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„W. – Was von der Lüge bleibt“ – Filmkritik und Interview

Dem Schweizer Regisseur Rolando Colla ist mit „W. – Was von der Lüge bleibt“ ein tiefsinniger Dokumentarfilm über die Vielschichtigkeit menschlicher Erinnerung gelungen. Am 16. November 2021 feierte der MFG-geförderte Film in Stuttgart Premiere.

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Sieben Jahre lang hat Rolando Colla Bruno Wilkomirski (Bild oben) begleitet, in Archiven recherchiert und Menschen zu Wort kommen lassen, die ihn kannten.

Bruchstücke einer Kindheit ohne Eltern

Bruno Wilkomirskis „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939 – 1948“ wurde Mitte der Neunziger Jahre ein internationaler Erfolg. Sein Autor über Nacht zum Star, mit vielen Preisen ausgezeichnet, als Experte gefragt. Er las aus seinem weltweit, in vielen Sprachen erschienenen Werk auch vor Überlebenden der Shoah. Er beschrieb in „Bruchstücke“ seine früheste Kindheit in dem Konzentrationslager Majdanek und seine anschließende Unterbringung in einem Waisenhaus in Polen, bevor er zur Adoption in die Schweiz ausreisen konnte. Vier Jahre später wurde bekannt, dass es sich bei dem Buch um reine Fiktion handelt.


Der Journalist Daniel Ganzfried hatte den Fall recherchiert, war auf viele Fragen gestoßen und letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass Bruno Wilkomirski – sein richtiger Name ist Bruno Dösseker – sein Leben erfunden und seine gesamte Kindheit in der Schweiz verbracht hatte. Zunächst beharrte Wilkomirski auf der Richtigkeit seiner Lebenserinnerungen, doch die „wahre“ Geschichte schaffte es ebenfalls international in die Headlines. Freunde und Nachbarn distanzierten sich von ihm, der ehemalige Berufsmusiker verschwand in der Einsamkeit – bis Rolando Colla ihn ansprach.

Täuschung als etwas Menschliches

Der Filmemacher macht das, was gute Dokumentarfilme kennzeichnet: Er lässt sich auf seinen Protagonisten ein. Colla urteilt nicht, hat Geduld, ist unvoreingenommen, ja sogar empathisch, und recherchiert Schritt für Schritt die Vielschichtigkeit des Falls. Zu Wort kommen Menschen, die Bruno begegnet sind oder ihn gut kannten, dazu gesellen sich Akten und viele Archivaufnahmen.

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Sieben Jahre lang begleitete Regisseur Rolando Colla (Gruppenbild rechts) seinen Protagonisten

„W. – Was von der Lüge bleibt“ geht den Fragen nach, welches Umfeld und welche persönliche Geschichte dazu führten, dass Wilkomirski sich eine Kindheit im Lager ausdachte und sich bis heute ganz und gar als Jude definiert. Er hat sogar eine Familie in Israel, da ihn ein Überlebender der Shoah als seinen im Konzentrationslager verstorbenen Sohn wieder- und anerkennt. Und das trotz eines negativen Gentests.

Traumata als Motivator oder Geltungsdrang?

In einem der Gespräche zwischen Rolando Colla und Bruno Wilkomirski gibt dieser zu, dass „Bruchstücke“ nicht autobiografisch ist, sondern eine Fiktion. Aber ob die Geschichte im Konzentrationslager stattgefunden habe oder bei einer grausamen Adoptivmutter in der Schweiz, sei doch letztendlich egal, da in beiden Fällen einem dreijährigen Jungen viel Gewalt angetan wurde, die er lebenslang nicht verarbeiten konnte.

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Illustrationen von Thomas Ott bereichern den vielschichtigen Film 

Gewalt durchzieht den Film in den in Schwarz-Weiß animierten Illustrationen des Comiczeichners Thomas Ott. Als Rolando Colla seinem Protagonisten die Zeichnungen zeigt, kann sich Wilkomirski mit dem kleinen Jungen so sehr identifizieren, dass er offen über seine Kindheitsverletzungen spricht.

(Astrid Beyer)

Interview mit Rolando Colla

„W. – Was von der Lüge bleibt“ ist eine dieser seltenen Dokumentarfilmpreziosen, die unter die Haut gehen und einen lange zum Nachdenken anregen. Astrid Beyer vom Haus des Dokumentarfilms hat mit dem Regisseur Rolando Colla darüber gesprochen.

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Astrid Beyer: Du hast Bruno Wilkomirski sieben Jahre lang immer wieder begleitet, nutzt unterschiedliche Archivaufnahmen seines Lebens und hast dich sehr intensiv mit ihm und seiner Geschichte beschäftigt. Warum hat dich Bruno Wilkomirski so in den Bann gezogen?

