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So war JELINEK – DIE SPRACHE VON DER LEINE LASSEN

Claudia Müllers Dokumentarfilm nähert sich der streitbaren Literaturnobelpreis-Trägerin Elfriede Jelinek über deren Sprache. Texte der österreichischen Schriftstellerin werden mit Archiv-Material und atmosphärischen neuen Aufnahmen dicht collagiert. So war die DOK Premiere ...

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„Jelinek – die Sprache von der Leine lassen“ ist der erste Langformat fürs Kino von Claudia Müller (phlox films). Sie hat sich vor allem durch TV-Produktionen über Künstler:innen einen Namen gemacht. So gibt die Serie „Künstlerinnen kuratieren“ (RB/SR/NDR/WDR/Arte) einen Überblick über die Vielfalt weiblichen Kunstschaffens in Geschichte und Gegenwart. Darüber hinaus hat Müller Pionierinnen der Bildenden Kunst porträtiert, beispielsweise die Konzept- und Installationskünstlerin Jenny Holzer, die Bildhauerin und Druckgrafikerin Kiki Smith, die Medien-/Performancekünstlerin und Filmemacherin Valie Export sowie die Künstlerin, Filmemacherin und Fotografin Shirin Neshat. Neben der Kunst gilt Claudia Müllers Augenmerk auch „unangepassten Wegbereiter:innen“ anderer Sparten – darunter Mode (u. a. „Helmut Lang. Meister der Coolness“), Theater und Schauspiel (u. a. „Ma Vie: Susanne Lothar“) sowie Literatur (u. a. „Elke Heidenreich – Ganz so leicht muß es auch nicht sein“). „Ich mache wahnsinnig gerne Fernsehfilme und finde das auch wichtig, weil man darüber viel mehr Leute erreichen kann. Ich habe einen geradezu missionarischen Eifer, Menschen für Kunst zu interessieren, ohne das Ganze didaktisch zu erzählen“, so Müller.

Elfriede Jelinek 3 unsichtbar Plan C Film c Karin Rochol webElfriede Jelinek: Literaturnobelpreis-Trägerin und „Nestbeschmutzerin“

Dass die wortstarke, linke, feministische, wunderbar unbequeme Elfriede Jelinek gut ins Portfolio der Filmemacherin passt, liegt auf der Hand. In ihrem Heimatland als „Nestbeschmutzerin“ geschmäht und beschimpft, schreibt Jelinek provokant gegen Missstände in der österreichischen Gesellschaft, der rechtskonservativ geprägten Politik sowie den Umgang mit dem Nazi-Erbe ihres Landes an. Für „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“, erhält Jelinek 2004 den Literaturnobelpreis. Danach zieht sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und lässt „nur“ noch ihre Werke sprechen.

Kinofilm über Elfriede Jelinek möchte „Sprache ausstellen“

„Zu ihrem 75. Geburtstag gab es zwei Fernsehredakteure, die mich unabhängig voneinander innerhalb einer Woche angesprochen haben: ‚Claudia, du musst einen Film über die Jelinek machen!‘“, erzählt Claudia Müller bei der bestens besuchten DOK Premiere im Atelier am Bollwerk Stuttgart. Doch gegen ein klassisches Fernsehformat spricht für sie – neben den im Vergleich zum Kino beschränkten budgetären Mitteln und den Format-Vorgaben – nicht zuletzt, dass Jelinek seit knapp zwei Jahrzehnten keine Interviews mehr gibt. „Ich wollte sie nicht quälen, sie nicht anbaggern“, betont die Regisseurin. „Sie hat alles beantwortet, was sie über ihre Arbeit zu sagen hat, und will sich nicht wiederholen. Das habe ich verstanden.“

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Claudia Müller mit Kay Hoffmann (l.) und Goggo Gensch (r.) vom HDF sowie beim Talk © Günther Ahner/HDF

