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Dokville 4: Rekonstruktion historischer Figuren

Eine authentische Darstellung des Alltags in der DDR ist Annekatrin Hendel ein wichtiges Anliegen, denn sie war davon enttäuscht, was in Filmen dazu erzählt wurde. In einem lebhaften Gespräch mit dem bekannten Berliner Filmjournalisten Knut Elstermann stellte sie ihre Filmarbeit vor und erklärte, warum sie als Filmproduzentin gestartet ist nach ihrer Arbeit im Theater. Sie geht naiv, aber neugierig an neue Projekte und ermutigte die anwesenden Filmemacherinnen und -macher ihre Projekte auch gegen Wiederstände durchzusetzen.

DV19 Fr 04Einen Namen hat sie sich durch ihre Verrats-Triologie gemacht über Menschen, die im Kulturbereich sehr aktiv waren, aber zugleich für die Stasi gespitzelt haben. „Vaterlandverräter“ (2011) porträtiert den Schriftsteller Paul Gratzig, der sich selbst schon in den 1980er Jahren outete. Sascha „Anderson“ (2014) war eine schillernde Person im Prenzlauer Berg. Für das Interview mit ihm baute sie die Küche nach, die zu DDR Zeiten Treffpunkt der Kulturszene war. „Familie Brasch“ (2018) schlägt einen großen Bogen von 1930 bis heute. Der Vater wurde als überzeugter Kommunist zum Kulturfunktionär in der DDR, doch das Verhältnis zu seinen Kindern, die alle künstlerisch tätig sind, ist schwierig. Sie stellen sich gegen das System, das ihrer Meinung den Sozialismus pervertiere. Gerade die Brüchigkeit dieser Biografien reizte Hendel, sie zu zeigen. An „Fassbinder“ (2015) beeindruckte sie seine filmische Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. Ihr persönlichster Film ist sicher „Fünf Sterne“ (2017), in dem sie ihre beste Freundin Ines porträtiert, die nur noch einige Monate zu leben hat. Hendel geht mit ihr in ein Hotel an der Ostsee, für das sie ein Stipendium gewonnen hatte und führt intensive Gespräche mit Ines. Ihre aktuelle Produktion ist „Schönheit & Vergänglichkeit“ über Sven Marquardt, Türsteher des legendären Technoclubs Berghain, der auch als Fotograf aktiv war. Der Film gewann bei der diesjährigen Berline den Heino-Carow-Preis. Annekatrin Hendel ist zu einer Chronistin Ostdeutschlands geworden, die gegen die Auslöschung von Geschichte und Erfahrung der DDR-Bürger anfilmt.

DV19 Fr 05Das Schlusspanel beschäftigte sich ebenfalls mit der Rekonstruktion historischer Figuren, wobei die Ansätze unterschiedlicher nicht hätten sein können. Am Animationsinstitut der Filmakademie in Ludwigsburg gibt es schon lange Forschungen zur Gesichtserfassung und zum virtuellen Schauspieler. Diesen Bereich leitet Prof. Volker Helzle. Ein relativ aktuelles Projekt ist eine kurze Mini-Serie für die Leszek Plichta Albert Einstein zum Leben erweckt wurde. Die zweite Fallstudie ist der Animationsfilm „1917 – Der wahre Oktober“ von Kathrin Rothe. Sie gehört in Deutschland zu den Pionierinnen des AnimaDok und realisierte schon 2003 ihren Film „Dunkler Lippenstift macht seriöser“. Grundlage ihres aktuellen Films sind historische und persönliche Aussagen und Erlebnisbericht von Künstlern und Intellektuellen über die russische Revolution in Briefen, Tagebüchern usw., aus denen emotionale Schlüsselzitate ausgewählt und in eine animierte Bilderwelt transferiert wurden. Statt Re-Enactment mit Schauspielern, wie dies bei historischen Programmen heute oft genutzt wird, wurde die Technik des Legetrickfilm gewählt und so ein abendfüllender Dokumentarfilm animiert.

Bei „Albert Einstein“ (https://www.youtube.com/watch?v=UVAUaBf9vkM) wurden neueste Digitaltechniken eingesetzt, um menschliche Gesichter überzeugend und fotorealistisch zu kreieren. Zunächst wurden passende Zitate von ihm gesucht. Fotos dienten als Vorlage für eine Skulptur des Gesichts, die in 3 D abgetastet wurde. Daraus entstand eine virtuelle Gesichtsmaske.  Albert Einstein wurde von Ernst Konarek gespielt und dann sein Gesicht durch die virtuelle Gesichtsmaske ersetzt. Die Idee erinnert an „Virtual History“ von Discovery Channel, die 2004 für ein Programm zum 20. Juli 1944 die Gesichter von Hitler, Stalin, Churchill und Roosevelt auf die Köpfe von Schauspielern gemappt haben. Es gab damals ethische Diskussionen, ob dies im Dokumentarischen überhaupt erlaubt sein sollte? Diese Kritik klang auch bei DOKVILLE an von Thomas Frickel von der AG DOK. Prof. Helzle wies darauf hin, dass heute schon in vielen historischen Programmen re-inszeniert würde und die Schaffung historischer Figuren im Rechner nur neue Möglichkeiten nutzten. Inzwischen könnten solche Figuren in einem erträglichen Kostenrahmen produziert werden. Statt teilweise ungelenkem Re-Enactment könnten detailgetreue Animationen mit virtuellen Schauspielern im Dokfilm wirkungsvoller und historisch präziser sein.

Der Ansatz von Katrin Rothe ist im Prinzip komplett diametral zur Arbeit mit virtuellen Charakteren. Statt eines historischen Illusionismus und eines Hyperrealismus wird bei „1917 - Der wahre Oktober“ verstärkt auf das Prinzip Collage und Legetrick gesetzt. Es geht ihr darum, den Aspekt der Repräsentation von Geschichte zu hinterfragen. Im Detail erläuterte sie die Entwicklung der beiden Charaktere des Schriftstellers Maxim Gorki und von Sinaida Hippius, die in Petersburg die Künstler und Intellektuellen in ihren Salon einlud. Sie protokollierte die Ereignisse in Petersburg sehr genau. Die gewählte Animationstechnik ist individuell, trotzdem sollen die Ereignisse der Russischen Revolution möglichst authentisch vermittelt werden.  

Kay Hoffmann

Tags: dokville

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