A A A
www.dokumentarfilm.info

Buchtipp: Spiel mit der Wirklichkeit

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Close up 22: Spiel mit der WirklichkeitAuf die Frage, was einen guten von einem schlechten Dokumentarfilm unterscheidet, hat es in den letzten Jahrzehnten kluge und anschauliche Antworten gegeben. Was aber ist überhaupt heute noch Dokumentation - in einer Zeit, in der vor allem im Fernsehen soviel Dokumentarisches zu stecken scheint wie nie zuvor. Doch was ist noch Doku in Docutainment, Doku-Fiktion, Doku-Soap oder Doku-Drama? In dem Buch "Spiel mit der Wirklichkeit" haben drei Autoren versucht, die doku-fiktionalen Fernsehformen einzuordnen, ihre Entstehung aufzuzeigen und ihre Wirkung zu bewerten.

Bauer sucht Frau, Dschungelcamp, Big Brother - drei TV-Formate aus dem Bauchladen von RTL, dem erfolgreichsten deutschen Fernsehsender. Man könnte durchaus zu der Ansicht gelangen, dass im "Prekariatsfernsehen" heute so viel Dokumentarisches drin steckt, wie es vor gerade einmal einem Jahrzehnt noch völlig undenkbar war. Vermeintliche Wahrheiten aus der Wirklichkeit - oft ist es allerdings nur eine "scripted reality" - gibt es auch längst in anderen Sendern. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehören moderne Mischformen aus Dokumentarischem und Fiktiven heute zu den erfolgreichsten Formaten. Man denke nur an Guido Knopps ZDF-History-Sendungen oder an aufwändige, mit Gebührenmillionen finanzierten Prestigefilme wie "Friedrich - ein deutscher König".

Close up 22: Spiel mit der Wirklichkeit

Die Anfänge dieser Untergattung des Dokumentarischen verorten die Autoren von "Spiel mit der Wirklichkeit" im britischen Fernsehen, das Ende der neunziger Jahre erstmals dokufiktionale TV-Formate einsetzte. Kay Hoffmann (Studienleiter im HAUS DES DOKUMENTARFILMS), Richard Kilborn von der schottischen Universität Stirling und der Filmautor und -produzent Werner C. Barg haben in diesem 22. Band der Close-up-Buchreihe eine gekonnte Spurensuche und eine vielschichtige Reflektion des Doku-Phänomens betrieben.

Sie entdecken dabei nicht nur weit zurückreichende Anfänge des Doku-Fiktionalen - zum Beispiel zitiert Kay Hoffmann Heinz Huber, den ehemaligen Leiter der Dokumentarfilmabteilung des SDR, der schon 1956 raisonierte, dass zuviel Technik beim dokumentarischen Filmen den Blick auf die Wirklichkeit verstelle. "Die Wirklichkeit schmilzt dahin wie Schnee in der Sonne" lautet eine auch heute noch ebenso schöne wie stimmige Textzeile aus Hubers Aufsatz. Heute allerdings, in den Zeiten von Computertechniken, können sowohl Schnee wie Sonne auf Mausklick hin erzeugt werden. Und genau das macht das Spiel mit der Fiktion im Dokumentarfilm so verlockend. Wenn das originale Quellmaterial fehlt, wird eben mit Schauspielern inszeniert oder am Computer getrickst.

Wahrscheinlich ist die Verfügbarkeit der Technik eben jener Reiz, der es heute so leicht macht, fehlende Originaldokumente durch animierte oder inszenierte Szenen zu ersetzen. Das Buch wirft dabei auch einen Blick auf ein neues und noch recht junges Untergenre: die Animadoks. Das sind Dokumentarfilme, bei denen zum Teil umfangreich Zeichentrick-Sequenzen zur Gesamtdarstellung beitragen. Filme wie "The Green Wave" haben von dieser Form der Inszenierung profitiert.

Die Gesamtschau des in drei Teile gegliederten Buches ist beachtlich. Ein wichtiger Beitrag zu einer Veränderung, die noch gar nicht abgeschlossen ist. Dokumentarfilmforschung zeigt sich in diesem Buch einmal ganz zeitnah.

(Thomas Schneider / Fotos: entnommen aus dem Buch, UVK)

 

Spiel mit der Wirklichkeit
Zur Entwicklung doku-fiktionaler Formate
in Film und Fernsehen

Kay Hoffmann, Richard Kilborn, Werner C. Barg (Hg.)
Schriftenreihe: Close up, Band 22
Verlag: UVK Verlagsgesellschaft mbH
428 Seiten , br. , 50 Bilder (S/W)
ISBN 978-3-86764-257-6
34,00 Euro

FVAVANTGRD0708 1.5 RGSTRD
© 2017 www.dokumentarfilm.info | Haus des Dokumentarfilms, Teckstr. 62, 70190 Stuttgart | redaktion@dokumentarfilm.info

Logo Haus des Dokumentarfilms



28. April 2017

Doksite.de - das neue Webportal für den Dokumentarfilm