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Visible Evidence: Krise des Dokumentarfilms und der Demokratie

Schon zum 27. Mal fand Visible Evidence statt, die international größte Wissenschaftskonferenz zu Dokumentarfilm und Medien. 2021 hatten sich knapp 500 Teilnehmer:innen akkreditiert, von denen etwa 80 in Frankfurt persönlich vor Ort waren.

Panel Arbeiterfilm Visible Evidence 1 Foto Kay Hoffmann web

Mousonturm wurde zum VE-Zentrum

Mousonturm Visible Evidence 1 Foto Kay Hoffmann web
Das Künstlerhaus Mousonturm

Visible Evidence (VE) wechselt jedes Jahr den Ort. Veranstaltet wurde sie diesmal vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (TFM) der Goethe-Universität Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Mousonturm und dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum. Die Leitung hatten Laliv Melamed und Prof. Vinzenz Heldiger übernommen. Das Programm war sehr dicht mit vier Tagen und jeweils vier Panels parallel sowie zusätzlichen Filmvorführungen. Die überwiegend virtuelle Technik machte es möglich, transkontinental zu diskutieren, wobei die Technik nicht immer mitspielte.

Dokumentarfilm als Mittel der Aufklärung und Propaganda

Das diesjährige Motto der Krise des Dokumentarfilms und der Demokratie war herausfordernd. Es bezog sich darauf, dass das, was heute als „Dokumentarfilm“ bezeichnet wird, in den 1920er und 1930er Jahren als Reaktion auf eine wahrgenommene Krise der liberalen Demokratie entstand. Die dokumentarische Form wurde seitdem für Information, Aufklärung und Propaganda genutzt. Lange vertraute man der Wahrhaftigkeit der Bilder. Inzwischen ist das Vertrauensverhältnis in die Politik und Medien verloren gegangen. Einige der Präsentationen beschäftigten sich damit, wie der Dokumentarfilm auf die Diagnose der aktuellen Krise der Demokratie reagiert. Dabei wurden immer wieder dokumentarische Produktionen als Ausgangspunkt für theoretische, philosophische oder politische Analysen genutzt. Wichtige Themenfelder waren die De-Kolonisierung, die Folgen der Globalisierung, des Klimawandels und des Verlustes der Artenvielfalt.

Panel Immersive Visible Evidence 2 Foto Kay Hoffmann web Panel Politics Visible Evidence 2 Foto Kay Hoffmann web
Panel „Immersive Visible Evidence“ und „Politics Visible Evidence“ © Kay Hoffmann/HDF

Bedeutung von Footage wächst

Interessant waren besonders Panels, bei denen sich die Vorträge ergänzten und direkt aufeinander bezogen. So erfuhr man einiges zu den linken Arbeiterfilmen Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre und ihre internationale Distribution. Ähnlich spannend waren der Beginn des Lehr- und Unterrichtsfilms in Österreich oder vergleichbare Filme von Shell in Australien in den 1950er Jahren.

Es wurden einige Dokumentarfilme besprochen, die historisches Footage verwendeten und es durch die persönliche Kommentierung in einen anderen Zusammenhang stellten. Dabei wurde sehr deutlich, dass die Kontextualisierung des Materials gerade heute immens wichtig ist. Einer dieser Filme ist „Israel: A Home Movie“ aus dem Jahr 2012, der von Efrén Cuevas vorgestellt wurde. Es ist eine Kompilation aus Privatfilmen einer Familie, die zwischen den 1930 und Ende der 1970 Jahre gedreht wurden. Dabei erzählt die Familie ihre Erinnerungen an die Ereignisse. Aber die Aufnahmen zeigen auch die Geschichte Israels und wie sich der Konflikt mit den Arabern über die Jahre verschärfte.

Plakat Visible Evidence 2 Foto Kay Hoffmann web
 Plakat zu „Visible Evidence“  © Kay Hoffmann/HDF

Neue Techniken ermöglichen neue Formen

Das Internet verändert Dokumentarfilme sowohl thematisch als auch stilistisch. Sogenannte „Desktop Documentaries“ zeigen, wie man am besten einen Film macht. Kritisch wurde die Strategie der Shoah Foundation diskutiert, Antworten von Zeitzeugen des Holocaust so aufzuzeichnen, damit man sie als Hologramm vorführen und ein Gespräch mit ihnen führen kann. So vermitteln sie über den Tod hinaus ihr Wissen. Aber kann ein Hologramm den Besuch eines Überlebenden ersetzen? In Basel gab es eine Video-Installation über palästinensische Aktivisten, die als virtuelle Avatare anonymisiert wurden.

Vorstellung Aktivitäten DFG-Projekt deutsche Dokumentarfilmgeschichte

Das DFG-Forschungsprojekt zur Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945 bis 2005 stellte kurz seine Datenbank und die neue Edition-Plattform vor, auf der ab dem kommenden Jahr die Ergebnisse des Forschungsprojektes online gestellt werden sollen. Hier sind ebenfalls die drei Bände der deutschen Dokumentarfilmgeschichte 1895-1945 zu finden.

Im Sommer 2022 wird die nächste Visible Evidence Konferenz im polnischen Gdansk stattfinden – wenn Corona diesen Plänen keinen Strich durch die Rechnung macht.

(Kay Hoffmann)

Tags: doknews

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