EUROPÄISCHER DOKUMENTARFILMPREIS 2026

FÜR DR. RUTH BECKERMANN

Haus des Dokumentarfilms und Film- und Medienstiftung NRW ehren das Lebenswerk der österreichischen Regisseurin Ruth Beckermann

Das Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart e.V. und die Film- und Medienstiftung NRW vergeben den 2026 gemeinsam ins Leben gerufenen EUROPÄISCHEN DOKUMENTARFILMPREIS an die österreichische Filmemacherin und Autorin Dr. Ruth Beckermann. Die Auszeichnung für das Lebenswerk ist mit 15.000 Euro dotiert und wird am 18.06.2026 im Rahmen des Branchentreffs DOKVILLE (Stuttgart) erstmals verliehen.
In der Begründung der Jury heißt es u. a., alle Filme von Ruth Beckermann zeichne eine filmdramaturgische und filmästhetische Offenheit aus, die jeder Voreingenommenheit widerspreche und scheinbar als schlüssig plakatierten Bildern jeweils fragende Bilder entgegenstelle. In dieser Haltung zeige sich das analytische Herz der Regisseurin. Sie lasse Widersprüche zu, lade in kluger Gelassenheit das Publikum zu filmischen Reisen, zum Suchen und Denken ein. Ruth Beckermann riskiere Beobachtungen, die den Atempausen des Alltags entnommen seien, auch dem vergangenen, nämlich zu Geschichte gewordenen Alltag.
Ruth Beckermann wurde 1952 in Wien geboren. Sie studierte Publizistik und Kunstgeschichte in Wien und Tel Aviv und an der New Yorker School of Visual Arts Fotografie. Seit 1977 produziert sie Dokumentarfilme. Zu ihren bekanntesten und vielfach ausgezeichneten Werken gehören „Die papierene Brücke“, „Jenseits des Krieges“, „American Passages“, „Those Who Go, Those Who Stay“, „Mutzenbacher“ und „Waldheims Walzer“ (2018), der eine Oscar-Nominierung bekam. Ihre beiden jüngsten Dokumentarfilme sind „Favoriten“ (2024) und „Wax & Gold“ (2026), beide jeweils auf der Berlinale uraufgeführt. Mit „Die Geträumten“ produzierte Ruth Beckermann 2016 einen ebenfalls prämierten Spielfilm.
In der Jury des neugeschaffenen EUROPÄISCHEN DOKUMENTARFILMPREISES votierten Nathalie Wappler (Medienmanagerin), Bettina Reitz (Film- und Medienmanagerin), Ulrike Becker (Journalistin), Hella Wenders (Regisseurin), Walid Nakschbandi (Geschäftsführer Film- und Medienstiftung NRW) und Eric Friedler (Geschäftsführer Haus des Dokumentarfilms). Den Juryvorsitz hatte Wim Wenders, der den Preis an Ruth Beckermann am 18. Juni 2026 im Stuttgarter Hospitalhof übergeben wird. Für die Teilnahme ist eine Akkreditierung beim Branchentreff DOKVILLE erforderlich.

DIE JURY

In der Jury des neugeschaffenen EUROPÄISCHEN DOKUMENTARFILMPREISES votierten Nathalie Wappler (Medienmanagerin), Bettina Reitz (Film- und Medienmanagerin), Ulrike Becker (Journalistin), Hella Wenders (Regisseurin), Walid Nakschbandi (Geschäftsführer Film- und Medienstiftung NRW) und Eric Friedler (Geschäftsführer Haus des Dokumentarfilms). Den Juryvorsitz hatte Wim Wenders.

LAUDATIO FÜR DR. RUTH BECKERMANN

Wie nah ist das Dokumentarische an der Realität? Wie authentisch ist gefilmte Realität? Das sind grundsätzliche Fragen, die sich jede Dokumentarfilmregisseurin und jeder Regisseur immer wieder stellen. Denen sie sich stellen müssen. Unausweichlich.
Sie, liebe Ruth Beckermann, haben einmal über das Machen von Dokumentarfilmen gesagt, es sei „weniger ein Irren als vielmehr ein Flanieren im Labyrinth“. Es sei ein Prozess des „Suchens nach Fragen mehr noch als nach Antworten“. Und hat man diese Fragen für sich (und damit auch für andere als Angebot) gefunden, dann muss ein Dokumentarfilm, um mit Georg Stefan Troller, einem Geistesverwandten von Ihnen, zu sprechen, den Kniff und den Mut finden, nicht nur zu „erfassen“, sondern zu „erfahren“, eben eine Ahnung der unerschöpflichen Vielfalt, die sich hinter jeder Realität verbirgt, zu vermitteln versuchen. Er, so Troller, erwarte „ein Erlebnis. Und das beruht nicht auf Zahlen oder auf Fakten, sondern auf der Kraft der Bilder.“ Die „Kraft der Bilder“ – was für ein treffendes Motto, das ohne Wenn und Aber über all Ihren Dokumentarfilmen stehen kann.
Denn Ihre Filme spielen nicht in einem wirklichkeitsfremden Irgendwo, sondern immer in einer geschichtsgesättigten Gegenwart, die derzeit mehr und mehr in erschreckendem Maße einer Geschichtsvergessenheit anheimfällt, einer fahrlässig und mutwillig herbeigeredeten, einer eingeredeten, einer als Wahrheit beleumundeten und so auch geglaubten Geschichtsvergessenheit. In Ihren Filmen erzählen Sie von Geschichte. Genauer: Sie erzählen filmend und filmisch Geschichte; von deutschen Verbrechen, von der Shoah, von rechthaberischer Selbstentschuldung, von Antisemitismus, von der Schändung der Demokratie. Klammern sich mit Ihren Filmen, so könnte man sagen, an die unsicheren Haken der Erinnerung.
Stellvertretend seien aus ihrem reichen Oeuvre genannt die Trilogie über jüdisches Leben – „Wien retour“, „Die papierene Brücke“ und „Nach Jerusalem“, dann „Waldheims Walzer“ über Kurt Waldheims verleugnete NS-Vergangenheit und einem austriakischen Opfermythos, auch „Jenseits des Krieges“, in dem sie – ausgehend von der in Wien gezeigten und vom Hamburger Institut für Sozialforschung kuratierten Ausstellung über Wehrmachtsverbrechen – Fragen nach Wissen und Nicht-Wissen, nach Täterschaft, nach Eingestehen und Verschweigen stellen. Sie stellen filmisch dem gegenwärtigen Amerika in „American Passages“ nach, gestehen ihre Ratlosigkeit über den Zustand Europas ein in „Those Who Go Those Who Stay“, in dem sie skizzenhaft Themen wie Flucht und Migration in lose Knoten schlingen. Sie beobachten in „Favoriten“ drei Jahre lang in Wien migrantische Kinder in ihrer Volksschule und widmen sich jüngst in „Wax and Gold“ der ambivalent verfitzten Vergangenheit und Gegenwart Äthiopiens. Und selbst in „Mutzenbacher“, ihrer Annäherung an einen pornografischen Skandalroman, urteilen, gar verurteilen sie nicht, sondern lassen über die Lektüre von Romanpassagen männliche Distanzierungs- und Rechtfertigungsstrategien aufleben, visualisieren unaufdringlich eine dringliche Reflexion über Moral und Missbrauch.
Alle ihre Filme zeichnet eine – auch filmdramaturgische und filmästhetische – Offenheit aus, die jeder Voreingenommenheit widerspricht, jedem scheinbar längst als schlüssig plakatiertem Bild ein fragendes Bild entgegenstellt. In dieser Haltung zeigt sich ihr analytisches Herz. Sie lassen Widersprüche zu, laden in kluger Gelassenheit ihr Publikum ein, teilzuhaben an filmischen Reisen, am Suchen und Denken. Sie riskieren Beobachtungen, die den Atempausen des Alltags entnommen sind, auch eines vergangenen, zu Geschichte gewordenen Alltags. Gestalten so – auf unverwechselbar eigene und eigensinnige Weise – ein Panorama en miniature eines aufgewühlten Zeitalters. Die Absichtlichkeit eines artistischen Experiments ist das, was Ihre Filme dabei auszeichnet.
Deshalb – und voller Überzeugung und dank der „Kraft ihrer Bilder“ – verleiht Ihnen die Jury unseren neugeschaffenen Europäischen Dokumentarfilmpreis. Wir gratulieren ganz herzlich!

