Kinostarts am 18.7. und 25.7.2024

Vier Dokumentarfilme laufen am 18.07. und 25.07. im Kino an. In dieser Woche starten PROJEKT BALLHAUSPLATZ von Kurt Langbein, THE GATE – EIN LEBEN LANG IM KRIEG von Jasmin Herold und Michael David Beamish, BERNHARD HOETGER – ZWISCHEN DEN WELTEN von Gabriele Rose und AVERROÈS & ROSA PARKS von Nicolas Philibert.

Regie: Kurt Langbein

Wien, nur du allein. 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt, zwischen Volksgarten, dem Bundeskanzleramt, der Hofburg und dem Heldenplatz. Ballhausplatz – das ist auch eine Metonymie für die Österreichische Bundesregierung, auch für das Amt des Bundeskanzlers selbst. Ein Machtzentrum der Republik.
Ein smarter junger Mann, selbstbewusst, offener Hemdkragen, wie aus einer Shampoo-Reklame entstiegen, posiert auf der Kühlerhaube eines Autos. Frauen lächeln, jungstierige Anzugträger blecken – eine Szene wie aus einer amerikanischen Seifenoper entnommen. Doch zeigt sie österreichische Augenblickwirklichkeit. Eine Machtinszenierung des ‚Wir haben es geschafft‘. Sebastian Kurz, Mitglied der Österreichischen Volkspartei, wird zum Bundeskanzler ernannt. Koaliert mit der rechten FPÖ, dann mit den Grünen. Instinkt treibt ihn. Und das Talent zur Manipulation. Wie ein Schock eine kurze Szene, wenn sich Kurz und Donald Trump im Weißen Haus gegenübersitzen. Wie Vater und Sohn. Sie wirken gleich neben gleich. Schließlich der Korruptionsverdacht, der Rückzug von allen Ämtern. Ende einer politischen Karriere, die im wahrsten Sinne des Wortes internationales Aufsehen erregte.
Kurt Langbein collagiert. Fernsehaufnahmen stehen neben Interviews von Mitstreiter:innen und Kritiker:innen. Setzen in ihren gegensätzlichen Aussagen Leerstellen, die ans Publikum weitergereicht werden. Widersprüche bleiben. Und ein Erstaunen darüber, warum so viele der Eloquenz des Sebastian Kurz einfach unterlagen. So wird der Film auch zu einem Lehrstück.

Regie: Jasmin Herold, Michael David Beamish

„Dugway Proving Grounds“ – das ist der Name einer als streng geheim deklarierten militärischen Anlage mitten in der Wüste von Utah, nicht weit von Salt Lake City. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg Tests mit biologischen und chemischen Waffen gemacht. Unter absurden und menschenverachtenden Bedingungen. War es Unkenntnis und bewusste Missachtung von Sicherheitsstandards, denen die hier Stationierten ausgesetzt waren? Die Erkenntnisse aus den dortigen Tests legten Grundlagen für die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.
Eine Tiefenrecherche. Die Kamera schwebt über Landschaften. Sie scheinen unversehrt. Isoliert einzelne Personen. Beobachtet still. Zum Greifen eine verwundete Einsamkeit. Dann stacheldrahtumzäunte Areale. Schrott, Dreck, Hinterlassenschaften. Ein Soldat erzählt gefasst. Ein Militärseelsorger versucht sich einzufinden in das Vergangene. Ein Vater ist auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Dann der Gegenblick. Ein alter Mann, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebte, erinnert sich. Alle Protagonisten sind traumatisiert. Der Krieg hat – so oder so – unheilbare Wunden in ihren Seelen, in ihrem Menschsein angerichtet.
Jasmin Herold und Michael David Beamish werten nicht. Sie vertrauen dem, was sie sehen und als wahr nehmen, dem, was ihnen die Menschen erzählen.

Regie: Gabriele Rose

Wer war Bernhard Hoetger? Kaum einer wird darauf noch eine Antwort wissen. Hoetger scheint vergessen. Er war aber einmal ein stilprägender deutscher Architekt. War Bildhauer, Maler und Kunsthandwerker. Hoetger stand dem Expressionismus nahe. Zu seinen bekanntesten Werken zählen der Platanenhain auf der Darmstädter Mathildenhöhe, ein Zyklus von Plastiken, der die Licht- und Schattenseiten des Lebens nachzuempfinden sucht. Auch in dem Künstlerdorf Worpswede finden sich stilbildende Plastiken von ihm. Die Neugestaltung der Bremer Böttcherstraße Anfang der 1930er-Jahre entstand nach seinen Entwürfen. Hoetger sympathisierte mit den Nationalsozialisten, versuchte, sich anzuschmiegen. Doch galt denen seine Kunst als „entartet“. 1934 floh Hoetger in die Schweiz, wo er 1949 starb.
Gabriele Roses Film wechselt zwischen Kommentaren von Kunsthistoriker:innen, die faktenorientiert, in Kenntnis von Hoetgers Werk, auf der Grundlage von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen ein lebendiges Bild dieses Künstlers, der sich zwischen den Welten, zwischen europäischer und asiatischer Kunst wechselte und bewegte, nachzeichnen. Und der für sich eine Symbiose von Stilen, hin zum eigenen Stil, anstrebte. Einerseits. Und andererseits inszeniert sie Sequenzen, die in historischer Nachbildung versuchen, Person und Persönlichkeit Hoetgers und dessen Kunst einem heutigen Publikum nahezubringen. So entsteht ein Gesamtbild, das changiert.

Regie: Nicolas Philibert

Stehende Bilder. Ein dicker Mann durchläuft auf zwei Händen einen sonnenbeschienenen Gang. Im Gras hockend zupft ein anderer Mann innig und in sich versunken auf einer Gitarre Beethovens ‚Ode an die Freude‘. Ein bärtiger Alter mokiert sich über die Psychiater. Er strahlt vor Freude. „Averroès“ und „Rosa Parks“, das sind zwei Abteilungen der Pariser Psychiatrie „Esquirol“. Und sie sind Teil eines Netzwerks, zu der auch die Tagesklinik „Adamant“, einem Boot auf der Seine, gehört, der Philibert seinen Film „Sur l’Adamant‘ widmete, 2023 auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin mit dem ‚Goldenen Bären‘ ausgezeichnet.
Sein neuer Film knüpft hier an. Ist wie eine Fortsetzung angelegt. Ein riesiges, gleichsam unüberschaubares Gelände. Gebäude reiht sich an Gebäude. Von einer Drohne aufgenommen schaut es wie ein Labyrinth aus. Steinernes Sinn- und Filmbild für die Seele. Hier leben und arbeiten Menschen. Eine zugewandte Suche nach einer Wahrheit der Psychiatrie versucht die Filmerzählung, lässt Menschen sprechen, die in sich verfangen und in sich gefangen scheinen. Philibert versucht sich abermals als Menschensucher. Spricht mit den Pflegekräften, hört den Kranken zu. Er nimmt Partei. Wirbt für Verständnis. Es sind kleine Geschichten, die sich da offenbaren – von Einsamkeit, von stiller Wut, in sich gekehrter Verzweiflung und Mutlosigkeit und auch trotzigem Aufbegehren.
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Picture of Wolfgang Jacobsen
Wolfgang Jacobsen, geboren 1953 in Lübeck, bis 2019 Leiter Forschung und Publikationen an der Deutschen Kinemathek. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur deutschen und internationalen Filmgeschichte. Arbeiten für Hörfunk und Fernsehen, schreibt über Film und Literatur. Lebt als freier Autor in Berlin.
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