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Musikdokus TINA und PER LUCIO im Berlinale Special 2021

Klasse statt Masse: Mit TINA über Tina Turner und PER LUCIO über Lucio Dalla finden sich die einzigen beiden Musik-Dokumentarfilme im Berlinale-Programm. Sie eint ein sehr persönlicher Blick auf die jeweilige Biografie, der durch bisher unveröffentlichtes Archivmaterial gestützt wird.

 

TINA über das bewegte Leben von Tina Turner

Im Kern geht es um Liebe. Was passiert, wenn sie schon in Kindheitstagen fehlt. Wenn sie irgendwann in Gewalt und Abhängigkeit umschlägt. Wenn man sie lange vergeblich sucht – und schließlich in sich selbst und einem Herzensmenschen findet. In fünf Kapiteln werfen Dan Lindsay und T.J. Martin Schlaglichter auf das bewegte Leben von Anna Mae Bullock, die als Tina Turner weltberühmt wurde. Ihr schlicht TINA betitelter Dokumentarfilm feierte am 2. März 2021 Weltpremiere auf der Berlinale – und irgendwie auch nicht, denn das Industry Event ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Zu Wort kommen in TINA neben der Musik-Ikone selbst auch zahlreiche Wegbegleiter wie Kurt Loder (Musikjournalist und Ko-Autor ihrer Autobiografie), Roger David (Manager 1979-2000) und Terry Britten (Songwriter und Produzent des Hits „What’s Love Got To Do With It“).

„Ike & Tina“ als prägendes Kapitel

Neben der familiären Geschichte (Kindheit in Tennessee, von den Eltern verlassen, Umgang mit eigenen Kindern und Stiefkindern) und den größten musikalischen Erfolgen spielen „Ike & Tina“ in der Musikdoku TINA eine tragende Rolle. Wie sollte es auch anders sein. Tina Turners künstlerische Erfolge, all der Rummel und Ruhm werden durch die ungeheuerliche Brutalität jenseits der Bühne kontrastiert. Diese wird ungeschönt im Film dargestellt [CN: Triggerwarnung, nächsten Abschnitt ggf. überspringen]

Auf der Bühne ein Star, zuhause die geprügelte Ehefrau

Wie Ike „seine“ Tina mit Schuhlöffeln, Kleiderbügeln und der Faust grün und blau schlägt, sogar als sie schwanger ist. Wie er sie mit heißen Kaffee verbrüht. Wie er sie vergewaltigt, als sie geschunden am Boden liegt. Die Kinder im Nachbarzimmer hören ihre Mutter regelmäßig schreien. Tina Turner versucht sich in Folge der Misshandlungen mehrfach das Leben zu nehmen, doch der Wille zu kämpfen ist in ihrem tiefsten Inneren stärker. Nach vielen Jahren gelingt ihr schließlich die Flucht. Nachdem sie Ike in einer halsbrecherischen Aktion mitten in der Nacht verlassen hat, verliert sie zunächst alles: Geld, Besitztümer, die Rechte an ihrer Musik. Nur ihr Künstlername, den sie sich vor Gericht erstreitet, bleibt ihr. Als Tina Turner startet sie schließlich – nach etlichen Rückschlägen, die im Kapitel „Comeback“ filmisch thematisiert werden – auch solo durch.

Tina Turners Solokarriere

Als Tina Turner die schweren Misshandlungen durch Ike gegenüber Carl Arrington vom People-Magazin 1981 erstmals öffentlich macht, ist sie bereits eine gestandene Frau um die 40. Die Mitschnitte auf Tape werden immer wieder in der Musikdoku TINA eingespielt und fungieren als roter Faden. Im Laufe ihrer langen Karriere wird Tina Turner dieser Teil ihrer Biografie geradezu verfolgen – ganz egal ob sie 20 Millionen Kopien ihres Solodebüts „Private Dancer“ verkauft oder ein riesiges Stadion-Konzert in Rio vor 186.000 Leuten gibt. Der Versuch, mit ihrer Autobiografie „I, Tina“ (1986), dem Biopic „Tina – What's Love Got to Do with It?“ (1993) mit Angela Bassett in der Hauptrolle und dem Musical „Tina – The Tina Turner Musical“ (2018) die Geschichte von „Ike & Tina“ endlich auszuerzählen, scheitert. Medien und Öffentlichkeit stürzen sich auch weiterhin auf die unschönen Episoden aus der Vergangenheit. Kaum ein Interview oder Auftritt vergeht ohne die Erwähnung von Ike.

