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Ein Gespräch mit Böller und Brot: Rückschau zu »Schotter wie Heu«


Kultfilm »Schotter wie Heu« – DVD Re-Re-Release in der Theaterrampe Stuttgart, 09.12.2019! 
Filmausschnitte, Bonusmaterial zu »Schotter wie Heu« und original hohenlohische Flachswickeln! 
Dazu ein Filmgespräch mit den Regisseurinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler (Böller und Brot).

 


 

Montage:„SCHOTTER WIE HEU“ – DAUERWERBESENDUNG MIT BÖLLER & BROT

Wo: Theater Rampe, Stuttgart 
Beginn: 21 Uhr | Eintritt frei 

Ankündigung:
»Da es bald keine DVDs mehr gibt,
aber auch keine Bank ohne Computer:
Der Kultfilm SCHOTTER WIE HEU endlich wieder auf DVD!«

 



Im Telefongespräch mit den beiden Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier (Böller und Brot) hat das Haus des Dokumentarfilms den Kultfilm »Schotter wie Heu« noch einmal Revue passieren lassen. Erfahren Sie hier interessante Informationen zum Film, seiner Produktion und den beiden Regisseurinnen. 

SchotterwieHeuzusammen

In Gammesfeld leitet Fritz Vogt die ortsansässige, unabhängige Raiffeisenbank. Eine Bank, die ohne Computer arbeitet und ihre Konten nur an Bewohner*innen des Dorfes vergibt. Geleitet von Fragen nach dem Menschsein und zum ganz großen Thema Geld, machen sich die Produzentinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier 2001 auf in das Dorf, um Fritz Vogt und seine Bank für ein halbes Jahr lang filmisch zu begleiten. Die Anfänge gestalteten sich als relativ schwierig, Pläne mussten umgeworfen werden: »Wir hatten so ein ganz tolles Exposé geschrieben, dass wir in dieser kleinen Bank sind und wir kommen über die Bank an jeden in diesem Dorf. Und das hat sich, wie so vieles, in der Realität nicht bewahrheitet.« Für Köhler und Baier war es eine ganz interessante Erfahrung, wie eigene Vorstellungen und der letztliche Umgang mit der Realität auseinanderdriften können. Die viele Zeit, die sie mitbrachten und ihr schlichtes Auftreten waren schlussendlich der Schlüssel für die Offenheit im Dorf, die ihnen entgegengebracht wurde.

Im Film können sie sehr gut zeigen, dass sie ungewöhnlicher als andere Filmteams arbeiten. Während ihrer Drehtage kam ein weiteres Produktionsteam vom SWR ins Dorf, das in zwei Tagen das Exposé abarbeiten wollte, welches Baier und Köhler für ein Jahr angesetzt hatten. Dass man mit Inszenierung und Zeitdruck weniger authentisch an die Leute herankommt, wird an der Arbeit dieses Filmteams deutlich. Böller und Brot reflektierten als Beobachterinnen ihre eigene Rolle und bekamen nach ersten Gesprächen und Filmaufnahmen mit verschiedenen Leuten aus dem Dorf einen Zugang. Schnell erfuhren sie von Geschichten und Probleme, die die Bewohner dort beschäftigten. Hilfreich war das natürlich, um den Hintergrund des Geschehens zu verstehen, eine sinnvolle Struktur für den Film zu finden. Wenn auch beide erzählen, dass der Schnitt und die Montage eine Herausforderung waren, ist es ihnen gelungen, dass die Dokumentation mit leichten, sinnvollen Übergängen daherkommt. Orte und Räume des Dorfes werden abgearbeitet, Geschichten erzählt, sodass sich ein rundes, stimmiges Bild rund um die Bank ergibt. Besonders war, dass sie zu zweit direkt am Geschehen waren: da gelangten die Informationen teilweise schneller zu ihnen als zum Bankdirektor Vogt: »So ist ein ganz interessanter Spin entstanden […], durch die Art, wie wir ganz schnell gedreht und die Themen mitverfolgt haben, konnte man diese so ganz schnell in einander einbauen«. Mit der Montage konnten auch die Komik und die Einzigartigkeit des Protagonisten mitaufgenommen und verarbeitet werden.

