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„Die Unbeugsamen“: Interview mit Regisseur Torsten Körner

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„Die Unbeugsamen“ erzählt aus Sicht westdeutscher Politikerinnen von der politischen Vergangenheit in der Bonner Republik. Mit Stefanie Roloff vom HDF hat Regisseur Torsten Körner auch vor dem Hintergrund der aktuellen #MeToo-Debatte über den Film gesprochen.

Regisseur Torsten Koerner Die Unbeugsamen by Majestic Heinrich Benjamin

Herr Körner, was ist für Sie die wichtigste Botschaft des Films?

Das, was die Protagonistinnen zu sagen haben, ist die Botschaft. Darüber hinaus zeigt der Film, dass es in der Bundesrepublik in Hülle und Fülle charismatische, sachkompetente Politikerinnen gab, die vielfach übersehen worden sind. Dass diese Frauen jetzt sprechen und sich zeigen, ist auch eine Botschaft des Films.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, kommentierend einzugreifen?

Bereits im Film „Schwarze Adler“ (2021) über schwarze Fußballer:innen habe ich bewusst auf einen Off-Kommentar verzichtet und stattdessen die Geschichten für sich sprechen lassen. „Die Unbeugsamen“ erhält nicht nur durch Kapitelüberschriften eine Struktur. Die Erzählung ist vielmehr auch in der Montage vorhanden, die alles unternimmt, damit sich die politischen Stimmen dieses Chores ergänzen. Herausgekommen ist eine Polyphonie der Sprechweisen, die gerade in ihrer Vielfalt schön klingt.

Welche Rückmeldungen haben Sie auf „Die Unbeugsamen“ erhalten?

Was mich am meisten freut, ist, dass die Zuschauer:innen miteinander im Kino ihre eigenen Botschaften erarbeiten. Ich bin zum Beispiel sehr davon berührt, wenn ich auf Twitter oder anderswo lese, dass es in Kino-Vorführungen tatsächlich Szenen gibt, wo plötzlich mitten im Abspann eine Frau aufsteht und eine Rede für mehr Gleichberechtigung in der Politik hält. Wenn so etwas unmittelbar im Kino passiert, ist das für mich das Schönste, was man über einen Film hören oder lesen kann.

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.Komplett weiblicher Parteivorstand: die Grünen 1984 

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich dokumentarisch mit Frauen in der Politik beschäftigen. Was bewegt Sie an diesem Thema?

Ich bin weder das Buch „In der Männer-Republik: Wie Frauen die Politik eroberten“ (2020) noch den Film „Angela Merkel – Die Unerwartete“ (2016) als Feminist angegangen, sondern habe mich für diese starken Geschichten interessiert. Ich habe davor eine Reihe von Biografien über Männer geschrieben, unter anderem über Willy Brandt. Dabei ist mir klar geworden, dass die alte Bundesrepublik eine männerzentrierte Gesellschaft gewesen ist, vor allem in der Politik. Ich wollte diese einseitige Fixierung auf Männerwelten aufbrechen, die ich auch in meiner eigenen Arbeit beobachten konnte. Vielmehr galt es zu schauen, wo weibliche Handschriften, wo weibliche Perspektiven sind, mit denen ich in einen Dialog treten kann.

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Renate Hellwig beim CDU-Parteitag 1989. ©Majestic/SZ

Was haben Sie persönlich für sich mitgenommen?

Für mich als Erzähler und Mann war die Arbeit am Film ein Stück Selbstaufklärung, aber auch Aufklärung im Hinblick auf die Bundesrepublik und ihre Geschichte. Erst im Rückblick haben sich ganz andere Perspektiven aufgetan. Da war die Entdeckung, dass die alte Bundesrepublik keineswegs eine Männer-Republik gewesen ist, sondern dass wir eine ganze Reihe von klugen Politikerinnen hatten, die zu wenig beachtet worden sind. Die Arbeit am Film war ein Weiterbildungsprozess, eine hoffentlich gelingende Bildungsreise.