In Müller reift die Idee, stattdessen mit Auszügen aus Jelineks Werk einen Film über ihre Sprache zu machen, „denn ihre Sprache ist für mich Kunst. Ich möchte ihre Sprache ausstellen.“ Parallel dazu sollen biografische und künstlerische Stationen sowie ein Teil der österreichischen Nachkriegsgeschichte erzählt werden. Aufgegriffen werden dafür unter anderem Auszüge aus „Die Klavierspielerin“ (Beziehung zur Mutter), der Monolog aus „Ein Sportstück“ (Beziehung zum Vater) und „Rechnitz (Der Würgeengel)“ (Geschichte des 20. Jahrhunderts). Visuelle wie inhaltliche Klammer ist die Nobelpreisverleihung.

Vielschichtig collagierter Kinofilm

Als sich die Möglichkeit ergibt, einen Kinofilm mit diesem anspruchsvollen Konzept zu realisieren, muss man Müller nicht zweimal bitten. Im Rhythmus von Jelineks Sprachfluss komponiert sie aus Texten, Archivmaterial und atmosphärischen neuen Aufnahmen mit Musik (Kamera: Christine Anna Maier, Komposition: Eva Jantschitsch) eine vielschichtige, dicht collagierte Annäherung an die einerseits so streitbare, andererseits so verletzliche Ausnahmekünstlerin, die besonders in ihrem Heimatland angefeindet wurde und wird. Die verbalen Angriffe (vornehmlich von rechts außen) zielen dabei oft unter die Gürtellinie und versuchen Jelinek beispielsweise über ihr Aussehen, ihren Stil oder, ganz platt, ihr Geschlecht zu diskreditieren. „Ich wollte, dass man versteht, warum dieser Hass so auf sie eingeschlagen ist – aus ihrer persönlichen Perspektive“, sagt Müller. „Ich werde oft gefragt, warum ich nicht zeige, wie sehr sie in Österreich verehrt und geliebt wird. Das mache ich nicht, weil es eben ihre Sicht spiegelt, die legitim ist.“

Realisierung mit verschiedenen Sprecher:innen

„In Jelineks Werk gibt es immer eine Vielstimmigkeit, die ich auf jeden Fall mit drin haben wollte“, sagt Claudia Müller im Gespräch mit DOK Premiere Kurator Goggo Gensch. „Jelinek schreibt und erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven: Opfer, Täter, Stimmen von außen, was in der Zeitung steht …“ Um dies zu verdeutlichen und zugleich eine österreichische Klangfärbung einzubringen, die den Sprachduktus und Rhythmus Jelineks aufnimmt, setzt Müller auf verschiedene Sprecher:innen, die Auszüge aus ihren Werken lesen. „Sophie Rois trifft voll den Sound. Stefanie Reinsperger hat eine leichte Färbung und ist eine jüngere Stimme. Ilse Ritter war eh klar. Denn natürlich habe ich auch Leute ausgewählt, die Jelinek schon am Theater gespielt haben. Maren Kroymann hat schon 1988 ‚Die Klavierspielerin‘ als Funkoper gelesen.“ Dazu kommen Sandra Hüller und Martin Wuttke.

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Claudia Müller beim Publikumsgespräch bei der DOK Premiere © Günther Ahner/HDF

Verwendung von Archivmaterial und Found Footage

Das verwendete Archivmaterial stammt zum Großteil vom ORF, daneben wurden Privataufnahmen vor allem aus der Steiermark verwendet, für die ein Aufruf an Amateurfilmer:innen und Sammler:innen gestartet wurde. „Wir haben teils auch selbst auf Super 8 gedreht“, erzählt Müller. „Ich wollte, dass sich die zeitlichen Ebenen ein bisschen vermischen, um damit Verwirrung zu stiften – dass man nicht genau weiß: Ist man jetzt gerade in der Gegenwart oder der Vergangenheit? Das sollte die Allgemeingültigkeit im Film visuell reflektieren.“

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Die stärkste Passage: „Rechnitz (Der Würgeengel)“

In der Umsetzung greift Müller auch auf Montagetechniken zurück, die man mit der Schriftstellerin assoziiert. Eine der stärksten Passagen in „Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ dreht sich um das Massaker von Rechnitz im Burgenland, bei dem wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs mutmaßlich an die 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet und verscharrt wurden. Zu hören sind Passagen aus „Rechnitz (Der Würgeengel)“, die an der Mauer des Schweigens rütteln, während die Kamera stark verlangsamte Schwenks und Bewegungen, teils auch rückwärts, ausführt. 

