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„Das Kino ist tot, es lebe das Kino‘‘

Doku über Dieter Kosslick und seine Abschiedsberlinale

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Die Doku zur Berlinale, ihrer Geschichte und dem ehemaligen Leiter Dieter Kosslick hat Thomas Schadt gedreht. Schadt folgte Kosslick während dessen letzter Berlinale 2019 mit der Kamera vor und hinter den Kulissen. Es entstand eine so unterhaltsame wie informative Hommage an das größte und beliebteste Publikumsfestival der Welt mit Kinostars wie Juliette Binoche, Charlotte Rampling und Christian Bale. Auch dabei die Nachwuchsregisseurin Nora Fingscheidt, eine Studentin von Schadt an der Filmakademie Ludwigsburg. Mit ihrem Debütfilm „Systemsprenger“ gewann sie 2019 den Silbernen Bären und wurde sogar als deutsche Einreichung für den Oscar vorgeschlagen.

Schadt begleitet neben dem langjährigen Festivalmacher Kosslick in seinem Film auch einen Berlinalen-Stammgast, den Filmenthusiasten Georg Krömer, der sich seit 40 Jahren während der Berlinale in die Kartenschlangen stellt und Premieren anschaut.


Sendetermine von "Das Kino ist tot, es lebe das Kino"

ARTE: Mittwoch, 19.02.2020 um 23.55 Uhr

RBB: Sonntag, 23.02.20 um 23.20 Uhr

SWR: Donnerstag, 27.02.20 um 23.45 Uhr

(Koproduktion von RBB/ARTE, SWR und Ufa GmbH)



Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms sprach mit Thomas Schadt über seinen neuen Dokumentarfilm, seine Arbeit als Direktor der Filmakademie Baden-Württemberg und die aktuellen Medienumbrüche. Schadt ist optimistisch hinsichtlich der Zukunft des Dokumentarfilms und des Kinos. Beide sind noch lange nicht tot!


 

Kay Hoffmann: Zentral ist dein Film über Herrn Kosslick. Geht es dabei darum, ob du die letzte Festivalausgabe von Herrn Kosslick begleitest oder auch darum, die Epoche Kosslick, die zu Ende geht, zu porträtieren?

Thomas Schadt: Es ist kein Film über Dieter Kosslick. Wir haben einen Film über die Berlinale anhand der letzten Ausgabe von Dieter Kosslick gemacht. Zwar ist Dieter Kosslick der Hauptprotagonist, aber der Film heißt ja „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ und verweist schon im Titel, dass es darüber hinaus geht. Es geht auch um die aktuelle Fragestellung, wie es um die Zukunft des Kinos bestellt ist.

Der Film bewegt sich auf drei Ebenen. Einmal auf der Ebene Dieter Kosslick; Zweitens geht es um das Filmfestival in Berlin, denn es gibt ja auch Archivmaterial mit Verweisung auf die Geschichte des Festivals. Drittens geht es um eine Art Diskurs zu der Frage, was eigentlich aus dem Kino wird.

Beim Festival ist Dieter Kosslick sehr omnipräsent. Wie schwierig war es, ihm zu folgen?

Das ganze ist schon allein aufgrund der Tatsache schwierig, dass man für alles eine Drehgenehmigung braucht. Man kann nicht einfach mit einer Kamera auf dem roten Teppich filmen, da wird man schon 100 Meter vorher von der Security gestoppt. Das ist ja auch verständlich. Die größte Schwierigkeit war deshalb, ihm in allen Bereichen zu folgen, wo eine Drehgenehmigung erforderlich war. Jeder Versuch, mit ihm in einen abgesperrten Bereich zu gehen, war sehr viel Arbeit. Das sieht im Film nicht so aus, war aber die Hauptanstrengung.

Man hat auch viel ausprobiert. Wir sind mit ihm mitgelaufen und im Auto gefahren, aber es war auch davon abhängig, wie viel Raum es für ihn gab und ob überhaupt noch jemand dabei sein kann, der ihn beobachtet.