Wie gestaltete sich die Suche nach Originalaufnahmen und O-Tönen?

Im Film stecken vier Jahre kontinuierliche Recherchearbeit, aber schwer zu finden waren die Originalaufnahmen und O-Töne nicht. Das Feedback aus den Archiven war, dass es Materialien seien, die seit Jahrzehnten nicht mehr angefragt wurden. Da zeigt sich eine gewisse Vernachlässigung oder Ausblendung über lange Zeit, die wir aufbrechen wollten.

Wie kamen Sie in Kontakt mit den Politikerinnen?

Wir sind die üblichen Recherchewege gegangen über deren Büros, persönliche Anschreiben und Vorgespräche. Bei fast allen hatten wir eine große Bereitschaft mitzumachen, sobald klar war, was wir vorhatten und mit welchem Respekt wir den Film angehen würden. Bei dokumentarischen Projekten ist es wichtig, dem Gegenüber zu spiegeln, dass man eine Geschichte oder eine Biografie wertschätzt.

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DIE UNBEUGSAMEN vor der Villa Hammerschmidt. ©Majestic / AnnetteEtges

Waren die weiblichen Politikerinnen aus der damaligen Zeit in der Versenkung verschwunden?

Das ist eine Formulierung, die ich nicht wählen würde. Es handelt sich bei fast allen Protagonistinnen um Spitzenpolitikerinnen und um mehrere Ministerinnen. Durch die Sturzbäche an medialen Informationen heutzutage wird es aber immer leichter, solche Pionierinnen, überhaupt Leistungen von Vorgängergenerationen, zu vergessen. Der Film rückt auch Frauen wie Christa Nickels (Die Grünen) oder Ursula Männle (CSU) in den Fokus, die vielleicht einer breiteren Öffentlichkeit früher nicht bekannt gewesen sind. Es freut mich ungemein, dass sie jetzt eine große Aufmerksamkeit erhalten und das Bewusstsein schärfen können, dass das, was sie erkämpft haben, nicht selbstverständlich ist – auch nicht für kommende Generationen.

Sie drehten unter anderem im alten Bundesratssaal, Kanzlerbungalow oder im Langen Eugen. Welche Bedeutung haben diese historischen Orte für „Die Unbeugsamen“?

Wir wollten das historische Bonn spürbar und anschaulich machen. Deshalb haben wir ausschließlich dort gedreht, bis auf eine Ausnahme, weil die damals 94-jährige Marie-Elisabeth Klee (CDU) nicht mehr reisen konnte. Wir wollten Orte zeigen, an denen sich Macht kondensiert – und auch, dass es eine sehr auf Männer ausgerichtete Architektur war. Räume sind nämlich auch ein Stück weit Politik.

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Christa Nickels überreichte Helmut Kohl Origami-Kette. 

Woran würden sie die männliche Prägung der Räume festmachen?

Das hat sich in Hintergrundgesprächen, zum Beispiel mit Christa Nickels, aber auch mit jüngeren Politikerinnen, die in den 1980er Jahren in die Politik gingen, gezeigt. Es fängt an bei der Höhe und dem Pegel der Mikrofone im Bundestag, geht über die starre Sitz-Architektur, die düsteren Lichtverhältnisse, dass dort geraucht wurde, bis hin zu den Ernährungsgewohnheiten, die sich in der Kantine gespiegelt haben. Dort war alles komplett fleischbasiert, bis Die Grünen Änderungen angeregt haben. Diesen gewissen „Brutalismus“, der in den Räumen zum Ausdruck kommt, versucht der Film nachzuerzählen.

Elisabeth Schwarzhaupt wurde 1961 die erste Bundesministerin. Warum hat es Ihrer Meinung nach so lange gedauert, bis Frauen in die Politik durften?

