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So war die DOK Premiere von „Mein Fremdes Land“

Auch im Sommer läuft die beliebte Reihe DOK Premiere vom Haus des Dokumentarfilms. Im Caligari Kino Ludwigsburg zeigte Kurator Kay Hoffmann den Filmschau-Preisträger „Mein Fremdes Land“. Protagonist Manuel Sosnowski stand dem Publikum Rede und Antwort.

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„Mein Fremdes Land“ erzählt die Geschichte von Manuel Sosnowski. Er wurde als Sohn einer Ziegenhirtin in Bolivien geboren und als Baby zur Adoption freigegeben, wodurch er nach Deutschland kam. Warum er gerade jetzt nach seiner leiblichen Mutter gesucht hat und was er alles auf seiner Reise erleben durfte, erfuhren die Gäste der DOK Premiere mit Filmgespräch im Caligari Ludwigsburg.

Suche nach sich selbst

Die ursprüngliche Idee war nicht seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, wie Manuel beim Filmgespräch mit DOK Premiere Kurator Kay Hoffmann ausführt: „Tatsächlich stand am Anfang das Thema Kinderarbeit in Bolivien, weil ich in meinem Studium an der Filmakademie Ludwigsburg einen Film gesehen habe, der von Kinderarbeit in Potosí handelte. Es ging um acht Elfjährige, die in diesen Mienen arbeiteten. Mir wurde klar, dass ich in der Nähe geboren wurde und wahrscheinlich selbst dort gearbeitet hätte. Das war der erste Anstoß, darüber einen Film zu machen.“

Dass es am Ende doch eine Suche nach der eigenen Lebensgeschichte wurde, ist einem glücklichen Umstand zu verdanken: Gemeinsam mit Filmakademie-Student Johannes Preuß gewinnt Manuel 2017 den „Studenten-Oscar“ in der Kategorie „Bester Internationaler Dokumentarfilm“ für „Galamsey – Für eine Handvoll Gold“. Manuel, der den Schnitt gemacht hat, erzählt von seinen damaligen Gefühlen: „Das, was gerade passiert, ist so ein Riesenglück, das kann man nicht in Worte fassen. Da war er, der Impuls: Du musst die Suche nach dir selbst beginnen.“ Seine Freunde Johannes Preuß und Marius Brüning (ebenfalls von der Filmakademie Baden-Württemberg) begleiten die Reise in die familiäre Vergangenheit und Gegenwart als Filmteam.

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Manuel Sosnowski (rechts) bei der DOK Premiere im Gespräch mit Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms © Günther Ahner

Von Bolivien nach Baden-Württemberg – und zurück

Manuel Philipp Sosnowski wird als José Noé Estrada in ärmlichen Verhältnissen in Bolivien geboren. Er ist eines von vier Kindern. Als er nicht mal ein Jahr alt ist, entscheidet seine Mutter ihn in ein Kinderheim zu bringen. Ihre Hoffnung: Er möge ein besseres Schicksal haben als sie. Doch Manuel verliert getrennt von der Familie schnell seinen Lebenswillen – und das Kinderheim kann nicht viel für ihn tun. Sein Zustand ist dramatisch. „Du konntest deinen Kopf nicht heben und du konntest dich auch nicht drehen, du konntest gar nichts“, beschreibt seine Adoptivmutter die alarmierende Situation. Sie holt ihn aus dem Heim und päppelt ihn in Deutschland auf.

Seine Adoptiv-Eltern, die im ländlichen Baden-Württemberg in gutbürgerlichen Verhältnissen wohnen, unterstützen Manuel Zeit seines Lebens tatkräftig und erzählen ihm, wie es dazu gekommen ist, dass er bei ihnen „gelandet“ ist. Viele Jahre, so erzählt er, habe er sein Anders-Sein und seine Vergangenheit nicht wahrhaben und akzeptieren wollen. „Als man mich als kleines Kind mit Bildern aus Bolivien konfrontiert hat, habe ich das abgelehnt. Ich habe die Bilder umgedreht und wollte nichts damit zu tun haben.“ Doch wann kam die Kehrtwende? „Natürlich kam das Thema auch während der Pubertät hoch, aber da hatte man Angst seine Eltern damit zu verletzen“, sagt Manuel. Erst seit 2017 habe er sich ernsthaft mit seiner Adoption und seinen Wurzeln auseinandergesetzt.

„Als wir in La Paz angekommen sind, war es, als ob ich das erste Mal richtig aufatme“, beschreibt Manuel seine Gefühle, als er aus dem Flugzeug ausgestiegen ist. Er scheint angekommen zu sein und fühlt sich von Beginn an zugehörig „Es ist tatsächlich interessant so viele Gesichter zu sehen, die einem ähnlich sind und so aussehen wie ich. Man wird nicht mehr angeguckt.“ Für ihn ist es sehr wichtig, nicht direkt zu seiner Mutter zu fahren, sondern das Land kennenzulernen, La Paz, Sucre, das Essen, die Landsleute – diese Reise will das Filmteam einfangen.

