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Doku-Tipp: „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“

Am 1.12. läuft zur Primetime „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“ im ZDF. Die Filmaufnahmen, mit denen Jörg Müllner den Alltag im Nachkriegsdeutschland anhand persönlicher Geschichten nachzeichnet, stammen u. a. aus der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg. 

 

Wir bauen auf Kameramann Rudolf Werner Kipp by ZDF privat web

„Wie haben es Menschen geschafft aus einer der größten Krisen des letzten Jahrhunderts herauszukommen? Was zeigen ihre privaten Filmaufnahmen?“, mit diesen Fragen fasst uns Jörg Müllner seine neue Dokumentation „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“ zusammen. Sie ist am 1. Dezember 2020 um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen und enthält unter anderem Aufnahmen von Amateurfilmer*innen, die in der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg archiviert sind.

Nach zwei Dokumentationen über Privatfilme in der NS-Zeit widmet sich Müllner nun in der Fortsetzung dieses Projekts dem großen Aufbau- und Umbruchsgeschehen in der Nachkriegszeit. Annika Weißhaar vom Haus des Dokumentarfilms war mit dem Produzenten (History Media GmbH), Journalist und Regisseur im Gespräch.

Eine Doku mit persönlichen Filmen der Nachkriegszeit

Im Fokus der Dokumentation „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“ stehen zehn Privatfilmer*innen mit ihren persönlichen Erfahrungen. Wie haben sie Deutschland während des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg erlebt? Die Aufnahmen hat Müllner aus Archiven und Privatsammlungen zusammengetragen. Ein besonderer Schatz ist für ihn dabei das Filmmaterial von Johann Bruecker, erzählt er im Interview mit dem Haus des Dokumentarfilms.

Persönliche Schicksale, die exemplarisch für viele stehen

Wir bauen auf Johann Bruecker c ZDF PrivataufnahmenBruecker, der als Erfinder des ersten Trockenrasierers Bekanntheit erlangte, kommt nach dem Krieg nach Deutschland und sucht seine aus dem Banat vertriebene Familie. Er findet sie in Schönaich. Betroffen von den entsetzlichen Umständen in den Flüchtlingsunterkünften baut Bruecker mit eigenem Geld in Schönaich bei Böblingen Wohnhäuser. „Es ist eine außerordentliche Nachkriegsgeschichte, noch dazu filmisch dokumentiert. Sie macht es möglich, ein Thema zu erzählen, das damals dominant war, als in den vier Besatzungszonen über zwölf Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufgenommen worden sind“, so Müllner. Über Brueckers Filme in der Landesfilmsammlung und anschließenden Recherchen findet der Filmmacher den Nachlass Brueckers im Gemeindearchiv von Schönaich, wo er in Überseekisten verpackt ist, sowie Angehörige, die sich an den Wohltäter erinnern.

Über die Arbeit mit Privatfilmen: „Unser Ansatz ist ein anderer“

Mit privaten Aufnahmen Geschichte und Geschichten zu schildern, ist für Jörg Müllner ein Konzept, das sich für historische Formate bewährt habe, um „aus der Perspektive der Menschen damals, mit ihren Bildern, Zeitgeschichte zu erzählen“. Lange Zeit wurden historische Formate aus offiziellen Filmmaterialien, wie beispielsweise der Wochenschau, heraus entwickelt. Doch Jörg Müllner sucht alltägliche Perspektiven: „Unser Ansatz ist ein anderer. Wir wollen diese privaten Filmquellen in das Zentrum rücken. Wir wollen sagen und zeigen, wer hat was, wann, unter welchen zeitgeschichtlichen Konstellationen gefilmt und was sagt uns dieser Film über die Zeit damals? Solche unmittelbaren Eindrücke können eigentlich nur die Bilder von den Menschen liefern, die damals gelebt und gefilmt haben.“ Seine Filme bleiben dabei vielschichtig. Müllner dokumentiert und lässt die Aufnahmen für sich stehen: „Es gibt keine absolute Wahrheit bei diesen Privatfilmen. Das ist keine Enzyklopädie.“

Wir bauen auf Fuerstenbad Hildegard Mayer Maria Gruenberger by ZDF privat web Wir bauen auf Koeln by ZDF Agentur Hoeffkes web
Hildegard Mayer u. Maria Grünberger (Fürstenbad). Ein Hauch von Normalität: Konditorei Höfer in Köln. 

Gespräche mit Zeitzeugen als Mehrwert

Zeitzeug*innen und Wissenschaftler*innen stellen wichtige Quellen dar, um die historischen Aufnahmen einordnen und bestimmen zu können. So kommen auch Nachkommen der Privatfilmer als Zeitzeug*innen in der Doku zu Wort. Für Müllner ist dies eine wichtige Ergänzung und hilft dabei, die Bilder zum Leben zu erwecken: „Es ist wirklich wichtig im Zuge der Recherche an die Quelle zu gehen. Schilderungen von Zeitzeugen wie Ursula Leippe, die sich in der Dokumentation an ihre Kindheit im Stuttgart der Nachkriegszeit und die Filme ihres Vaters erinnert, bringen die Filmaufnahmen zum Leben und lassen erleben, wie der Alltag damals war.“

Berghof Obersalzberg: einzigartige Filmaufnahmen aus der Landesfilmsammlung

Wir bauen auf Familienfilme Hornung by ZDF HDF webDie Dokumentation „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“ zeigt Schicksale von Menschen aus verschiedenen Perspektiven. Dass es dabei nicht allen schlecht geht, machen die Aufnahmen der Familie Hornung deutlich. Bei der Sichtung der Filmrollen mit Anna Leippe, Medienkonservatorin der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg, hat sich ein besonderer Fund aufgetan. Zu sehen ist das Ehepaar Hornung 1951 bei ihrem Ausflug zum Obersalzberg bei Berchtesgaden und den Überresten des einstigen Berghof sowie zweiten Regierungssitz von Adolf Hitler. Ein Jahr nach den Aufnahmen werden die Gebäude gesprengt: „Das ist ein sehr interessantes Dokument, das auch Hinweise darauf gibt, wie zu dieser Zeit mit der jüngsten Vergangenheit, also der NS-Zeit, in der Gesellschaft umgegangen wurde. Wir sehen ein Ehepaar, das sechs Jahre nach Kriegsende wie Touristen ein historisch kontaminiertes Areal erkundet, als würde ihm die Geschichte, die damit verbunden ist, nichts angehen.“

„Ein Gefühl der Zeit“ mit Parallelen zu heute

Mit seiner Arbeit will Jörg Müllner mit Hilfe privater Filmaufnahmen Alltagswelten der Menschen im großen zeitgeschichtlichen Kontext erzählen und Geschichte erlebbar machen. Denn auch für die jetzige Zeit sei Geschichte wesentlich, um größere gesellschaftspolitische Zusammenhänge besser zu verstehen. Die Filmdokumente rücken so manches Vorurteil zurecht, geben Anlass zum Nachdenken und erinnern manchmal sogar an Ereignisse in der Gegenwart, etwa bei dokumentarischen Bildern von Flüchtlingen, die 1948 in der britischen Zone ankommen. Solche Filme vermitteln „eine Vorstellung und ein Gefühl von der Vergangenheit und den Lebensumständen der Menschen. Sie zeigen, wie sich Geschichte ereignet hat.“


(Annika Weißhaar)

Tags: doknews, Doku Tipps

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