Das hat eine jahrtausendealte Vorgeschichte – von der griechischen Demokratie bis ins 20. Jahrhundert. Frauen wurde die öffentliche Sphäre verbaut, ihre Stimmen wurden privatisiert. Außerdem fand nach dem Zweiten Weltkrieg eine Art „Backlash“ statt. Frauen, die während des Krieges bewiesen hatten, dass sie die Männer in den Büros und den Rüstungsbetrieben ersetzen konnten und ihre Familien alleine durchgebracht hatten, mussten ins familiäre Glied zurücktreten, als die Männer aus dem Krieg kamen. Politik und der Deutsche Bundestag waren damals ein Reservat der Männlichkeit, wo man beweisen wollte, dass nur der Mann es kann. Helene Weber hat 1949 im Bundestag gesagt: „Der reine Männerstaat ist das Verderben der Völker“. Dazu verzeichnete das Plenarprotokoll heftiges Gelächter bei den Männern. Das befremdet mich nach dieser beispiellosen Katastrophe des 20. Jahrhunderts immer noch.

Man hat das Gefühl, dass für viele Frauen und Macht noch immer nicht so Recht zusammenpassen, teilweise sogar Angst vor „starken Frauen“ herrscht. Warum, denken Sie, ist das so?

Auch hier gibt es eine jahrtausendealte Tradition, Politik und Macht als unweiblich zu denken. Diese Diskurse lassen sich nicht so leicht aus einer Gesellschaft ausradieren. In Zeiten, in den Menschen sich überfordert fühlen, sehen wir weltweit eine Zunahme von populistischen Bewegungen und archaischen Ressentiments. Man möchte „Frau“ wieder zurück an den Herd verbannen.

Hat die #MeToo-Bewegung gar nichts verändert?

Wenn man sich den Film anschaut, ist diese Debatte mit Waltraud Schoppe und dem sogenannten „Sexskandal“ bei den Grünen schon 1983 geführt worden, als Klaus Hecker (Die Grünen) vorgeworfen wurde, mehreren Frauen an die Brust gefasst zu haben. Auch damals hat man in den Medien darüber diskutiert, inwieweit Sexismus ein anhaltendes Problem ist und wie man es bekämpfen kann. #MeToo hat eine neue Zäsur gesetzt. Auch Männer sollten Interesse haben, sich dagegen zu wehren, denn es geht um die Frage, ob man unkritisch gegenüber dem eigenen Geschlecht sein will, wenn man Zeuge solcher Vorfälle wird.

Was wurde über die Jahrzehnte besser?

Ich glaube, dass wir nach 16 Jahren Angela Merkel in Deutschland einen gewissen Fortschritt zu verzeichnen haben, was die Gleichberechtigung von Frauen in der Politik angeht. Gleichzeitig beobachten wir, wie immer mehr und stärker gegen Frauen im Netz gehetzt wird. Teil des Films ist Marie-Elisabeth Lüders (FDP), die 1958 in einem Interview für die Tagesschau sagte: „Wenn die Leute nicht weiterkämpfen, dann werden sie das, was sie haben, wieder verlieren.“ Das ist heute genauso aktuell wie vor 60 Jahren.


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STAB

Drehbuch & Regie Torsten Körner
Produzent Leopold Hoesch
Creative Producer Annebeth Jacobsen
Montage Sandra Brandl BFS
Kamera Johannes Imdahl
Claire Jahn
Komponist Stefan Döring
Tonbearbeitung Corinna Fleig
Mischung Tobias Fleig

Ab 26. August 2021 im Kino

TECHNISCHE DATEN

Deutschland 2020
Länge: 99 Minuten
FSK: freigegeben ab 6 Jahren (beantragt)
Format: 4K | 5.1

Drehort: Bonn
Produktionszeitraum: 2015-2020

DIE UNBEUGSAMEN ist eine Produktion von Broadview Pictures (Produzent: Emmy-Preisträger Leopold Hoesch) in Koproduktion mit ZDF/3sat, gefördert mit Mitteln der Film- und Medienstiftung NRW, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien des Deutschen Filmförderfonds und der Filmförderungsanstalt (FFA). Der Film ist auch auf Facebook vertreten. 


Stefanie Roloff

Tags: doknews

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