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Manuel Sosnowski (Mitte) mit Kay Hoffmann (links) und Angelika Charubin (rechts) vom Haus des Dokumentarfilms © Günther Ahner

Die Suche nach seiner Mutter

Zu Anfang der Suche trifft sich Manuel mit einem Freund der Regisseure: Diego. Er wird später nicht nur ein Übersetzer für ihn, sondern auch ein wichtiger Informant und schließlich eine Schlüsselfigur bei der Suche nach seiner Mutter, denn er vermittelt den Kontakt zu Lourdes. Sie hat bereits vielen Kindern, die das gleiche Schicksal wie er durchlebt haben, helfen können. „Auch der Kontakt zu Lourdes entstand privat, über Diego“, erzählen die Regisseure im Interview mit dem Haus des Dokumentarfilms, das Ende 2021 im Rahmen der Filmschau Baden-Württemberg entstanden ist. „Sie hatte schon einmal einer Familie geholfen, zueinander zu finden. Das war pures Filmemacherglück! Diego war also nicht nur ein Protagonist, sondern hatte auch Anteil an der Entwicklung der Geschichte.“

Auf die Frage, ob er eine Chance darin gesehen habe seine Mutter wiederzufinden, antwortet Manuel im Filmgespräch: „Es gab natürlich die Adoptionsunterlagen und somit ein paar Anhaltspunkte, aber so ganz klar war das nicht. Als es nach dem zehnten Drehtag so weit war und Lourdes uns angerufen hat und gesagt hat, sie hat meine Mutter gefunden, da waren wir baff und wussten nicht, wie wir weitermachen sollten.“

Das Treffen mit seiner leiblichen Mutter ist schließlich sehr ergreifend. In dem Moment, wo sich beide sehen, ringen sie mit der Fassung und liegen sich nur in den Armen. „Ich verbrachte vier Tage bei meiner Mutter. Obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprechen, haben wir uns mit Händen und Gestik verstanden. Mit der ersten Umarmung hat mir diese Frau so viel Liebe geschenkt, sodass ich mich nicht unwohl dabei gefühlt habe.“ Durch seine Mutter erhält Manuel auch die Möglichkeit seine leiblichen Geschwister kennenzulernen, die alle verstreut leben.

Denkprozesse werden angestoßen

Doch das Treffen wirft natürlich auch Fragen auf: „Als ich bei meiner Mutter war, habe ich mich in dem kleinen Louis gesehen und mich gefragt, wie es gewesen wäre hier aufzuwachsen.“ Ein Besuch in einer Miene in der Umgebung, in der katastrophale Arbeitsbedingungen herrschen, gibt einen kleinen Einblick. Die Arbeiter dort sind sich einig: „Es ist besser für dich, dass du weggegangen bist, denn hier würdest du ausgebeutet werden.“

„Wir waren insgesamt einen Monat in Bolivien und davon war ich insgesamt vier Tage bei meiner Mutter“, erzählt Manuel, der nach eigener Aussage relativ unbedarft in die Situation gegangen ist. „Ich habe mich tatsächlich überhaupt nicht vorbereitet. Ich bin in das Land gereist ohne Spanisch zu sprechen und ich glaube, wenn ich mich auf diese Reise vorbereitet hätte, hätte ich mich ein bisschen kaputt gemacht.“ Da das Projekt sehr persönlich war, war er entsprechend froh, dass er Rückhalt durch seine Freunde, die gleichzeitig das Team waren, bekommen konnte. Die Frage aus dem Publikum, ob es denn gestört habe, dass die Kamera in bestimmten Momenten dabei war, verneint Manuel: „Die Kamera habe ich in der Tat schnell vergessen.“ Problematischer sei gewesen, dass ihm sein Filmwissen aus dem Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg zunächst im Weg gestanden sei. Überlegungen, wie man Szenen aufbaut und auflöst, wie der filmische Ansatz sein könnte oder müsste. Dabei sollte er doch „nur“ der Protagonist sein, der darauf vertraut, dass Kamera und Regie ein gutes Ergebnis abliefern.

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Das Publikum im Caligari Kino war begeistert von dem bewegenden Film © Günther Ahner

Ein ergriffenes Publikum

Schnell wird beim Screening und im Filmgespräch klar: „Mein Fremdes Land“, der im vergangenen Jahr als bester Dokumentarfilm bei der Filmschau Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, begeistert das Publikum nicht nur mit bewegenden Bildern. Er lässt es sich auch nicht nehmen, die emotionale angespannte Stimmung zwischenzeitlich durch lustige Sequenzen aufzulockern. Insofern ist er nicht nur etwas fürs Herz. Er begeistert mit einer hochwertigen Aufbereitung des Filmmaterials, zu der auch beeindruckende Drohnenaufnahmen zählen, die die Schönheit und das Elend im Land gleichermaßen einfangen. Auch der Einsatz von Musik ist stimmig. Diese untermalt die Emotionen perfekt, aber verstummt auch in den richtigen Momenten. Ein echtes Kino-Erlebnis, das auch Manuel jedes Mal aufs Neue berührt: „Jedes Mal treffe ich meine Mama erneut und das ist ein schönes Gefühl!“


(Angelika Charubin) 

Tags: DOKPremiere

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