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Langsames Erzählen prägt Deutsches bei DOK Leipzig

Im Wettbewerb langer Deutscher Film des Leipziger Festivals liefen in diesem Jahr nur sieben Filme. Gemeinsam hatten sie eine langsame Bildgestaltung mit oft statischen Einstellungen – eine neue Entdeckung der Langsamkeit. Es ging um Familiengeschichten und den Blick in fremde Länder.

DOK Leipzig: „Lift Like a Girl“ gewinnt Gold

Am Ende entschied sich die Jury für die ägyptisch-deutsch-dänische Koproduktion „Lift Like a Girl“ von Mayye Zayed als besten Film und zeichnete ihn mit der Goldenen Taube (3.000 €) aus. Die Filmemacherin begleitete über vier Jahre die zunächst 14-jährige Asmaa, die sich mit Hilfe ihres Trainers den Weg in die Oberliga erkämpft. Die Kamera ist nah dran, allerdings fehlten bei der Online-Sichtung die Untertitel, was den Genuss dieses Films wie auch anderer schmälerte.

Filmstill Lift Like A Girl - abgebildet ist ein Mädchen beim Gewichtheben

Die Jury lobte: „Mit Sanftheit und Liebe erzählt, schöpft dieser Film aus dem kollektiven Gedächtnis des Kinos. Das Kämpfen der Protagonisten, das ewige Stemmen der Gewichte wird als immer wiederkehrendes Leitmotiv für die Zuschauer geradezu körperlich erfahrbar“. Man kann es auch anders sehen: Der Film hatte Längen und der Protagonistin kommt man nicht wirklich nah. Nur das Grundstück, auf dem sie trainiert, wandelt sich von einem staubigen Platz in einen grünen Garten.

Silberene Taube für deutschen Kurzfilm „Erwin“

Als bester deutscher Kurzfilm (1.500 €) ausgezeichnet wurde „Erwin“ von Jan Soldat. In statischer Einstellung reflektiert der Sex besessene Erwin in seinem Wohnwagen über sein Leben als Homosexueller und seine Familie. Die Jury urteilte, es gelinge dem Regisseur „uns eine Einsamkeit erleben zu lassen, die befreiend und ergreifend zugleich ist“. Dieser Einschätzung muss man sich nicht unbedingt anschließen, denn gezeigt wird eine verkrachte Existenz.

Filmstill aus "Erwin", abgebildet ist das Innere eines Wohnwagens

Blick in fremde Welten: „Rift Finfinnee“ und „Die Wächterin“

Mit dem DEFA-Förderpreis (4.000 €) wurde Daniel Kötter für „Rift Finfinnee“ ausgezeichnet für seinen Blick auf Äthiopien und die Folgen der Urbanisierung Afrikas, die sogar regelrechte Villenviertel entstehen lassen. Ziemlich isoliert lebt eine syrisch-orthodoxe Nonne und kümmert sich um ein Kloster. In „Die Wächterin“ von Martina Priessner steht dieses asketische Leben im Mittelpunkt. Sie macht einen sehr unzufriedenen Eindruck und ist für die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht sympathisch, wie sie beispielsweise ihre Hunde behandelt. Es ist ein ereignisloses Leben und dies vermittelt der Film sehr gut. Der Film erhielt den diesjährigen Goethe-Preis (2.000 €).

Filmstil "Rift Finfinnee", abgebildet ist ein Eselkarren Filmstill "Die Wächterin", abgebildet ist eine alte orthodoxe Nonne

Deutsche Befindlichkeiten: „80.000 Schnitzel“

Den „ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness“ (2.500 €) gewann Hannah Schweier für „80.000 Schnitzel“, einer der Höhepunkte im deutschen Wettbewerb. Es geht um eine Familiengeschichte, aber zugleich um Träume und Lebensziele. So wollte die Regisseurin immer einen Oscar gewinnen, ihre jüngere Schwester einen Nobelpreis. Sie hat Molekularbiologie in Italien studiert und war die Beste ihres Jahrgangs. Trotzdem ging es nicht recht weiter mit ihrer Wissenschaftskarriere.