Tina Turner: Erinnerungen an Ike sind wie ein Fluch

„Du willst nicht ständig über diese Zeiten reden. Du willst sie einfach nur vergessen“, sagt Tina Turner an einer Stelle des Dokumentarfilms. „Doch wenn das immer wieder zur Sprache kommt, kommen auch die Erinnerungen zurück. Es ist wie ein Fluch!“ Der Dokumentarfilm TINA soll nun – einmal mehr – endgültig einen Schlussstrich ziehen. Das zumindest sagt und wünscht sich ihr jetziger Ehemann Erwin Bach, mit dem Tina Turner seit Jahren in der Schweiz lebt.

US-Fernsehpremiere bereits Ende März 2021

Bis die sehenswerte und mit jeder Menge unveröffentlichtem Archivmaterial (Fotos, Konzertmitschnitte, Interviews) gespickte Musikdoku TINA zu sehen sein wird, ist es zumindest im Ausland nicht mehr lange hin. In den USA haben sich HBO and HBO Max die exklusiven Ausstrahlungsrechte für diesen März gesichert, in Großbritannien folgt Sky Documentaries im April 2021. Der deutsche Termin steht allerdings noch nicht fest.

PER LUCIO über den italienischen Liedermacher Lucio Dalla

Nach dem Festivalerfolg „Martin Eden“ in Venedig und Toronto wendet sich der Regisseur Pietro Marcello in PER LUCIO wieder dem Dokumentarischen zu. Ausgangspunkt ist eine Frage, die dem Künstler einmal in einem Interview gestellt wird: „Wer ist eigentlich dieser Lucio Dalla?“ Der 2012 verstorbene Italiener antwortet lachend: „Ich bin es!“ Um ihm näherzukommen, setzt Marcello vor allem auf die Erinnerungen von Tobia Righi, seinem früheren Manager und Freund.

 

Righi spricht über Dalla, wie man eben über einen nahestehenden Menschen spricht, der schon aus dem Leben geschieden ist: mal ist sein Blick sentimental und verklärt, manchmal neckt man den anderen scherzhaft, mal versteift man sich auf seine Großtaten. „Ich habe ihn immer Spinne genannt, weil er so klein und haarig war“, scherzt Righi beispielsweise an einer Stelle von PER LUCIO, während er an anderer einräumt: „Ich sah in ihm bereits eine Legende, als er noch ein Niemand war.“ Seine Erzählungen und die anderer Weggefährten wie Stefano Bonagas werden mit Archivmaterial und natürlich viel Musik illustriert.

Wer ist Lucia Dalla?

Schnell wird klar: Lucio Dalla ist zeit seines Lebens das Gegenmodell eines schnieken und abgehobenen Künstlers geblieben, der für einen Starschnitt taugt. Seine Perspektive ist immer die Innenperspektive des kleinen Mannes, selbst als er schon große Erfolge für sich verbuchen kann. Seine Lieder zeigen Italien im Umbruch nach dem zweiten Weltkrieg, das sich vom Bäuerlichen hin zum Industriellen entwickelt; sie spiegeln das Leben der einfachen Leute mit ihren Ängsten und Träumen.

Besonders die Ergebnisse seiner Zusammenarbeit mit Roberto Roversi (Alben „Il giorno aveva cinque teste“, 1973, „Anidride solforosa“, 1975, „Automobili“, 1976) haben sich ins musikalische Gedächtnis vieler Italiener eingebrannt, aber auch spätere Solotitel wie der Welthit „Caruso“, der dem Tenor Enrico Caruso gewidmet ist und unzählige Male gecovert wurde.

Italienischer Film für Italiener und Italienfans

Außerhalb Italiens dürfte PER LUCIO nur ein Nischenpublikum erreichen. Zu eng ist die Zielgruppe gefasst, zu weit wirkt der Erzählbogen gespannt, der die knapp 78 Minuten mitunter etwas zäh erscheinen lässt. Wann der Dokumentarfilm in Deutschland zu sehen sein wird, steht aktuell noch nicht fest.

(Elisa Reznicek)


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Tags: Berlinale

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