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Kino-Tipp: „Merkel – Macht der Freiheit“ von Eva Weber

Am 2.12.22 jährt sich erstmalig die Verabschiedung der früheren Bundeskanzlerin. Angela Merkel prägte das Amt in Deutschland, als erste Frau, 16 Jahre lang. Die Koproduktion mit LOOKsfilm folgt ihrer Biografie mittels klug montiertem Archivmaterial sowie Interviews.

MERKEL Plakat webSchon die ersten Minuten des Dokumentarfilms verdeutlichen: Eva Weber will in „Merkel – Macht der Freiheit“ ein mehrdimensionales Bild der ehemaligen Bundeskanzlerin zeichnen, über die zwar alle eine Meinung, aber von der nur wenige wirklich Ahnung haben. Wie ist der Mensch Angela Merkel und was unterschiedet ihn von der Amtsträgerin? Das Archivmaterial zeigt, wie Merkel in den Medien oft als das schüchterne Mädchen aus der Uckermark dargestellt wurde, das nach der Promotion in Physik auch noch in die große Politik einsteigen will. Nicht selten liegt Überheblichkeit in den Fragen, die männliche Interviewer der jungen Politikerin stellen. Eva Weber zeigt in ihrem Film, wie Merkel Karriere inmitten eines mehrheitlich konservativen, männlich zentrierten Politiksystems gelingen konnte und was ihre wichtigsten Stationen waren.

Mehrdimensionales Bild Angela Merkels

Viele Fragen kann das in Koproduktion mit LOOKSfilm entstandene Porträt naturgemäß nur anreißen, doch als Vertreter des Formats „Dokus über Politiker:innen“ zählt „Merkel – Macht der Freiheit“ zu den gelungenen Annäherungen – schon, weil ihm jede Form von Überzeichnung, Effekthascherei und Polemik fremd ist. Weber erklärt nicht, ordnet nicht ein, lobt und kritisiert nicht. Auch führt sie selbst kein Interview mit ihrer Protagonistin; diese kommt ausschließlich in Archivmaterial zu Wort. Anders sieht es bei politischen Weggefährten wie Hillary Clinton, Barack Obama und Sir Tony Blair oder Medienschaffenden wie Christiane Amanpour und Dirk Kurbjuweit aus, die für Webers Film vor die Kamera getreten sind.

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Die oft wundervoll kontrastive Montage (Editoren: Daniel Greenway und Alexandra Strauss) und der auffällig gute, da sinnfällige Einsatz von Eigen- und Fremdkompositionen wie Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“, Rio Reisers „König von Deutschland“ oder „Wind of Change“ von den Scorpions (Sounddesign: Raoul Brand; Musik: Jon Opstad) formen das Gesamtbild weiter. Nach dem Prinzip „Show, don’t tell“ wird das transportiert, was zwischen den Zeilen steht. Als Beispiel dafür sei die starke Eröffnungssequenz des Films genannt, die Angela Merkel bei ihrer Rede an der Havard University 2019 zeigt.

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 „Tear down walls of ignorance and narrowmindedness, for nothing has to stay as it is.“ (Angela Merkel)

Merkel plädiert gegenüber den Absolvent:innen eindringlich dafür, Mauern in den Köpfen einzureißen. „Was fest gefügt und unveränderlich scheint, das kann sich ändern“, insistiert sie. „Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen.“ Dem gegenübergestellt werden Aufnahmen Donald Trumps – der fleischgewordenen Antithese zur demokratisch-freiheitlichen Haltung, die Merkel verkörpert. „Putin mag mich. Ich will, dass sie mich auch mag“, sagt Trump in einem herablassenden Ton über „diese nette Frau“, während seine Gefolgschaft frenetisch jubelt. Eine weitere Szene, die zwischen die Havard-Rede Merkels geschnitten wird, zeigt seine Bekanntgabe des geplanten Mauerbaus an der Grenze zu Mexiko.

