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71. Berlinale: „Nous“ und „Nanu Tudor“ ausgezeichnet

Erfreulich stark gewürdigt wurde Dokumentarisches bei der 71. Berlinale und bei Berlinale Talents. Neben Bären im Internationalen Wettbewerb gab es Preise für „Nous“ („Encounters“) und „Nanu Tudor“ („Berlinale Shorts“). Dok-Projekte in der Entwicklung bekamen Förderpreise.

Berlinale2021 Encounters Nous 01 by Sarah Blum web

Es sind Filme, auf die man sich einlassen muss, damit sie ihr volles Potenzial entfalten können. Mit ruhiger Bildführung und einer sich langsam entwickelnden Geschichte kreisen sie um die komplexen Themen, die sie erzählen wollen. Keine schnellen Schnitte, kein schneller Konsum. So geht es also auch.

Ausgezeichnet als bester Film: „Nous“ (Sektion „Encounters“)

Wenn Alice Diop ihren Dokumentarfilm „Nous“ mit einer Szene am Waldrand eröffnet, in der ein Junge mit seinen Großeltern mit viel Abstand Rotwild beobachtet, ist das eine kluge Bild-Metapher. Der Hirsch bleibt immer in sicherer Entfernung, bewegt sich höchstens seitlich, aber nie nach vorne. Später, als er sich längst wieder in den Wald zurückgezogen hat, wird sein Röhren noch im Off zu hören sein. Aus der Nähe sieht man ihn nicht.

Persönliche Nähe schaffen

Ist es mit den Menschen in den Pariser Außenbezirken und Vorstädten nicht ähnlich? Man weiß, dass es sie gibt. Hat sie vielleicht einmal in der Schnellbahn der Linie RER B, die Paris von Nord nach Süd durchquert, flüchtig gesehen. Es gibt sogar so etwas wie eine klare Hierarchie. Doch ihre Gesichter und Geschichten bleiben oft im Verborgenen. Die preisgekrönte Dokumentarfilmerin Alice Diop löst in ihrem Filmessay „Nous“ diese Distanz auf.

Patchwork-artig erzählt sie beispielsweise von ihren verstorbenen Eltern und sich selbst, aber auch von einem Automechaniker aus Mali, der seit Jahren nicht mehr zu Hause war oder von ihrer Schwester, die alte Menschen in der mobilen Pflege betreut (was wiederum einen flüchtigen Blick auf deren Leben zulässt). Das alles schafft trotz oder gerade wegen seiner Heterogenität mit jeder Filmminute mehr Nähe. Was sonst als abstrakte Menschenmasse höchstens beiläufig ins Bewusstsein gelangt, wird plötzlich zu einer Reihe persönlicher Einzelschicksale und Biografien, die berühren.

Jury-Begründung und Interview mit Alice Diop

Die Jury hat „Nous“ dafür als besten Film der Sektion „Encounters“ ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „Eine Arbeit, die echte Feinfühligkeit und Sensibilität erkennen lässt in der Gestaltung eines gemeinschaftlichen, vielstimmigen Porträts, das tiefsinnig, nuanciert und vor allem reich an gelebter Erfahrung ist.“ Im Gespräch mit dem künstlerischen Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, gibt Alice Diop Einblicke in ihre Beweggründe für den Film.

Ausgezeichnet als bester Kurzfilm: „Nanu Tudor“ („Berlinale Shorts“)

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Regisseurin von "Nanu Tudor" Olga Lucovnicova.

Knapp zwei Stunden Laufzeit hat „Nanu Tudor“ nicht – ganz im Gegenteil. Dem bewegenden Kurzfilm von Olga Lucovnicova reichen 20 Minuten, damit er unter die Haut geht. Die Filmemacherin beschäftigt sich darin mit der sexualisierten Gewalt, die sie als Kind durch ihren Onkel Tudor erfahren musste.

Komplexer Prozess, Kindheitstraumata zu begegnen

Ein Sommerhaus, irgendwo auf dem Land: Alte Tanten und der Onkel erzählen von früher, während sie in Fotoalben blättern oder gemeinsam beim Essen sitzen. Sentimentale Erinnerungen an eine scheinbar glückliche Kindheit und an jene unbeschwerten Sommer, deren Schwere für Olga Lucovnicova noch heute kaum zu tragen und zu ertragen sind.

Selbst als die Filmemacherin ihren Onkel Tudor mit seinen Taten konfrontiert und er entweder leugnet oder kein Schuldbewusstsein zeigt, bleibt sie gefasst. Diese Täter-Opfer-Umkehr in ruhiger Ton- und Bildgestaltung als Zuschauer*in mitzuerleben, lässt einen nicht kalt. „Ihr persönlicher Mut zusammen mit ihrem herausragenden filmischen Können schaffen einen eindringlichen, emotional vielschichtigen Film“, betont die Jury, die „Lucovnicovas subtilen filmischen Blick“ mit dem Goldener Bär für den Besten Kurzfilm auszeichnet.

Förderpreise für dokumentarische Projekte

Kompagnon-Förderpreis

Auch etliche Förderpreise wurden im Rahmen des Berlinale Industry Events im März 2021 bekannt gegeben, so unter anderem der Kompagnon-Förderpreis für Jonas Matauschek und Christian Johannes Koch. Ihr Dokumentarfilm-Projekt „Wir waren Kumpel“ („Once We Were Pitman“) soll 2022 produziert werden und wurde im Rahmen des Talent Lab „DOC Station“ vorgestellt. Die Projektbeschreibung umreißt: Ausgelöst durch die Schließung des letzten deutschen Kohlekraftwerks, richten sich mehrere Männer und Frauen in ihrem Leben neu ein. Während sie alte Muster hinterfragen, beschäftigen sie sich auch mit Themen wie Gender und Geschlechterrollen sowie dem Klimawandel.

Der Kompagnon-Förderpreis wird seit 2017 jährlich von Berlinale Talents und Perspektive Deutsches Kino vergeben und verspricht neben einem Stipendium in Höhe von 5.000 Euro (2.500 Euro für Kurzfilme) zur unabhängigen Drehbuch- bzw. Projektentwicklung ein Mentorenprogramm und Coachings.

Best Pitch Award für internationale Zusammenarbeit

Bei Berlinale Talents gibt es zudem den Filmpreis für internationale Zusammenarbeit, verliehen an deutsche und arabische Nachwuchsfilmemacher*innen durch die Robert Bosch Stiftung GmbH. Die „Best Pitch Awards“ sind jeweils mit 10.000 Euro dotiert. Einer davon ist an das deutsch-ägyptische Dokumentarfilm-Projekt „The Missing Planet“ von Marouan Omara und Tom Rosenberg (produziert von Michael Henrichs und Mark Lotfy) gegangen.

Neuer Preis zu Ehren Dimitri Eipides

Der Preisträger des erstmals vergebenen Dokumentarfilm-Förderpreises zu Ehren Dimitri Eipides‘, dem Gründer und langjährigen Leiter des Thessaloniki Documentary Festival (Tdf), ist Miguel Antunes Ramos. Der junge Filmemacher und Autor aus Brasilien erhält den mit 5.000 Euro dotierten „Development Grant in Honor of Dimitri Eipides“ für sein Projekt „Dragons“, das die Jury lobt für seine „Reflexion über die Machtverhältnisse in Brasilien heute, für die Infragestellung politischer Eliten, wirtschaftlicher Strukturen und die Macht der Bilder“. Eine lobende Erwähnung fand das hybride Doku-Projekt „The Two Mountains Weighing Down My Chest“ von Viv Li aus China.

(Elisa Reznicek)


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