DANKESREDE DR. RUTH BECKERMANN

Stuttgart, 18/6/26

Meine Damen und Herren!
Ich habe einmal ein Buch geschrieben, mit dem Titel UNZUGEHÖRIG.
Ich denke, dass dies auch ein guter Übertitel für meine Arbeit wäre.
Unzugehörig Filme machen – das war immer mein Ansatz. Nicht allein FÜR oder GEGEN, sondern im GEGEN das FÜR mitzudenken und im FÜR nicht die Widerspruche aus de Augen zu verlieren. Gegen Profitdenken, für die streikenden Arbeiter bei Semperit, gegen die Opferlüge Österreichs, für die Erfahrungen der Verfolgten, gegen die Lügen von der sauberen Wehrmacht und diejenigen des Herrn Waldheim.
Ich war Teil einer vielgestaltigen Linken, die heftig diskutierte, in ihrem Antifaschismus
jedoch geeint auf die Straßen ging. Was keineswegs heißt, dass es innerhalb der Linken keine Tabus gab. Zum Beispiel, was den Feminismus oder was die Bedeutung des Holocaust betrifft. Der Aufstieg des Faschismus wurde damals vor allem ökonomisch interpretiert.
Gegen diese Haltung begannen sich Mitte der 1980er Jahre Stimmen zu erheben. Zu Arbeitslosigkeit und Not müssten andere Faktoren kommen, – Antisemitismus, Rassismus, Biologismus -, die erklären würden, warum gerade in Deutschland und Österreich nicht allein Faschisten, sondern Nazis an die Macht kamen und sich dort lange hielten. Identität rückte in den Fokus. Erinnerung rückte in den Fokus.
1985 erschien der Film SHOAH von Claude Lanzmann.
Ich drehte die Papierene Brücke. Auf der Suche nach der jüdischen Identität meiner Generation, der nach dem 2.Weltkrieg Geborenen, in den Ländern der Täter. Der Film erschien 1987 und tourte durch Europa und die USA, in Österreich wurde er auch gezeigt, doch kam er zu früh. Das österreichische Kartenhaus der Opferlüge war durch die Waldheim-Affäre 1986 zwar brüchig geworden, es benötigte jedoch weitere zehn Jahre, um langsam in sich zusammen zu brechen. Mein Film Jenseits des Krieges, gedreht mit ehemaligen Wehrmachtssoldaten vor den Fotos ihrer Verbrechen in der sog. Wehrmachtsaustellung 1995 kam zum richtigen Zeitpunkt.
Gibt es sowas wie einen richtigen Zeitpunkt für einen Film? Es gibt ihn, für einen selbst. Und es gibt ihn gesellschaftlich.
Es ist der Moment, an dem etwas ausbricht. Über Identität, sei sie jüdisch, schwul oder farbig, zu reden, war damals neu, Tabus brechend, aufwühlend.
Gerade für den Dokumentarfilm scheint mir der Zeitpunkt des Aufbrechens, des Sichtbar-Werdens wichtig. American Passages drehte ich nach der Wahl Obamas. Nicht allein die Freude über den ersten schwarzen Präsidenten brach heraus, auch die Teaparty zeigte ihr rassistisches Gesicht. Manchmal wird ein Film genau zum richtigen Zeitpunkt fertig, um in eine gesellschaftliche Debatte einzugreifen. Als Waldheims Walzer 2018 Premiere feierte, war kurz zuvor Trump 1 gewählt worden. Und dass Favoriten fünf Wochen vor der österreichischen Nationalratswahl in die Kinos kam, steuerte dokumentarische Bilder und Töne zu einer Bildungsdebatte bei, in der meist nur über die Kinder geredet wird, jedoch selten mit ihnen.
„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“, notierte der italienische Antifaschist Antonio Gramsci.
Die Welt hat sich in den vergangenen etwa fünf Jahren so sehr verändert, dass man von
einer Zeitenwende sprechen kann. Konträr entgegengesetzt zu meinen Anfängen geht es heute vor allem um Identitätspolitik.
Von Solidarität und Universalismus ist wenig übrig.
Dazu kommt, dass die diversen Identitäten so sehr aufgespalten, verfeinert und verfeindet sind, dass sie Bündnisse sprengen und Allianzen verhindern. Ob falsch  verstandene Solidarität mit Israel der Berlinale einen Maulkorb umhängen möchte oder eine Preisverleihung ins Hinterzimmer verlegt wird, wie bei Masha Gessen geschehen, oder ein kritischer israelischer Regisseur bei FID Marseille unerwünscht ist.
Demokratische Allianzen zerbrechen, während sich unerhörte neue Allianzen bilden, wie zwischen der AFD und anderen rechtsextremen Parteien mit der autoritär/faschistischen Regierung in Israel.
Ich weis nicht, für welchen Film jetzt der richtige Zeitpunkt wäre. Wer die pressure groups, die eindeutige Filme und Bekenntnisse fordern, enttäuscht, wird von immer ängstlicher werdenden Förderern, Festivals und Kinos vielleicht nicht mehr finanziert und eingeladen werden.
Doch sollten nicht gerade Filmschaffende aus verfeindeten Ländern miteinander sprechen? Von ihrer Verzweiflung und ihren Hoffnungen berichten? War das nicht immer so? Haben wir Stefan Zweig und Romain Rolland vergessen?
Mehr denn je benötigen wir im Zeitalter der „alternativen Fakten“ analytische Filme, die sich der „Tyrannei des Visuellen“ (Alexandre Astruc), die uns auf allen Kanälen und in allen Netzen beschallt, entgegenstellen.
Alle Machthaber versuchen, die Wirklichkeit nach ihrem Willen und zu ihrem Nutzen darzustellen. Die Bilderflut hilft Populisten, Esoterikern und Verschwörungstheoretikern Augen und Ohren ihres Zielpublikums zu erreichen. Der Dokumentarfilm kann schmale Pfade der Orientierung durch den Bilderdschungel legen. Dabei die eigene Haltung transparent zu machen – das zeichnet den Autorenfilm, den Kino-Dokumentarfilm, aus.
In dem Zwischenraum zwischen meinem Blick auf die Welt und dem Blick der Zuschauer auf meinen Blick entsteht der Film.
In meinem gerade erst auf der Berlinale vorgestellten Film Wax & Gold habe ich mir erlaubt, meinen Blick – den Blick einer weisen Europäerin – in einem Hotel in Addis Abeba umherschweifen zu lassen, um den Facts und der Fiktion im Buch „König der Könige“ des weisen polnischen Autors Ryszard Kapuscinski über den Hof Kaiser Haile Selassies nachzugehen.
Für mich war es der richtige Zeitpunkt, mich wieder ins Unbekannte zu begeben, den eigenen Blick zu erweitern und zu erforschen. Mit aller Unsicherheit und allem Zweifel, die dazu gehören. Denn während die Medien uns glauben machen wollen, die Welt sei in Ordnung, bedeutet Kino Zweifel an der Welt. Und darauf kommt es an.
Bewahren wir also dem Dokumentarfilm das Kino und seine Widerständigkeit.
Ich danke Ihnen für diesen Preis.

