Doku-NewsDie Bären sind vergeben, der neue Glashütte Dokumentarfilmpreis der Berlinale auch (an »Ghost Hunting«, wie wir hier erzählen). Was bleibt von der Berlinale 2017 noch Berichtenswertes? Eine ganze Menge, fand unser Filmkritiker in Berlin, und berichtet hier über weitere sehenswerte Dokumentarfilme quer durch alle Sektionen des Festivals – darunter eine Fünf-Stunden-Film, der eher als Rohschnitt betrachtet werden muss, und einen chilenischen Beitrag, der als scheinbar harmonischer Familenfilm beginnt und dann zur Spurensuche nach den Zerstörungen der Diktatur im eigenen Leben mutiert.

Foto: Szene aus »House in the Fields« © Tala Hadid

Foto: Szene aus »House in the Fields« © Tala Hadid

 

Tala Hadids »House in the Fields« (»Tigmi N Igren«; Forum) ist ein fast schon ethnografisches Porträt zweier Mädchen in einem abgelegenen Berberdorf im marokkanischen Atlasgebirge. Der Film schwelgt im Kontrast der braunen Berge und den bunten Kleidern und satten Farben. Er stellt den harten Winter dem üppigen Sommer gegenüber. Die Regisseurin hat in fünf Jahren zunächst Kontakt aufgebaut und ihn intensiviert, bevor sie mit kleinstem Team zu drehen anfing. Zu den Mädchen hat sie eine sehr vertraute Beziehung aufgebaut, die Männer wie der Vater akzeptieren sie, bleiben jedoch distanziert. Sie zeigt eine archaische Welt, die durch die moderne Welt verändert wird. Die selbstbewussten Mädchen sprechen über ein Gleichstellungsgesetz, das ihnen neue Freiheiten verspricht. Und doch unterwerfen sie sich am Ende der Tradition. Die Ältere heiratet einen Jungen aus dem Nachbardorf, den sie kaum kennt. Er hat ihr versprochen, sie mit nach Casablanca zu nehmen. Die bunte Hochzeit ist sozusagen der Höhepunkt, auf den der Film zuläuft und wird reichlich ausgeweidet. In der Realität arbeitet ihr Mann in der Großstadt und sie ist bei seiner Familie in den Bergen geblieben.

Im Panorama wurden in einer Untersektion ebenfalls viele Dokumentarfilme gezeigt, die sich ganz direkt mit Politik beschäftigen. Ein Ausnahmefilm ist sicherlich der fast fünfstündige »Fighting through the Night« (Combat au bout de la nuit) von Sylvain L’Espérance über die Griechenland-Krise aus der Sicht der Betroffenen. Im Stil des Direct Cinema begleitet er verschiedene Gruppen und Einzelpersonen. In der ersten Hälfte sehr zentral sind die streikenden Putzfrauen der Ministerien, die eingespart werden sollen. Sie protestieren jeden Tag vor dem Finanzministerium und liefern sich mit den martialisch ausgestatteten Polizisten Kämpfe um jeden Zentimeter auf dem Bürgersteig. Konflikte, die im Lauf des Films eskalieren. Er porträtiert eine ‚Volksklinik‘, in der Ehrenamtliche diejenigen versorgen, die keine Krankenversicherung haben. Dabei wird von den Ärzten auch Kritik am bisherigen Gesundheitssystem deutlich. Den Patienten wurden zum Teil unnötige Medikamente verschrieben oder unnötige Untersuchungen veranlasst. Mit am stärksten sind die Flüchtlinge, die es nach Athen verschlagen hat und die versuchen, im Müll noch etwas Verwertbares zu finden wie alte Schuhe oder Kleider, die sie auf dem Flohmarkt für ein paar Euro verkaufen können. Es sind sehr genaue Beobachtungen, die den Alltag in der Krise und das Aufbäumen der Menschen dagegen zeigen. Allerdings hätte es dem Film gutgetan, diesen »Rohschnitt« noch einmal auszudünnen und damit dann auf eine akzeptable Länge zu kommen. Es gibt viele Wiederholungen und manchmal hätte man sich doch erklärende Informationen gewünscht.