Als Frau im Club der alten weißen Männer

„Was ich gelernt habe durch die Beobachtung von Merkel, wie barock und energieverschwendend männliche Politik üblicherweise ist“, bringt es Journalist und Autor Bernd Ulrich an einer Stelle des Films auf den Punkt. „Da geht es ganz viel ums Vergleichen, um Rache, schwitzige Netzwerke, Gerüchte usw. Alles Emotionen, die für uns genuin zu Politik zu gehören scheinen – sozusagen ‚Shakespeare für Arme‘. All dies konnte sich Merkel gar nicht leisten, denn sie brauchte so viel Energie, um in dieses System, das ihr fremd war, reinzukommen, dass ihr nur die maximale Effizienz – auch emotional – ermöglicht hat, so weit zu kommen.“

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Wer Torsten Körners ebenfalls empfehlenswerten Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ (BROADVIEW Pictures mit ZDF/3sat) über Frauen der Bonner Republik gesehen hat, weiß um den harten Kampf, den weiblich gelesene Menschen um die Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen geführt haben und, leider, noch immer führen müssen. Auch „Merkel – Macht der Freiheit“ legt den Finger in die Wunde. Zu sehen sind mehrheitlich Männer, die Angela Merkels Alter, Auftreten und Kleidungsstil abfällig kommentieren, ihr die politische Kompetenz qua Geschlecht absprechen oder unverhohlen versuchen, sie mit kleinen und großen Nickligkeiten in die Schranken zu weisen.

Trump verweigert ihr beim Antrittsbesuch demonstrativ den „Handshake“. Putin schickt ihr trotz der bekannten Angst vor Hunden einen schwarzen „Fellriesen“ zur Begrüßung beim Staatsbesuch entgegen. AfD-Politiker Gauland droht gar unverhohlen „Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen – und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen!“ Doch Angela Merkel rührt das, zumindest nach außen, nicht an. Sie geht unbeirrt, ja fast schon stoisch ihren Weg. Auch das im Film thematisierte Handling der Flüchtlingskrise 2015 unterstreicht diesen Wesenszug. Inmitten aller Widrigkeiten gibt sie mit einem nachdrücklichen „Wir schaffen das!“ die Richtung vor.

Von Wert einer faktenbasierten Politik

Man muss Angela Merkels politische Entscheidungen über die Jahre mitnichten alle gut heißen, um trotzdem anerkennen zu können, dass faktenbasierte Politik jenseits von Egomanie, Opportunismus und Nationalismus mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt. Eva Webers Dokumentarfilm „Merkel – Macht der Freiheit“ unterstreicht, was die ehemalige Bundeskanzlerin von Trump, Putin, Erdoğan und Konsorten abgehoben hat, wie sie sich um die Positionierung Deutschlands in Europa und der Welt verdient gemacht hat und was mittlerweile oft an Weitblick, Rückgrat und Charakterstärke in der Politik fehlt. Dass kritischen Stimmen nur ein kurzer Moment eingeräumt wird (darin wird Merkels Energie- und Sicherheitspolitik vor allem mit Blick auf Russland angesprochen), ist dabei zu verschmerzen, obschon ein breiteres Meinungsspektrum hier und da noch für zusätzliche Würze gesorgt hätte.

Der deutsche Kinostart von „Merkel – Macht der Freiheit“ ist am 24. November 2022. Der Film soll zudem am 8. Dezember um 20:15 Uhr bei Geo Television ausgestrahlt sowie beim RTL+ abrufbar sein. Alle Angebote sind kostenpflichtig.

(Elisa Reznicek)


Credits: „Merkel – Macht der Freiheit“ von Eva Weber. Eine Produktion von Passion Pictures und Odd Girl Out Productions mit Sonja Henrici Creates, Real Lava und LOOKSfilm. Im Verleih Progress Film-Verleih.

Tags: doknews

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