Sie werden kombiniert mit erschreckenden Interviewsequenzen aus dem Film „Todschweigen“ von Margareta Heinrich, in denen zwei ältere Damen der Tätergeneration völlig ungerührt und dissoziativ vom Geschehen berichten. „Aber die Wände in diesem Pferdestall waren doch schön geweißelt“, heißt es beispielsweise relativierend über den Ort, in dem die Menschen in Enge und Todesangst eingepfercht waren. Eine der Frauen lässt sich zur Erzählung rund um die Mordnacht ihr Mittagessen schmecken. „Nur diesen Stadl zu zeigen und die Texte darunterzulegen, wäre mir zu wenig gewesen“, führt Müller aus. „Ich brauchte die Ausschnitte aus ‚Todschweigen‘, um Geschichte zu erzählen.“

Reaktionen auf dem Film

„Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ ist mehr essayistische Filmkunst denn dokumentarisches Porträt und definitiv kein Popcorn-Film zur sanften Berieselung. Selbst beim zweiten, dritten oder vierten Schauen dürften sich noch neue Bedeutungsebenen aus dem Material schälen, an dem es dranzubleiben gilt wie an Jelineks Texten. Das Presse-Echo ist durch die Bank positiv, genauso sind es die Reaktionen der gut 90 Besucher:innen unserer DOK Premiere, die jeden Monat vor allem Arthaus-Publikum ins Kino anlockt.

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Doch was hält Elfriede Jelinek eigentlich selbst von dem Film? Eine persönliche Stellungnahme in Die Zeit (Nr. 45, 3. November 2022) gibt Aufschluss: „Ich hatte mein Leben einer Künstlerin und ihrem Team ausgeliefert, doch was würde mir da zurückkommen? Dann war es ganz anders. Diese filmische Reise hat eher mich mitgenommen. Nicht dass ich davon mitgenommen wäre, im Gegenteil. Es war keine gegenläufige, sondern eine Bewegung, die mich mitgezogen hat“, heißt es da. „Meine Grundbefindlichkeit der Angst, die mir eine persönliche Teilnahme am Film unmöglich gemacht hat, wurde […] ersetzt durch eine Filmemacherin und ihre kongeniale Kamerafrau, die sich meiner buchstäblich angenommen haben, die sich mit ihren langen, ruhigen Fahrten wie ein Schnitter mit seiner Sense durch mein Leben gemäht haben, in einer der elegantesten und rhythmischsten Bewegungen, die ich kenne (und ich kann mit der Sense mähen!).“ Chapeau!

(Elisa Reznicek)


Die DOK Premiere ist eine vom Haus des Dokumentarfilms kuratierte Filmreihe. Sie präsentiert einmal im Monat in Ludwigsburg und Stuttgart aktuelle Kinostarts von Dokumentarfilmen. Die jeweiligen Regisseur:innen sind für Werkstattgespräche mit dem Publikum vor Ort. Kuratoren sind Goggo Gensch (Stuttgart) und Kay Hoffmann (Ludwigsburg.

Claudia Müllers „Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ (eine Koproduktion von CALA Filmproduktion, Plan C Filmproduktion mit BR/ARTE und ORF gefördert von BKM, DFFF, ÖFI, FFW und FISA; im Verleih bei Farbfilm Verleih) war am 16. November 2022 im Atelier am Bollwerk Stuttgart zu sehen. Durch Abend und den Talk mit Claudia Müller führte Goggo Gensch. Das Caligari Kino in Ludwigsburg wird aktuell renoviert, weshalb hier keine Veranstaltung stattfinden konnte.

Tags: DOK Premiere

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