Special Screening DOKVILLE 2026

DER HELSINKI EFFEKT

Ein Film von Arthur Franck – erzählt von Schauspieler Bjarne Mädel

Im Rahmen von DOKVILLE 2026 veranstaltet das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Haus des Dokumentarfilms am 17. Juni, dem Vorabend des Branchentreffs, ein Special Screening von DER HELSINKI EFFEKT. Im Anschluss an die historische Doku von Arthur Franck, erzählt von Schauspieler Bjarne Mädel, folgt ein Filmgespräch mit Dagmar Mielke (Redakteurin rbb/ARTE) und Stefan Kloos (Produzent Kloos & Co).

Der Film verspricht Hochgenuss für alle, die sich für kreative Arbeit mit historischen Filmmaterialien und den Umgang mit scheinbar trockenen Archivquellen wie etwa endlose Konferenzprotokolle interessieren. Dem finnischen Regisseur Arthur Franck ist es gelungen, aus dem, was als „Schlussakte von Helsinki“ in die Geschichte einging, ein so spannendes wie unterhaltsames Lehrstück über die Kunst der Diplomatie zu arrangieren.

KSZE – Dialog im Kalten Krieg

Die „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, kurz: KSZE, war ein zwei Jahre währender Verhandlungsmarathon mit dem Ziel, einen Raum des Vertrauens und der Sicherheit von Vancouver bis Wladiwostok zu schaffen. Staats- und Regierungschefs aus 35 Ländern waren daran beteiligt und befanden sich zu Zeiten, als es nur Festnetztelefone, Faxe und Telexe gab, miteinander in ständigem Austausch. Die Schlussakte war wegweisend für die Entspannungspolitik. Es war der Versuch, den Kalten Krieg zu beenden. Vermutlich wäre es ohne die Schlussakte von Helsinki nie zur deutschen Wiedervereinigung gekommen.

Der Film DER HELSINKI EFFEKT taucht ein in die dritte und entscheidende Phase der KSZE. Er dröselt ausgehend vom 1. August 1975, dem Tag der Unterzeichnung der Schlussakte, die Gemengelage der damaligen Weltpolitik auf. Einer Politik, deren Ziele und Interessen links und rechts des „Eisernen Vorhangs“ definiert wurden, und einer Welt, die in zwei unversöhnliche ideologische Blöcke geteilt war. Hier die Westmächte, dort die Sowjetunion.

Trockenes Material – Künstliche Beatmung durch KI

Regisseur Arthur Franck hat dazu die Archive des finnischen Fernsehens durchforstet und ergänzend ehemalige Geheimprotokolle mithilfe von KI vertont. Der Kommentartext legt die Nutzung von KI von Anfang an offen und nimmt das Publikum auch sonst mit, wenn es um die Schwierigkeiten geht, aus trockenem Archivmaterial und transkribierten Gesprächsprotokollen einen nicht langweiligen Film zu machen. Franck ergänzt die historischen Fernsehbilder, indem er schriftlich fixierte Mitschriften, die inzwischen öffentlich zugänglich sind, mit den Stimmen der damaligen politischen Schwergewichte versieht. Zum Sprechen bringt er auf diese Weise Leonid Breschnew, Henry Kissinger, Gerald Ford, den Systemkritiker Alexander Solschenizyn und viele Andere. Er macht sie zu Protagonisten eines Szenarios, das teils an ein absurdes Theaterstück erinnert. Gastgeber des Helsinki-Treffens ist Finnlands Präsident Urho Kekkonen. Weitere Player sind James Harold Wilson, Helmut Schmidt, Erich Honecker sowie Nicolae Ceausescu. Alles läuft auf unterschiedlichen Wegen – geraden und krummen – auf den 1. August 1975 zu, den Tag, als die Schlussakte nach zweijährigen Verhandlungen endlich unterzeichnet wird.

Die Welt atmet auf, der Kalte Krieg ist beendet. Wirklich? Oder scheint es nur so? „Die Welt, in die die KSZE hineingeboren wurde, gibt es nicht mehr“, so der Regisseur Arthur Franck. „Aber die gegensätzliche Spannung ist die gleiche geblieben. Sie spukt in uns herum wie Geister. In Russland, im Nahen Osten, in den USA, in Ungarn und der Türkei, im gegenwärtigen fragilen Zustand unserer demokratischen Institutionen.“

Diplomatie damals – Geopolitische Konflikte heute

Mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gewinnt die Helsinki-Konferenz von 1975 eine unbeabsichtigte Aktualität. Alle damalige Diplomatie scheint umsonst gewesen zu sein. Putin und Trump heißen die gegenwärtigen Gegenspieler. Die Machthaber in China und Nordkorea spielen ihr eigenes Spiel.

„Als Geschichte“, meinen Franck und auch sein Erzähler, Schauspieler Bjarne Mädel, ist der Film, „eine Gegenerzählung zur Paranoia und Angst, die den Kalten Krieg befeuerten: Veränderung ist möglich. Gleichzeitig ist sie ein Beispiel dafür, wie geopolitische Albträume nachhaltig beendet werden können: durch geduldige und scheinbar oft langweilige Diplomatie.“

Also doch Hoffnung – am Ende eines langen, weil nie endenden Tunnels?

Wann: Mittwoch, 17.06.2026
Wo: Haus der Geschichte BW, Otto-Borst-Saal
Beginn: 19:00 Uhr (Filmlänge: 90 Minuten)
Einlass: ab 18:30 Uhr
Filmgespräch mit:
Dagmar Mielke (Redakteurin rbb/ARTE)
Stefan Kloos (Produzent Kloos & Co Medien)
Moderation: Ulrike Becker (HDF)
Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: [email protected]

INSIDE GAZA gewinnt ROMAN BRODMANN PREIS 2026

Der diesjährige Roman Brodmann Preis wurde am 24. April 2026 in Berlin an die Regisseurin Hélène Lam Trong für ihren Fernsehdokumentarfilm INSIDE GAZA (72 Min.) vergeben. Zusammen mit dem Produzenten Yann Ollivier (Docs & Factstory AFP Group) und dem AFP-Fotografen Mohammed Abed, einem der Protagonisten von INSIDE GAZA, nahm die Filmemacherin die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen. Überreicht wurde der Preispokal von Sibylle Hanau-Brodmann, der Tochter des Namenspatrons.
Medienpolitisches Roman Brodmann Kolloquium

Die Preisverleihung und das vorangehende Roman Brodmann Kolloquium standen 2026 unter dem Thema: „Autokratismus, Kulturkampf, Desinformation! Stirbt die Demokratie?“ Zur Eröffnung sprach der Medienwissenschaftler, freie Autor und Forscher Dr. Simon Strick (Autor von „Rechte Gefühle: Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“). In seiner Keynote heißt es u. a.: „Ich möchte dem Begriff „Kulturkampf“ noch eine andere Wendung geben. Dazu verlasse ich die Tagespolitik und komme zu den Bildern, die die nominierten Dokumentarfilme uns zeigen. Denn diese Bilder kämpfen. Sie kämpfen natürlich gegen das Schweigen, gegen das Nicht-Hinsehen. Wir müssen uns Zeit nehmen für diese Filme, denn sie zeigen eine komplexere Zeit als die Tagespolitik. 