Filmstill "80.000 Schnitzel", abgebildet ist eine alte Frau vor einer Jukebox

Jetzt hat sie den Hof und die Gaststätte von ihrer Oma übernommen. Die hat ihren Ort selten verlassen und ihr ganzes Leben war Arbeit. Dann verlor sie ihren Mann, ihren Sohn und ihren Enkel. Um den hoch verschuldeten Hof in Familienbesitz weiterzuführen, springt Monika ein und Hannah Schweier begleitet sie ein Jahr lang. Der genau beobachtete Alltag auf dem Hof wird kontrastiert mit den Erinnerungen an die Familiengeschichte, Urlaube im Süden, der Sehnsucht nach dem Meer. Die Gespräche mit Oma und Schwester sind sehr ehrlich und zeugen von einer realistischen Einschätzung der Situation. Monika bringt den Hof zwar in schwarze Zahlen, wird aber noch lange an den Schulden abzahlen müssen. Dafür findet sie letztlich ihr privates Glück auf dem Hof.

Strahlende Zukunft: „Atomkraft forever“

Eine Bestandsaufnahme der Atomkraft in Deutschland liefert Carsten Rau in „Atomkraft forever“, ebenfalls ein sehr starker und politischer Film. In aufwändigen Bildern zeigt er die Hoffnungen auf billigen Strom, die Proteste gegen diese Technik, aber auch die Trauer der Bewohner in Grundremmingen über die Abschaltung ihre Reaktors, auf den sie so stolz sind und der zu ihrer Identität geworden ist. Ein wichtiger Aspekt ist der aufwändige Rückbau der AKWs und die schwierige Suche nach einem Endlager für den atomaren Müll, das mindestens eine Million Jahre halten soll.

Filmstill "Atomkraft forever", abgebildet ist ein Mensch in Schutzbekleidung beim Saubermachen Filmstill "Wir wollten alle Fiesen killen", abgebildet ist ein Gang zu einer Bunkeranlage ohne Menschen

Eine Lösung dafür bieten Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann in „Wir wollten alle Fiesen killen“. 2003 kaufte der Regisseur, der zugleich als Projektentwickler arbeitet, mit zwei Partnern einen alten Bunker der Bundeswehr, um ihn mit immensem Gewinn als End- oder zumindest Zwischenlager an RWE zu verkaufen. Leider zerschlug sich der Kauf. Der sehr bedächtige Film erzählt die Geschichte dieses riesigen Bunkers in der Nähe von Jena mit 40 Tunnels und 300.000 Quadratmeter Nutzfläche. Im Zweiten Weltkrieg nutzte Zeiss die Stollen für kriegswichtige Produktion. Danach wurde er von den Russen, der Nationalen Volksarmee und der Bundeswehr als Lagerstätte für Munition genutzt. Obwohl er von der Bundeswehr noch mit hohem Aufwand saniert wurde, wollen ihn zwar viele haben, doch alle Verkäufe zerschlagen sich. Die neueste Option ist die luxuriöse Ausstattung für die ganz Reichen, damit sie sämtliche Krisen überstehen können. Der Film besticht durch seinen Witz und Ironie bei dem eigentlich ernsten Thema.

Deutsch-polnische Geschichten: „Grenzland“

Ein Blick zurück in die Geschichte wirft Andreas Voigt, der mit seiner Leipzig-Trilogie zur Wende sehr bekannt wurde. 1991 besuchte er die Menschen an der Oder, eine Region, die er jetzt in seinem einfühlsamen Dokumentarfilm „Grenzland“ noch einmal porträtiert. Es geht um das deutsch-polnische Verhältnis ebenso wie um die Integration eines Flüchtlings aus Syrien. Eine Frau, die er damals in einem Chemiefaserwerk besuchte, arbeitet inzwischen in einem Spielcasino im Westen. Wie sie haben viele in der Wendezeit ihre Arbeit verloren und sind in den Westen. Die Einwohnerzahl sinkt rapide, erste Plattenbauten werden abgerissen. Auf der anderen Seite hat sich eine Familie aus Australien auf einem Gut in Polen angesiedelt und ist fasziniert von der Geschichte dieser Gegend und der Freiheit, die sie dort genießen.

Filmstill "Grenzland", abgebildet ist ein älterer Mann in einem Ruderboot 

Andreas Voigt gelingt es über diese persönlichen Geschichten viel über das Leben rechts und links der Oder zu erzählen. Wegen Corona wurden die Filme nur für das Leipziger Publikum in Kinos gezeigt. Die anderen mussten die Filme online sehen, was eben doch nicht ganz die Festivalatmosphäre und den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ersetzen kann.

Tipp: Im Netz kann man die meisten Filme bis zum 14.11.2020 sehen.

(Kay Hoffmann)


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Tags: doknews

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