In »Politics, instructions manual« (»Política, manual de instrucciones«) begleitet Fernando León de Aranoa den Aufbau und Wahlkampf der neuen linkspopulistischen Partei Podemos in Spanien. Sie ging 2014 aus der Bürgerbewegung ‚Bewegung 15. Mai‘ hervor, die sich als Protest gegen die Bankenkrise und den ungezügelten Neoliberalismus gründete. Die Protestpartei war ein Angriff auf das bisher etablierte Zweiparteiensystem in Spanien, zu vergleichen mit der Gründung der Grünen bei uns Anfang der 1980er Jahre. Podemos orientiert sich allerdings stark an erfolgreichen Protestbewegungen in Lateinamerika, muss jedoch für sich erst eine Organisationsstruktur finden. Ein erster Konflikt ist, ob die basisdemokratische Partei einen oder mehrere Generalsekretäre haben soll. Star der Partei wird Pablo Iglesias Turrión, der zum Aushängeschild der Partei wird. Der Regisseur und sein Team sind nah dran und können die internen Debatten um Argumente, Strategien und Konzepte verfolgen. Mit viel Verve wird diskutiert und man kommt als Zuschauer kaum den Untertiteln hinterher. Spannend ist, wie die etablierten Parteien reagieren und polemische Angriffe starten, die Partei sei aus dunklen Quellen finanziert. Damit sind sie zunächst erfolgreich, die Umfragewerte sinken. Dies befeuert Flügelkämpfe in der Partei um den richtigen Weg. Bei der Wahl erringt Podemos auch mit Hilfe der Social Media einen Achtungserfolg und wird mit 20,7 % drittstärkste Partei, aber kann eine konservative Regierung letztlich nicht verhindern. Der Film ist ein wichtiges Dokument zur politischen Entwicklung in Spanien. Man stelle sich nur vor, es gäbe ein ähnliches Filmprojekt zur rechtspopulistischen AfD in Deutschland, die ja vergleichbare Konflikte hat. Stilistisch ist es eher eine Reportage, die die aktuellen Entwicklungen begleitet.

In vielen Dokumentarfilmen ging es in diesem Jahr um verdrängte Familiengeheimnisse und staatlichen Terror, der Einfluss hat auf das ganz private Leben. »Small Talk« (»Ri chang dui hua«, Panorama) der taiwanesischen Filmemacherin Hui-chen Huang ist der Versuch, an die Mutter heranzukommen, die schweigt und auch dem Filmprojekt reserviert gegenübersteht. Ihrer Ansicht nach gibt es Geschichten, die besser nicht wieder aufgewühlt werden sollten. Ihr Gesicht zeigt lange keine Regung oder Emotion und die Fragen der Tochter beantwortet sie nicht. Auf Dauer ist dies Schweigen anstrengend und wird durch sehr statische Bilder noch verstärkt. Die Mutter wurde früh verheiratet, bekam zwei Kinder, trennte sich aber von ihrem gewaltätigen Mann. Seitdem hat sie Beziehungen nur mit Frauen, will dies aber nicht weiter thematisieren. Die Tochter hat ebenfalls geheiratet und ein kleines Mädchen; doch den Vater sieht man den ganzen Film nicht. Im letzten Drittel erzählt die Tochter, sie sei als Jugendliche von dem Vater sexuell missbraucht worden. Dies ist das erste Mal, dass ihre Mutter Gefühl zeigt, da sie dies angeblich nicht wusste. Dadurch kommt Bewegung in ihre Beziehung und zum Schluss hat die Mutter ihre Enkelin sogar auf dem Schoss; vorher hat sie kaum beachtet.

Mit üblichen Familienaufnahmen in schlechter Qualität und Fotos von verschiedenen Familientreffen beginnt »Adriana's Pact« (»El Pacto de Adriana«, Panorama) von Lisette Orozco aus Chile. Es geht um ihre Lieblingstante Adriana, die selbstbewusst ist und in Australien lebt. Bei einem Familienbesuch 2007 wird sie überraschend verhaftet, weil sie während der Pinochet-Diktatur für die berüchtigte Geheimpolizei gearbeitet haben soll. In der Familie wurde immer erzählt, sie sei bei der Luftwaffe gewesen. Sie gibt zu, dass sie Sekretärin bei der Geheimpolizei war, aber mit Folter und Hinrichtungen nichts zu tun gehabt hätte. Ihre Nichte fängt an zu recherchieren und will ihre Unschuld beweisen. Viele Kolleginnen und Kollegen wollen sich vor der Kamera nicht äußern, ein Kollege beschuldigt sie, an den Untaten direkt beteiligt gewesen zu sein. Der Fall zieht immer größere Kreise und der Film gewinnt an Dynamik. Immer mehr Indizen sprechen gegen sie. »Adriana's Pact« offenbart die Konflikte in der Familie, die lange verdrängt wurden und die die gesellschaftlichen Probleme Chiles wiederspiegeln. Am Ende beteuert Adriana bei einer Skype-Konferenz energisch ihre Unschuld und dass ihre Nichte ihr glauben müsse. Doch die zieht sich zurück und kommuniziert immer seltener mit ihrer Tante, die einmal ihr Vorbild war. Ein spannender Film, welche Spuren eine solche Diktatur im privaten Leben hinterlässt.

(Kay Hoffmann)

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28. April 2017

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