Sie zeigen Orte und Personen vor, während und nach der Katastrophe – ob damit ein versuchter Mord oder Völkermord, Besatzung, Krieg, oder Desinformation gemeint ist. Aber die Bilder kämpfen dabei auch gegen andere Bilder. Die Bilder aus Butscha im Film SPLITTER AUS LICHT stehen gegen die Propaganda Putins. Die Bilder und Gespräche in WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT kämpfen mit der kollektiven Verdrängung von Femiziden in Deutschland. Der Film INSIDE GAZA zeigt neben vielen bisher ungesehenen Bildern jene Kinderleiche, an deren Echtheit die Weltöffentlichkeit gezweifelt hat, weil die israelische Regierung von einer Puppe gesprochen hatte. Auch Roman Brodmanns Film von 1967 [DER POLIZEITSTAAT] zeigte bereits einen solchen Krieg der Bilder und der Medien: Die Tribunale der Studierenden über Menschenrechtsverletzungen standen im Kampf mit der hetzerischen Vorverurteilung der Bild-Zeitung, die vom „linken Terrormob“ schrieb. Vor der Deutschen Oper wurden die Plakate der iranischen Royalisten zu Schlagstöcken gegen die Studierenden und ihre Transparente. Brodmanns Film zeigte damit einen zentralen Vorgang unserer andauernden Gegenwart: Aus Bildern werden Waffen. Im Englischen gibt es dazu den guten Begriff der Weaponization of Images.”

Im anschließenden Panel diskutierten Lars Hendrik Beger (Kulturjournalist DLF), Ann-Katrin Müller (Politikjournalistin DER SPIEGEL), Lorenz Blumenthaler (Amadeu Antonio Stiftung), Dr. Katja Muñoz (Senior Fellow, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.) mit Moderatorin Katharina Thoms (Hauptstadtkorrespondentin DLF).

Im Panel „Produzieren und Berichten in Kriegs- und Krisenzonen“ waren die Gäste: Mila Teshaieva (Regisseurin), Marcus Lenz (Produzent), Mohammed Abed (Fotograf), Yann Ollivier (Produzent) und Christian Mihr (Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen). Die Moderation hatte Dr. Leonard Novy (Autor und Politikberater).

Gewinnerfilm 2026: INSIDE GAZA

Die abendliche Preisverleihung wurde wie in den vergangenen Jahren durch die „Roman-Brodmann-Rede” eingeleitet. 2026 hielt sie der Journalist, Filmemacher, Produzent und Buchautor Gero von Boehm.

Von Boehm, der als junger Journalist beim Südwestfunk den damals beim Süddeutschen Rundfunk beschäftigten, älteren Kollegen Roman Brodmann persönlich kannte, führte zu Brodmanns Arbeitsweise aus:

„Was mich an Brodmanns Werk fasziniert: Er hat keine großen Weltthemen gesucht. Er hat geschaut, was vor seiner Nase lag. 1966 drehte er DIE MISSWAHL – BEOBACHTUNGEN BEI EINER SCHÖNHEITSKONKURRENZ. Auf den ersten Blick: Bericht über Glitzer und Damenwahl, Grimme-Preis mit Bronze. Auf den zweiten Blick: eine Beobachtung darüber, wie eine Gesellschaft Frauen als Ware inszeniert, wie Körper bewertet werden, wie das Lächeln eingeübt wird, während die Kamera läuft. Brodmann hat das nicht behauptet. Er hat es gezeigt. Der Zuschauer durfte selbst urteilen. Den Film könnte man gerade heute wieder zeigen. […] Die im Grunde eher feuilletonistische als analytische Haltung, die Roman Brodmann uns vorgemacht hat, hat durchaus Vorzüge: Sie verführt nicht zu jenen Vereinfachungen, aus denen Thesen-Fernsehen sich häufig speist, und bietet dafür doch mitunter ausdrucksstarke und aufschlussreiche Bilder, die auch ohne verbalen Zeigefinger verständlich sind: Das war sein Geheimnis – und das war kein Trick, sondern echte handwerkliche Überzeugung. Er hat es einmal selbst formuliert, sinngemäß: „Ich will den Leuten nicht sagen, wie etwas wirklich ist, sondern ich will die Leute fragen: Meint ihr nicht, dass es auch anders sein könnte? Wobei ich gar nicht behaupte: Es ist anders. Ich finde nur, die Frage muss gestellt und beantwortet werden, wenn wir uns in irgendeiner Weise im Sinne der Aufklärung weiterentwickeln wollen.” Soweit Brodmann. Nicht sagen also. Fragen. Nicht belehren. Zeigen. Den Zuschauer ernst nehmen, statt ihn zu erziehen.“

Die vollständige „Roman-Brodmann-Rede” von Gero von Boehm finden Sie in der angehängten pdf-Datei.

Übergeben wurde der Preis von der Tochter des Namensgebers, Sibylle Hanau-Brodmann, und der dreiköpfigen Jury, die den Gewinnerfilm aus den zehn Finalisten der Shortlist gewählt hat. Die Jurorinnen 2026 sind: Steffi Niederzoll, Drehbuchautorin, Regisseurin und Trägerin des Roman Brodmann Preises 2023 (für den Kinodokumentarfilm SIEBEN WINTER IN TEHERAN), Monika Preischl, Archive Producer und Mitwirkende an zahlreichen Fernseh- und Kinodokumentarfilmen, sowie Chiara Sambuchi, Journalistin, Filmemacherin und Vorstandsmitglied in der AG DOK.

Im prämierten Dokumentarfilm INSIDE GAZA (ARTE France) beleuchtet Regisseurin Hélène Lam Trong die Erfahrungen eines Reporterteams der Agentur France Presse (AFP), das seit Beginn des Gaza-Kriegs im Palästinensergebiet festsaß. Erst im Februar 2024 konnten die sieben Journalist:innen ausreisen. Bis dahin dokumentieren sie das Leid der Zivilbevölkerung unter schwersten Bedingungen. Gleichzeitig erleben sie, dass die von ihnen gemachten Aufnahmen von westlichen Medien in Frage gestellt werden und von pro-israelischen Lobbygruppen als gefälscht diffamiert werden. In der Laudatio der Roman-Brodmann-Jury heißt es:

„In einer eindringlichen Montage erzählt der Dokumentarfilm nicht nur das Drama, die einzigen Zeug:innen einer erschütternden Brutalität zu sein – einer Welt, die unter Bomben zerbricht, in der Freund:innen, Kolleg:innen und Familienangehörige sterben. Er erzählt auch von der Erschöpfung und Einsamkeit von Reporter:innen sowie von ihrem unbeirrbaren Willen, weiter zu berichten und ihrer journalistischen Aufgabe gerecht zu werden.“

Die vollständige Laudatio entnehmen Sie der angehängten PDF-Datei.

Nach der Preisübergabe wurde INSIDE GAZA in ganzer Länge gezeigt. Im anschließenden Q&A gaben die Regisseurin Hélène Lam Trong, der Produzent Yann Ollivier sowie der inzwischen in Belgien lebende Fotograf Mohammed Abed Auskunft über die Entstehung des Films und die Arbeitsbedingungen von Presseangehörigen in der Kriegszone. Chiara Sambuchi führte das Gespräch.

Pressematerial

Weitere Materialien und Fotos finden Presseangehörige in unserer Presse-Cloud. Um Angabe der Foto-Credits wird gebeten. Für alle hier veröffentlichten Fotos der Veranstaltung: © RBP/HDF 2026. 

Link: https://cloud.hdf.de/s/mmKkwHLo3wmf2Tb

Kontakt: Ulrike.Becker@swr

Der ROMAN BRODMANN PREIS 2027 wird vom Haus des Dokumentarfilms im November 2026 ausgeschrieben.