Rolando Colla: Seine Biografie hat eine erfundene Biografie hervorgebracht, die sich verankert wissen wollte im kollektiven jüdischen Trauma der Konzentrationslager. Die Fragen darum herum haben mich fasziniert: Wie kam Bruno dazu? Welches Grundbedürfnis steckte dahinter? Welche Art Mensch hat das so für sich konstruiert? Warum hat man ihm jahrelang geglaubt? Gibt es Erklärungen dafür?

Bruno wirkt eher zurückhaltend, man bekommt von ihm nicht den Eindruck, dass er die Geschichte aus reiner Geltungssucht erfunden hat. Wie hast du Bruno über die Jahre erlebt?

Ich denke, bei dieser Geschichte kommt man mit einer einzigen Erklärung nicht weit genug in die Komplexhaftigkeit hinein, die der Geschichte zugrunde liegt. Bruno selbst habe ich in diesen vielen Jahren als einen respektvollen, gebildeten und ruhigen Menschen erlebt; ein einsamer Mensch, enttäuscht, aber nicht verbittert.

In „W. – Was von der Lüge bleibt“ arbeitest du mit animierten Illustrationen des Schweizer Comiczeichners Thomas Ott. Während der Dokumentarfilm zu einem großen Teil im Schnitt entsteht, arbeiten Animatoren nach genauen Vorstellungen. Warum hast du Thomas Ott für die Animationen ausgewählt und wie war eure Zusammenarbeit?

W Was von der Luege bleibt04 by DerFilmverleih webDie Schabkartontechnik von Thomas Ott ist insofern interessant, als er beim schwarzen Karton beginnt und dann Striche in den Karton schabt. Ich denke, die frühen Kindheitsjahre von Bruno Wilkomirski waren für ihn wie eine schwarze Fläche und in diese Fläche hinein hat er dann seine Erinnerungen gezeichnet (mit seinem Buch). Die Bilder von Thomas Ott illustrieren in erster Linie Wilkomirskis Erinnerungen. Je nachdem, wann sie im Film erneut erscheinen, ist ihre Bedeutung eine andere. Die Zusammenarbeit mit Thomas war inspirierend und zog sich über die Dauer der Dreharbeiten, also über sieben Jahre hinweg.

Neben den Animationen, die in unterschiedlichen Situationen wiederkehren, schneidest du mehrfach die Wasseraufnahmen von Bruno Wilkomirski in den Film. Der Film beginnt damit: Man sieht die Beine eines Mannes in einem Pool und später sieht man den Kopf des Mannes im Nebel des Bades. Er ist nicht erkennbar. Das Oben, oberhalb der Wasserfläche, und das Unten, die Beine im Wasser, tauchen durchgehend im Film auf. Kannst du dazu etwas sagen?

W Was von der Luege bleibt01 by DerFilmverleih webTatsächlich ist er anfänglich kaum erkennbar, wir brauchen viele zusätzliche Elemente, um ihn zu „erkennen“. Das Wasser steht für das Leben, dem Wilkomirski auf seine Art zugewandt ist, in das er aber nicht mehr hineinkommt. Die Menschen wenden sich von ihm ab. Er findet den Anschluss nicht mehr, wie die Schlussszene des Films im Hotel mit dem Pool zeigt. Diese tragische Dimension findet ihren Ausgangspunkt im Wasser, genauer: im Gehen im Wasser, wo Wilkomirski keine Stöcke braucht. Natürlich fand ich auch dieses unter dem Wasser und über dem Wasser sein, diese Teilung von Körper und Kopf, von Unterbewusstsein und Bewusstsein interessant. Sie gibt dem Film von Anfang an eine Ambivalenz, die mich interessiert. Du siehst nur einen Teil, nicht das Ganze. Um das Ganze zu sehen und zu verstehen, braucht es Zeit. Und Geduld. Und eine menschliche, unvoreingenommene Neugier. Die Wahrheit ist das Ganze.

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Gespräch genommen hast!


Eintrittskarte W Was Von der Luege bleibt by Astrid Beyer web

Der von der MFG | Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg geförderte Film „W. – Was von der Lüge bleibt“ feierte am 16.11.2021 seine Deutschlandpremiere in Stuttgart. Am 01.12.2021 gibt es eine Sondervorstellung im EVA Lichtspiele, Berlin. Der offizielle Kinostart wurde auf 2022 verschoben, weitere Informationen auf der-filmverleih.de

Tags: doknews

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