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Offener Brief: Kino Metropol als Ort der Kultur erhalten!

Was für eine Nachricht: Das Stuttgarter Metropol-Kino schließt! Ende 2020 ist Schluss für das traditionsreiche Lichtspielhaus und Festivalkino, so die Betreiber. Doch das wollen viele Kultur- und Filmschaffende nicht hinnehmen – sie äußern sich in einem offenen Brief.

Porträtbild von Goggo Gensch im HDF von Elisa Reznicek„Ich war bestürzt, als ich die Nachricht gehört habe, und gleichzeitig hat sich bei mir sofort etwas im Kopf in Gang gesetzt“, erklärt Goggo Gensch, ehemaliger Leiter des SWR Doku Festivals, gegenüber dem Haus des Dokumentarfilms. Für dieses ist er seit dem Herbst als Kurator der Stuttgarter DOK Premieren tätig. „Ich habe Heike Schiller, die Vorsitzende der Heinrich Böll Stiftung, angerufen, mit der ich befreundet bin. Wir haben gemeinsam einen offenen Brief an Oberbürgermeister Kuhn und die Fraktionen formuliert“.

Dann sei alles sehr schnell gegangen: „Seit gestern Abend kommen quasi im Minutentakt Nachrichten bei mir an. So viele Menschen wollten und wollen unsere Aktion unterstützen und den Brief mitzeichnen.“ 

Offener Brief für Erhalt des Stuttgarter Metropol-Kinos 

Für die Erhaltung des Innenstadtkinos Metropol als Ort der Kultur plädierten im offenen Brief unter anderem Oliver Mahn (Filmbüro Baden-Württemberg), Ulrich Wegenast (ITFS/Film & Medienfestival gGmbH), Susanne Binninger und David Bernet (Vorsitzende AG Dok), Walter Sittler (Schauspieler), Petra Bewer (Sachkundige Bürgerin im Ausschuss Kultur und Medien), Birgit Baumgärtner (moving-angel filmproduction GmbH), Thomas Koch (Direktor Strategische Kommunikation, Staatsoper Stuttgart) und Jürgen Schlensog (Jazz Open).

Insgesamt sind bereits über 250 Unterschriften zusammengekommen. „Nun müssen wir abwarten, wie und wann Kuhn reagiert. Denn dass er reagieren muss, ist klar“, so Gensch.

„Ein Stück lebendige Kultur kommt abhanden“

„Die Befürchtung, dass das Metropol schließt, stand ja schon länger im Raum, trotzdem trifft uns die Nachricht schmerzlich“, äußert sich Ulrike Becker, Geschäftsführerin vom Haus des Dokumentarfilms, die den offenen Brief ebenfalls als eine der ersten mitgezeichnet hat. „Mit der Schließung geht nicht nur Cineasten und Festivalmachern ein mit vielen Erinnerungen und Emotionen besetzter Ort verloren, der Innenstadt kommt auch ein Stück lebendige Kultur abhanden.

Das Haus des Dokumentarfilms nutzte das Metropol seit drei Jahren für seinen jährlichen Branchentreff DOKVILLE. Astrid Beyer, die den Branchentreff kuratiert, ergänzt: „2017 feierte DOKVILLE seine Stuttgarter Premiere im Metropol. Von Ludwigsburg zogen wir direkt ins Herz der City, ins wunderschöne Met 2 mit seiner beleuchteten Kuppel. Rote Sessel, rote Kuppel, Kinoatmosphäre und direkt daneben das DOKVILLE Café. Ein Ort zum Reden und Verschnaufen in den Pausen. Wir waren angekommen in ‚unserem‘ Kino. Und nun?“

Kino war Bühne zahlreicher renommierter Festivals

Im Stuttgarter Metropol fanden bislang auch das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart, die Filmschau Baden-Württemberg, das Indische Filmfestival und schließlich das SWR Doku Festival mit Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises statt – allesamt Veranstaltungen mit einer Strahlkraft, die weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinausgeht.

„Die Stadt Stuttgart hat jetzt die Chance, diesen einzigartigen, traditionsreichen und repräsentativen Ort für Film und Kultur zu retten. Der Denkmalschutz sieht solch eine Nutzung vor und sollte auch nicht davon abrücken. Es darf kein Spekulationsobjekt sein und bedarf von seinen Besitzer*innen der Pflege und Obhut“, fordert Oliver Mahn, Festivalleiter Filmschau Baden-Württemberg und Indisches Filmfestival Stuttgart, der auf schnelle Entscheidungen hofft. „Sind Stühle und Technik erst mal ausgebaut, schwinden die Chancen auf Rettung erheblich. Der Ausbau beginnt jetzt!“ Sein Vorschlag: „Die Stadt könnte beispielsweise neutrale Schlichter benennen, die nochmals versuchen, zwischen beiden Verhandlungspartner*innen zu vermitteln und die Interessen der Öffentlichkeit und der Stadt zu wahren. Denn jetzt ist Eile geboten!“

Der offene Brief im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

mit großer Trauer haben die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieses Schreibens heute von der Schließung der Metropol-Kinos in der Bolzstraße Kenntnis genommen. Der Pachtvertrag wird 2021 nicht fortgeführt und wir sorgen uns sehr um die weitere Nutzung des denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes, das seit Jahrzehnten ein stadtprägender Kulturort ist.

Wir wissen, im vergangenen Jahr wurde u. a. zusammen mit den Festivalveranstaltern des ITFS sowie dem Filmbüro Baden-Württemberg der Austausch mit der Stadt gesucht, um das Metropol als wichtiges Festivalkino der Stadt erhalten zu können. Das Ergebnis kennen wir nicht, müssen aber nach der Schließungsankündigung von heute vermuten, dass die Gespräche mit der Stadt zu keinem Ergebnis geführt haben. Das bedauern wir sehr und möchten Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, eindringlich bitten, diesem Ort mit Unterstützung der Stadt eine Zukunft als Kino und wichtiges Zentrum der weit über Stuttgart hinaus bekannten Festivals zu ermöglichen.

Außer den genannten Festivals haben auch das SWR Doku Festival und Dokville, der Branchentreff des Hauses des Dokumentarfilms, im Metropol eine Heimat gefunden. Sie und wir wissen, wie entscheidend Kulturorte mit weitreichender Tradition für eine Stadtgesellschaft sind. Auch und gerade jetzt, wo Kultur durch die Pandemie schwere Einschnitte erlebt, die eines Tages vermutlich nur sehr langsam wieder erblühen kann, kann das Signal der Stadt Stuttgart nicht sein, diese Schließung hinzunehmen. Die Zeit für eine Entscheidung drängt. Die Pächter sind in der Stadt, eine Lösung zum Weiterbetrieb ist möglich.

Wir bitten Sie, gemeinsam mit dem Gemeinderat hierfür Sorge zu tragen. Daher senden wir den Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat sowie der Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte eine Kopie dieses Schreiben mit gleicher Post ebenfalls zu.

Impressionen aus dem Innenstadtkino Metropol in Stuttgart

 


(Artikel von Elisa Reznicek; Offener Brief initiiert von Goggo Gensch und Heike Schiller)

Tags: doknews

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