Kooperationspartner des Hauses des Dokumentarfilms sind seit Bestehen des Roman Brodmann Preises die Landesvertretung von Rheinland-Pfalz beim Bund sowie der Sender ARTE. 2026 waren zum wiederholten Male Reporter ohne Grenzen (RSF) und der DJV Berlin-JVBB Kooperationspartner. Kuratiert werden der ROMAN BRODMANN PREIS und das KOLLOQUIUM von Ulrike Becker (HDF).

Unter dem Titel DEMOKRATIE UNTER DRUCK – IST UNSERE ZIVILGESELLSCHAFT AM ENDE? widmet sich das Branchentreffen des Hauses des Dokumentarfilms am 18. und 19. Juni 2026 in Keynotes, Panels und Case Studies den Gefahrenpotenzialen, denen unsere Demokratie in wachsendem Maße ausgesetzt ist. 
Eröffnungsredner ist Bundespräsident a. D. Joachim Gauck. Wie kaum ein anderer setzt er sich für Demokratie, Pluralismus, Freiheitsrechte und bürgerliches Engagement ein. Mit Nachdruck weist er immer wieder darauf hin, dass ein wesentlicher Stützpfeiler unserer Demokratie die „aktive Bürgergesellschaft“ ist. 
Das Eröffnungspanel behandelt das Schwerpunktthema im internationalen Kontext – in Osteuropa, in den USA oder im Nahen Osten. Es diskutieren Düzen Tekkal (Journalistin, Menschenrechtsaktivistin), Katharina Willinger (Leiterin ARD Studio Istanbul und Büro Teheran), Nathalie Wappler (Vorsitzende Deutscher Medienrat), Stephan Lamby (Regisseur) und Paul Ronzheimer (stellv. Chefredakteur BILD-Zeitung). Zudem werden auf den Panels u. a. der Musiker Sebastian Krumbiegel, Tübingens OB Boris Palmer, die Ko-Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europäischen Parlament Terry Reintke sowie der ehemalige EU-Kommissar Günther Oettinger erwartet.
Zahlreiche Filmschaffende werden auch in diesem Jahr in Case Studies ihre Filme vorstellen, u. a. Andreas Pichler seinen Dokumentarfilm ELON MUSK UNCOVERED: DAS TESLA-EXPERIMENT.
Als Special Guest hat Meisterregisseur Wim Wenders zugesagt.
Das vollständige Programm erscheint demnächst auf dokville.de.
Kooperationspartner von DOKVILLE 2026 sind die MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, der SWRARTE und das Grimme-Institut.

ROMAN BRODMANN KOLLOQUIUM 2026

Jetzt anmelden!

Weltweit befinden sich Autokratien auf dem Vormarsch. Das bedeutet: Einschränkung von Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit, Behinderung der Justiz, Ausbau der Exekutive durch Umgehung der Parlamente, Angriffe auf die Freiheit der Künste und Wissenschaften. Die Zahl autokratisch regierter Staaten steigt von Jahr zu Jahr.  Zugleich werden liberale Demokratien schleichend in illiberale Demokratien umgebaut.

Backlash und völkische Modelle – ‚Illiberale‘ Demokratien in Europa

Der Trumpismus hat ein Role Model geschaffen, dessen Strahlkraft über die aktuelle US-amerikanische Präsidentschaft vermutlich lange hinauswirken wird. Ein Role Model, dessen Nachahmer und Nachahmerinnen sich längst auch im konservativen Spektrum europäischer Demokratien tummeln. Der Erfinder der ‚illiberalen‘ Demokratie in Europa, Victor Orbán, wurde zwar gerade abgewählt, doch wie weit die Schäden, die Orbán 16 Jahre lang angerichtet hat, reparabel sind, muss sich in Ungarn noch erweisen. Auch mag weder der Blick zu anderen europäischen Nachbarn noch der auf die drei in Deutschland 2026 noch anstehenden Landtagswahlen beruhigen. Inzwischen liegt das AFD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt vor. Die Feindbilder der Rechtsextremen sind schnell ausgemacht: Bildung, Kultur und Vielfalt. Stattdessen „Remigration“ und „patriotische Kulturpolitik“. Wie können sich Journalismus, Medien und Kreativszene gegen den Kulturkampf von rechts schützen? Diese Frage stellt das Roman Brodmann Kolloquium 2026.

Im Themen-Panel diskutieren u. a. Lars Hendrik Beger (Kulturjournalist und Redakteur, Corso DLF), Ann-Katrin Müller (Politikjournalistin und Redakteurin, DER SPIEGEL), Lorenz Blumenthaler (Pressesprecher Amadeu Antonio Stiftung). Die Moderation hat Katharina Thoms (Journalistin, Hauptstadtkorrespondentin DLF).

Medienfreiheit und geopolitische Konflikte

Im Panel „Produzieren und Berichten in Kriegs- und Krisenzonen“ sprechen die Filmschaffenden Mila Teshaieva (Regisseurin), Marcus Lenz (Produzent, Regisseur) und Yann Ollivier (Head of Documentary AFP DOCS & FACTSTORY) über ihre Erfahrungen in der Ukraine und in Nahost. Christian Mihr (Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen) wird die zunehmenden Bedrohungen der Pressefreiheit weltweit, nicht nur in Konfliktzonen und Diktaturen, sondern auch in westlichen Demokratien beleuchten. Denn unabhängiger Journalismus gerät nicht nur durch staatliche Einschränkungen unter Druck, sondern auch durch die Funktionslogiken großer Plattformen, die Desinformation und krude Propaganda häufig begünstigen und faktenbasierte Recherchen an den Rand drängen. Das Panel moderiert Dr. Leonard Novy (Journalist).

Die Keynote zur Eröffnung des Roman Brodmann Kolloquiums 2026 hält der Kultur- und Medienwissenschaftler Dr. Simon Strick (Autor „Rechte Gefühle: Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“). Die Roman-Brodmann-Rede zur Preisverleihung hält der Journalist und Filmemacher Gero von Boehm.

PREISVERLEIHUNG UND ROMAN BRODMANN KOLLOQUIUM

Wann: 24. April 2026
Wo: Landesvertretung von Rheinland-Pfalz beim Bund und der Europäischen Union, Berlin.
Beginn des Kolloquiums: 16:00 Uhr
Einlass: ab 15:30 Uhr
Preisverleihung: 19:00 Uhr
Präsentation des prämierten Films: 19:30 Uhr
Im Anschluss Q&A
Ausklang 
Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist erforderlich: [email protected]
Rückfragen: [email protected]
 

AUTOKRATISMUS, KULTURKAMPF, DESINFORMATION!

STIRBT DIE DEMOKRATIE?

Weltweit befinden sich Autokratien auf dem Vormarsch. Das bedeutet: Einschränkung von Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit, Behinderung der Justiz, Ausbau der Exekutive durch Umgehung der Parlamente, Angriffe auf die Freiheit der Künste und Wissenschaften. Die Zahl autokratisch regierter Staaten steigt von Jahr zu Jahr.  Zugleich werden liberale Demokratien schleichend in illiberale Demokratien umgebaut.

PROGRAMM

ROMAN BRODMANN PREIS & KOLLOQUIUM 2026

15:30 Uhr

Einlass

16:00 Uhr

BEGRÜSSUNG

  • Ulrike Becker, Haus des Dokumentarfilms

16:15 Uhr

KEYNOTE

  • Dr. Simon Strick, Medienwissenschaftler, freier Autor und Forscher

16:30 Uhr

PANEL: „Autokratismus, Kulturkampf, Desinformation!“

  • Lars Hendrik Beger, Kulturjournalist DLF
  • Lorenz Blumenthaler, Pressesprecher Amadeu Antonio Stiftung
  • Ann-Katrin Müller, Journalistin, DER SPIEGEL
  • Dr. Katja Muñoz Senior Fellow Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.