Einerseits ist er als ein echter »Charakter« mit großer Leidenschaft an seine Bank und das Dorf gebunden. Andererseits fehlt ihm der Draht zu den jungen Leuten, um sich vollständig mit ihnen zu identifizieren. Fehlendes Verständnis für in die Brüche gehende Ehen oder ausartende Polterabende sind die Folge. Doch im Vergleich zum Dorf hebt sich Fritz Vogt als belesener, weltoffener Mann von den anderen ab, ist eben besonders. Es wirkt sogar so, als ob für Fritz Vogt das Dorf eben nicht die Welt ist, aber man ahnt, manchmal wünschte er sich, die Welt sei (s)ein Dorf. Kapitalismuskritisch und unzufrieden mit den Dingen, wie sie laufen, schafft die Dokumentation mit ihrem Protagonisten auch heute noch den Bogen zu dringenden Fragen der Gegenwart. Als Böller und Brot ihn vor ein paar Wochen wieder getroffen haben, ist er ein wenig schwerhöriger, dünner geworden, seine Überzeugung aber ist ihm geblieben. Fast schon wirkt er optimistischer als Jahre zuvor. Man muss im Kleinen gegen die Großen angehen, etwas besser machen, um was gegen die kapitalistischen Strukturen verändern zu können.

Der Effekt des Umdenkens auf andere Banken blieb nach dem Filmerfolg 2003 zwar aus, das aber, weil die Strukturen schwierig sind und sie eine Veränderung des Bankwesens nicht hergeben. Dennoch sind Böller und Brot der Meinung, dass gegenwärtig ein Umdenken stattfindet. Gerade in jüngeren Generationen werden die Gesellschaft, das Miteinander hinterfragt, kapitalistischen Machtstrukturen überdacht. 

Und dieses Überdenken und Hinterfragen spiegelt sich genauso im Arbeiten der beiden Filmemacherinnen wider: »Also uns interessiert eher so, wie so Ethnologen, was macht der Mensch auf der Welt in seinem Leben, als Individuum, als Gruppe.« Von Interesse sind so die Allgemeingültigkeiten im Leben, die Überraschungen verbergen und sich nach genauerem Hinsehen offenbaren. Auch ihre neue Produktion »Narren«, die nächstes Jahr in den Kinos anlaufen wird, beschäftigt sich ähnlich wie bei »Schotter wie Heu«, mit dem Miteinander, vielleicht nicht im dörflichen Sinne, aber mit dem Menschen als soziales Wesen: »da ist so das große Thema für uns das Dabeisein. Wir leben ja in der Illusion, dass wir Individuen sind und wir sind stark als Ich, mit Eigenverwirklichung und Glück, und in Wahrheit sind wir eigentlich ein sehr soziales Wesen«. Und das wollten sie im neuen Film festhalten, die Narrenkultur und der Wunsch, dazuzugehören und dabei zu sein.

Eine weitere überraschende Feststellung war, ähnlich zu beobachten bei »Schotter wie Heu«, dass Frauen heute weiterhin als weniger gleichberechtigt gelten. Sondern, dass Gleichstellung sich manchmal eher als Wunsch und Hoffnung auf eine Tatsache entpuppt. Die Reaktionen auf die Filmemacherinnen in Gammesfeld waren laut Baier eher so: »Kann ja gar nicht sein was die da machen. Die suchen vielleicht einen Mann. […] Also diese Unterstellung, dass das niemals ein Film wird, was wir da machen.« Dennoch wollen die beiden nicht werten, stellen in »Schotter wie Heu« und ihren anderen Produktionen das dar, was sie beobachten, werfen ein und geben Raum zum Hinterfragen. Ganz getreu »Böller und Brot« eben: »wenn man so diesen Slogan ,Brot statt Böller‘ an Silvester nimmt: lieber nicht so böllern, lieber was für die Welt spenden. Also, dass man so ein bisschen eine ernsthafte Auseinandersetzung hat, das wäre das Brot, und dass es andererseits auch kracht, schön ist, funkelt. Das ist dann Böller«.


 (Annika Weißhaar)

Tags: DOK News

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