  • Moderation: Katharina Thoms, Journalistin, Hauptstadtkorrespondentin DLF

17:15 Uhr

Kaffeepause

17:30 Uhr

PANEL: „Produzieren und Berichten aus Kriegs- und Krisenzonen“

  • Mahammed Abed, AFP-Fotograf
  • Marcus Lenz, Produzent, Regisseur
  • Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen (RSF)
  • Yann Ollivier, Head of Documentary AFP DOCS & FACTSTORY
  • Mila Teshaieva, Regisseurin
  • Moderation: Dr. Leonard Novy, Autor und Politikberater

18:15 Uhr

Pause & Empfang

ROMAN BRODMANN PREIS 2026

19:00 Uhr

BEGRÜSSUNG UND PRÄSENTATION SHORTLIST

  • Ulrike Becker, Haus des Dokumentarfilms

19:15 Uhr

ROMAN-BRODMANN-REDE

  • Gero von Boehm, Journalist und Filmemacher

19:30 Uhr

VORSTELLUNG DER JURY

  • Steffi Niederzoll (Regisseurin und Drehbuchautorin)
  • Monika Preischl (Archive Producer, GRAP e.V.)
  • Chiara Sambuchi (Autorin und Regisseurin, Vorstandsmitglied AG DOK)

PREISÜBERGABE

  • in Gegenwart von Sibylle Hanau-Brodmann

LAUDATIO

20:00 Uhr

VORFÜHRUNG GEWINNERFILM

  • im Anschluss Q&A mit den Filmschaffenden und Chiara Sambuchi, Dokumentarfilmerin

Ausklang mit Snacks und Getränken

ROMAN BRODMANN PREIS
Die Shortlist steht fest

Die Auswahlkommission des Hauses des Dokumentarfilms (HDF) hat am 19. März die Shortlist für den diesjährigen ROMAN BRODMANN PREIS zusammengestellt. Der Preis würdigt den politischen Dokumentarfilm mit starker Autorenhandschrift. Er ist nach dem Journalisten Roman Brodmann (1920–1990) benannt, der als Vertreter der sogenannten Stuttgarter Schule (Süddeutscher Rundfunk) mit Fernsehdokumentarfilmen Maßstäbe setzte. Brodmanns heute wohl bekanntester Film ist das legendäre ARD-Stück DER POLIZEISTAATBESUCH (1967) über den Besuch des persischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi und seiner Ehefrau Farah Diba in der Bundesrepublik – eines der wichtigsten Medienzeugnisse am Vorabend der westdeutschen Studentenbewegung. Der Roman Brodmann Preis wurde 2022 vom Haus des Dokumentarfilms ins Leben gerufen und wird einmal jährlich ausgeschrieben.
Die vierzehnköpfige Kommission hat aus etwa 130 Einsendungen – darunter lange Dokumentarfilme, Dokumentationen und Doku-Serien – zehn Werke ausgewählt. Diese treten nun im Wettbewerb um den mit 10.000 Euro dotierten Preis an.
Die Bekanntgabe, welchen Film die Hauptjury zum Gewinner kürt, erfolgt im Rahmen der feierlichen Verleihung am 24. April 2026 in der gastgebenden Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin.

DIE NOMINIERUNGEN IN ALPHABETISCHER REIHENFOLGE

Titel Regisseur:in/Autor:in Produktion Sender
BLAME
Christian Frei
Christian Frei Filmproduktionen
CHRONOS – FLUSS DER ZEIT
Volker Koepp
Vineta Film
RBB/MDR
COEXISTENCE, MY ASS!
Amber Fares
My Teez Productions
ARTE F
ERNEST COLE: LOST & FOUND
Raoul Peck
Velvet Film
ARTE F
DER HELSINKI EFFEKT
Arthur Franck
Polygraf, Kloos & Co, Indie Film Bergen
RBB/ARTE
HOLOFICTION
Michal Kosakowski
Kosakowski Films
INSIDE GAZA
Hélène Lam Trong
Factstory Doc
ARTE F (RTBF)
SPLITTER AUS LICHT – УЛАМКИ СВІТЛА
Mila Teshaieva und Marcus Lenz
wildfilms
WDR, SWR, 3Sat, BBC Storyville, DR
SUDAN – EIN KRANKENHAUS IM SCHATTEN DES KRIEGES
Carl Gierstorfer, Laura Salm-Reifferscheidt
DOCDAYS Productions
ZDF/ARTE, Deutsche Welle
WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT
Daniela Magnani Hüller
Bildersturm Filmproduktion
ZDF

DEZIDIERTE HANDSCHRIFTEN UND HOHE FILMISCHE QUALITÄT

Die Themen, die die nominierten Filme aufgreifen, spiegeln die drängenden politischen Konflikte der Gegenwart – den Nahostkonflikt (INSIDE GAZA; COEXISTENCE, MY ASS!), den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine (SPLITTER AUS LICHT) oder die in den Medien wenig präsente humanitäre Katastrophe im Sudan (EIN KRANKENHAUS IM SCHATTEN DES KRIEGES). Sie analysieren Verschwörungskampagnen und Desinformation (BLAME), choreografieren auf experimentelle Weise Archiv-Materialien neu (HOLOFICTION; DER HELSINKI-EFFEKT; ERNEST COLE: LOST & FOUND) oder entlarven das Versagen gesellschaftlicher Institutionen angesichts von Femiziden (WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT). Sie spiegeln künstlerische Beharrlichkeit und unverkennbare filmische Handschriften (CHRONOS – IM FLUSS DER ZEIT). „Alle Filme zeichnen sich durch intensive Recherche, einen persönlich-empathischen Zugang, besondere Protagonistennähe, langen Atem sowie eine hohe filmische und journalistische Qualität aus“, so das Fazit der Auswahlkommission.
Das Haus des Dokumentarfilms und seine Juror:innen gratulierten allen Filmschaffenden und ihren Teams für ihre herausragende Arbeit!

DIE AUSWAHLKOMMISSION

 Für Nominierungen der diesjährigen Shortlist sind verantwortlich:
  • Nele Dehnenkamp, Autorin und Regisseurin
  • Dr. Sigrid Faltin, Autorin und Regisseurin (white pepper film)
  • Goggo Gensch, Autor und Regisseur, Kurator HDF-DOK Premiere Stuttgart
  • Dr. Heike Huppertz, Kultur- und Medienjournalistin (F.A.Z., epd medien u.a.)
  • René Martens, Autor und Medienjournalist (Altpapier, Übermedien, epd medien)
  • Dr. Sylvia Nagel, Autorin, Regisseurin und Produzentin
  • Samir Nasr, Autor und Regisseur
  • Dshamilja Paetzold, Lehrbeauftragte Digitale Kultur, Hochschule Düsseldorf; Promovendin Medien- und Kulturwissenschaft PK NRW
  • Christine Schäfer, Projektmanagerin Programm Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS); Kuratorin HDF-DOK Premiere Ludwigsburg
  • Holger Schmidt, Leitung bereichsübergreifendes Qualitätsmanagement SWR Aktuell; Terrorismus-Experte ARD
  • Maggie Schnaudt, Filmwissenschaftlerin; Projektbetreuung HDF
  • Margrit Schreiber-Brunner, Dokumentarfilm-Kuratorin
  • Ümit Uludağ, Produzent CORSO Film- und Fernsehproduktion; Kurator HDF-DOK Premiere Köln
  • Klaudia Wick, Fernsehwissenschaftlerin und Autorin, Deutsche Kinemathek
  • Vorsitz der Auswahlkommission: Ulrike Becker (HDF)

PREISVERLEIHUNG UND ROMAN BRODMANN KOLLOQUIUM

Wann: 24. April 2026
Wo: Landesvertretung von Rheinland-Pfalz beim Bund und der Europäischen Union, Berlin.
Der Preisverleihung vorgelagert ist ab 16:00 Uhr das medienpolitische Roman Brodmann Kolloquium. Sein Thema 2026 lautet: „Autokratismus, Kulturkampf, Desinformation! Stirbt die Demokratie?“ Auf dem Podium sprechen Filmschaffende und Expert:innen aus den Bereichen Medien, Politik und Gesellschaft. Kooperationspartner der Veranstaltung sind die Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin, ARTE und Reporter ohne Grenzen (RFS).
Beginn des Kolloquiums: 16:00 Uhr
Einlass: ab 15:30 Uhr
Preisverleihung: 19:00 Uhr
Präsentation des prämierten Films: 19:30 Uhr
Im Anschluss Q&A
Ausklang 
Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist erforderlich: [email protected]
Rückfragen: [email protected]
 
Verantwortlich:
Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart e.V.
Teckstraße 62
70190 Stuttgart
www.hdf.de

„Der ROMAN BRODMANN PREIS ist die wichtigste Auszeichnung, die das Haus des Dokumentarfilms vergibt. Sie würdigt den politischen Dokumentarfilm mit besonderer Autorenhandschrift. Dies ist für unsere Juror:innen das wichtigste Kriterium und das, was wir als Jury mit dem Namensgeber am stärksten verbinden.“

Teilnahme kostenfrei, um Anmeldung per E-Mail an [email protected] wird gebeten.
Bitte geben Sie an, ob Sie am Kolloquium, der Preisverleihung oder beiden Programmteilen teilnehmen möchten. 

MEIN LIEBSTER DOKUMENTARFILM
Reihe in der ARD Mediathek

Welcher Dokumentarfilm bleibt ein Leben lang? In MEIN LIEBSTER DOKUMENTARFILM erzählen Wim Wenders, Hanna Schygulla, Campino, Sandra Maischberger, Fatih Akin, Aelrun Goette, Rosa von Praunheim und andere, welches dokumentarische Filmerlebnis sie persönlich inspiriert und emotional zutiefst berührt hat.
Die 13-teilige Interview-Reihe von Eric Friedler wurde vom Haus des Dokumentarfilms gemeinsam mit dem SWR produziert. Das Setting ist minimalistisch, der Blick der Interviewten geht direkt in die Kamera. Ihre Erinnerungen an Szenen, Bilder und Stimmen erhalten eine Intensität, die keinen Zweifel daran lässt, dass der ausgewählte Film auch ihr eigenes Schaffen und ihre Einsichten in gesellschaftliche Zusammenhänge geprägt hat.
MEIN LIEBSTER DOKUMENTARFILM ist ein Plädoyer für ein Genre, das Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern grundlegend reflektiert. Die Reihe lädt ein, Klassiker wie Nacht und Nebel”, Shoah,„Dont Look Backoder „When We Were Kingswieder anzuschauen und jüngere Filme wie „Bowling for Colombineoder „Soundtrack to a Coup d’Etatneu zu entdecken.

Haus des Dokumentarfilms und Haus der Geschichte zeigen HOLOFICTION

Das Haus des Dokumentarfilms lädt in Kooperation mit dem Haus der Geschichte anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu einer Matinee ein. Gezeigt wird der Film HOLOFICTION (2025) von Michal Kosakowski. Der Regisseur ist für ein Werkstattgespräch zu Gast.

HOLOFICTION – Darstellung der Shoah im fiktionalen Film

In seinem experimentellen Dokumentarfilm hat Kosakowski mit Archivbildern aus mehr als 3.000 fiktionalen Filmwerken, die die Shoah thematisieren und weltweit entstanden sind, ein eigenes neues Werk montiert. Zugleich ist HOLOFICTION (102 Min.) eine eindringliche künstlerische Bestandsaufnahme von seit Jahrzehnten wiederkehrenden Motiven und szenischen Narrativen, auf die Filmschaffende zurückgriffen, wenn sie den Massenmord an Jüdinnen und Juden zum Gegenstand einer fiktionalen Erzählung machten.

Eingeschlagene Schaufensterscheiben, Menschen, die in LKW gedrängt, Waggontüren, die geschlossen werden, zurückgebliebene Koffer, Stacheldrahtzäune, Lederstiefel, Schäferhunde – das Ausmaß an fiktionalisiertem Bildmaterial über die NS-Zeit ist überwältigend. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg gehören zu den am häufigsten verfilmten Ereignissen der Weltgeschichte. Regisseur Kosakowski erklärt in einem Statement, dass Ausgangspunkt seiner Arbeit an diesem Film eine Aussage des französischen Journalisten und Filmemachers Claude Lanzmann war: „Fiktion ist eine Übertretung. Ich bin der Überzeugung, dass bestimmte Dinge nicht dargestellt werden dürfen.“ (Lanzmann 1993 anlässlich der Veröffentlichung von „Schindlers Liste“)

Was vermag Kunst? Was darf Fiktion?

Kann ein Darstellungsverbot legitim sein? Wir fühlen uns unweigerlich an einen Satz von Theodor W. Adorno (1949) über Kunst nach Auschwitz erinnert: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ – die wohl bekannteste kulturästhetische Aussage nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber auch Impuls für bis heute andauernde Diskurse über das, was Kunst vermag, und über die Kraft der Erinnerung gegen das Vergessen.

Aus dem Spannungsfeld zwischen Lanzmanns Forderung nach einem Darstellungsverbot und der realen Existenz unzähliger fiktionaler Holocaust-Darstellungen begann Kosakowski seine Recherche. Sie mündete in der Konzeption eines filmischen Essays, der ausschließlich aus jenen fiktionalen Bildern besteht, die – gemäß Lanzmanns Haltung – eigentlich niemals hätten entstehen dürfen. Das Prinzip der Montage: Wiederholungen, Parallelitäten, Perspektiv- und Seitenwechsel. So ist neben einer Chronologie des Holocaust auch eine Kategorisierung ikonografischer Muster entstanden. Sie macht sichtbar, wie unsere visuelle Erinnerung an historische Ereignisse konstruiert und immer wieder aufs Neue reproduziert wird. Zugleich lädt HOLOFICTION ein, über zeitgemäße Formen von Erinnerungskultur sowie die Darstellung von Politik, Geschichte und Gewalt in den Medien nachzudenken.

Premiere hatte HOLOFICTION beim Filmfest Venedig 2025. Nach der Aufführung in Stuttgart wird er als nächstes beim International Film Festival Rotterdam 2026 aufgeführt. Die Veranstaltung vom Haus des Dokumentarfilms und dem Haus der Geschichte wird von der Berthold Leibinger Stiftung gefördert.

Preview und Matinée am 25. Januar 2026


Wann: 25. Januar 2026, Matinee 11:00 Uhr/  Einlass ab 10:30 Uhr
Wo: Otto-Borst-Saal, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart

Im Anschluss an die Vorführung folgt ein Filmgespräch mit Regisseur
Michal Kosakowski

Moderation: Ulrike Becker (HDF)

Der Entritt ist frei.

Anmeldung bis 23.01.2026 erforderlich:

[email protected]

Rückfragen/ Pressematerial: [email protected]

Im Oktober präsentiert  das Haus des Dokumentarfilms gemeinsam mit dem Stuttgarter Haus der Geschichte, ARTE und dem Saarländischen Rundfunk (SR) den ersten Teil einer dreiteiligen Doku-Reihe zu deutschen Auswandererschicksalen aus drei Jahrhunderten als exklusive Preview.

Denn seit dem 17. Jahrhundert überquerten Millionen von Deutschen die Meere auf der Flucht vor Hungersnöten, Kriegen, religiöser Verfolgung und wirtschaftlicher Not. In Nord- und Südamerika, Afrika oder Osteuropa hofften sie ein besseres Leben zu finden.

Die Doku-Reihe von Marc Ball und Patrick Cabouat rekonstruiert auf der Grundlage von Reiseberichten und Briefen das Schicksal einzelner Migrant:innen und stellt Flucht und Fluchtgründe in ein neues Licht.


Wann: 21. Oktober 2025, 18:30 Uhr
Einlass ab 18:00 Uhr
Wo: Otto-Borst-Saal Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart

Im Anschluss an die Vorführung folgt ein Filmgespräch mit Regisseur
Marc Ball und den Historikern William O’Reilly und Helge Wendt.

Moderation: Kerstin Gallmeyer (SR)

Der Entritt ist frei.

Anmeldung bis 20.10.2025 erforderlich:

[email protected]

Gemeinsam mit dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) führen wir die Preisausschreibung und das Kolloquium 2025 zum vierten Mal durch. Wir danken vor allem Staatssekretärin Heike Raab, die uns Jahr für Jahr ermöglicht, die Medien- und Dokumentarfilmbranche in die Räume der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin einzuladen.

→ zur Shortlist mit den zehn nominierten Filmen

DIE JURY

WELTKARRIERE EINER LÜGE
HDF Preview im Haus der Geschichte

Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg und das Haus des Dokumentarfilms setzen ihre Preview-Reihe nach den Sommerferien fort. Im September präsentieren wir in Kooperation mit ARTE und LETsDOK den Dokumentarfilm WELTKARRIERE EINER LÜGE: DIE PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION (80 Min.). Im Anschluss an die Vorführung diskutieren Regisseur Felix Moeller und der BW-Beauftragte gegen Antisemitismus Dr. Michael Blume.

Ein Gerücht wird fabriziert

Sie gehört zu den hartnäckigsten Propagandalügen des 20. Jahrhunderts: die obskure Schrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Das Buch wurde 1903 in Russland verfasst, im Laufe der Zeit in unzählige Sprachen übersetzt und mauserte sich zur Bibel von Verschwörungstheoretikern. Es erzählt die Legende eines belauschten Treffens auf dem Prager Friedhof, bei dem Vertreter der Stämme Israels einen Masterplan zur Übernahme der Weltherrschaft und des globalen Finanzsystems sowie zur totalen Kontrolle sämtlicher staatlicher Organe und gesellschaftlicher Strukturen besprochen hätten. Kurz gesagt, die angeblichen Protokolle sind eine Auflistung von krudesten antisemitischen Narrativen.

Das Gerücht geht um die Welt

Dass die Protokolle reiner Schwindel sind, wurde schon Anfang der 1920er Jahre zweifelsfrei nachgewiesen. Dennoch entfalteten sie eine propagandistische Wirkung, die bis in die Sozialen Medien von heute anhält. Sie beeinflussten Diktatoren, Industriebarone und Autokraten – von Adolf Hitler über Henry Ford bis Wladimir Putin – und befeuern auch in der Gegenwart rechtsextremistische und islamistische Netzwerke weltweit. Sie werden im Gründungsdokument der Terrororganisation Hamas ebenso propagiert wie von White Supremacy Communities oder QAnon-Anhängern. Sie animierten Attentäter, wie jene der Anschläge auf die Synagogen von Halle und Pittsburgh.

Antreiber für Verschwörungsmythen und Hasskriminalität

Regisseur Felix Moeller hat sich in seinem neuen Dokumentarfilm (80 Min./rbb/ARTE) die Wirkungsgeschichte der Hetzschrift vorgenommen, nicht nur ihren Einfluss auf offen extremistische Kreise, sondern auch auf gegenwärtige populärkulturelle Trends, deren demokratiegefährdendes Potenzial die Gesellschaft zu verkennen scheint. Ob islamistische Influencer:innen, der Milliardär und Sprücheklopfer Elon Musk, der US-Rapper Kayne West, der Deutsch-Rapper Kollegah oder die Entwickler von Videospielen wie „Hogwarts Legacy“, die Reihe derer, die im kulturellen Mainstream antisemitische Stereotype verbreiten, ließe sich um viele Namen fortsetzen.

Heute bedient sich der Antisemitismus der sozialen Medien. Die Ausmaße, die dort antijüdische Verschwörungserzählungen angenommen haben, sind dramatisch. Erneut dienen die angeblichen Protokolle der Weisen von Zion als Antreiber und rechtfertigen, besonders seit dem 7. Oktober 2023, Hasskriminalität und physische Übergriffe gegen jüdisches Leben.

Warum eine platte Lüge eine solche Medienkarriere hinlegen konnte und immer noch kann, dazu kommen in Felix Moellers Film anerkannte Expert:innen zu Wort, etwa der Journalist Rudy Reichstadt von Conspiracy Watch, die Aktivistin Hanna Veiler (Vorstand Jüdische Studierendenunion Deutschland), die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel (TU Berlin) und der Politikwissenschaftler Jakob Baier (Universität Bielefeld). Der Film wird im Herbst 2025 auf ARTE ausgestrahlt und ist im Anschuss auf arte.tv abrufbar.

Copyright für alle Abbildungen: © Blueprint Film

ARTE-Preview und Diskussion im Haus der Geschichte

Im Anschluss an unsere Preview findet im Haus der Geschichte eine Diskussion statt, an der neben dem Regisseur Felix Moeller der BW-Beauftragte gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume, teilnimmt.
Der Eintritt zur Preview im HdGBW ist frei. Eine Anmeldung ist erforderlich.
Wann: 28.09.2025
Wo: Stuttgart, Haus der Geschichte, Otto-Borst-Saal
Uhrzeit: 11:00 Uhr / Matinee
Gäste auf dem Podium:
Regisseur Felix Moeller; Dr. Michael Blume, BW-Beauftragter gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben
Moderation: Ulrike Becker
Anmeldung bis 26.09.2025, 12:00 Uhr: [email protected]
Rückfragen: [email protected]

Täglich das Beste vom Dokumentarfilm

Die Redaktion vom Haus des Dokumentarfilms versorgt Sie mit allen wichtigen Infos zu neuen Produktionen im Kino, Fernsehen und Stream. Interviews mit Filmschaffenden, Festivalberichte und Branchennews runden das Angebot ab.  

Besuchen Sie auch unsere Social-Media-Seiten und bleiben Sie so immer auf dem Laufenden.

Haus des Dokumentarfilms

Die Seite dokumentarfilm.info ist ein redaktionelles Angebot des Hauses des Dokumentarfilms (HDF). Ziel des HDF ist es, den dokumentarischen Film zu fördern. Ein umfassendes Bild des Genres liefern Online-Plattformen wie die DOKsite, der jährliche Branchentreff DOKVILLE, die Kinoreihe DOK Premiere sowie Meisterklassen und Workshops.

Dem HDF angegliedert ist zudem die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg, ein einzigartiges Archiv für historische Filme aus dem Südwesten (mehrheitlich Amateuraufnahmen sowie Werbefilme).

Mehr über das Haus des Dokumentarfilms finden Sie auf unserer Homepage und in unserer Broschüre, die Sie mit einem Klick aufs Bild rechts runterladen können.

Broschüre

zum Download einfach anklicken