War das visuelle Konzept eine beobachtende Kamera im Stil des Direct Cinemas?

Genau. Der Ansatz war zu schauen, was man [an Material] bekommt. Es war von Anfang an schon geplant, ohne Kommentar zu arbeiten. Dazu braucht man aber situative Szenen, die für sich sprechen. Dadurch, dass der Dreh am Ende sehr löchrig war, weil man jeden Tag etwas filmen kann und etwas nicht, musste man in der Montage überlegen, wie man den Film führt. Daraus ist auch eine Kapitelstruktur entstanden. Es gibt auch einen zweiten Hauptprotagonisten, der für das langjährige Stammpublikum der Berlinale steht. Der rahmt den ganzen Film ein.

War das von vornherein geplant oder hat sich das während des Drehs ergeben?

Das hat sich aus der Auffassung ergeben, erstmal zu schauen, was los ist. Am Tag der Berlinale vor dem Ticketcounter haben wir ihn angesprochen. Er heißt Georg Krömer und geht seit 40 Jahren zur Berlinale. Für uns war das der idealtypische Berlinale-Gänger. Die Geschichte des Festivals erzählt auch, dass es ein Publikumsfestival ist, was auch eine große Rolle für die Identität des Festivals spielt. Das kann man mit ihm gut erzählen.

Dann war ihn zu treffen ein magischer Moment für den Dokumentarfilm?

Ja, ab und zu muss man auch mal ein bisschen Glück haben. Glück des Tüchtigen sozusagen.

 

Die Filmakademie ist mit drei Produktionen auf der Berlinale 2020 vertreten

Kay Hoffmann: In diesem Jahr gibt es auch wieder einige Produktionen von der Filmakademie auf der Berlinale, auch von Absolventen. Wie wichtig ist das für die Filmakademie, so eine Anerkennung zu bekommen, dass die Festivals auch Produktionen von ihr nehmen?

Thomas Schadt: Die Berlinale ist das wichtigste Filmfestival in Deutschland. Wenn wir dort Filme haben, ist das natürlich inhaltlich ein großer Erfolg, aber auch ein Marketingtool. Wir haben dieses Jahr drei Filme auf dem Festival, das muss eine Filmhochschule erstmal schaffen. Dieses Jahr ist erneut Burhan Qurbani mit „Berlin Alexanderplatz“ im Wettbewerb, der von unserem Absolventen Jochen Laube produziert wurde. Unsere Absolventin Barbara Ott eröffnet die Perspektive Deutsches Kino und Sandra Wolter ist mit ihrem Diplomfilm im Encounters Wettbewerb vertreten.

An dem Fall Qurbani sieht man auch, dass die Berlinale daran interessiert ist, entdeckte Talente weiterhin zu fördern.

Ich glaube auch, dass das ein Zeichen ist, dass die neue Leitung ein Auge darauf hat.

 

„Das Dokumentarfilmgenre ist vital wie eh und je“

Kay Hoffmann: Der Titel ist ja etwas provokativ, zumindest der erste Teil „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“. Wie siehst du die Zukunft des Films und auch des Dokumentarfilms?

Thomas Schadt: Davon zu reden, dass der Dokumentarfilm Existenzprobleme bekommt oder dass das Genre oder das Kino zu verschwinden droht, halte ich für Quatsch. Das Dokumentarfilmgenre ist so vital wie eh und je. Wenn die Filme nicht mit dem Geld der Sender entstehen, entstehen sie anders, denn es gibt viele neue Produktionsformen. „Lord of the Toys“ ist das beste Beispiel dafür. Dass es den Dokumentarfilm bald nicht mehr gibt, wurde schon vor 25 Jahren diskutiert und es hat nie stattgefunden. Das Genre ist das Ursprungsgenre des Films an sich und es wird sich immer wieder neu erfinden und verändern.

Für das Kino gilt meiner Meinung nach das Gleiche. Das Kino ist ein Versammlungsort und die Digitalisierung treibt die Leute immer wieder dazu, in einen Raum zu gehen, wo sie ein kollektives Publikumserlebnis haben. Solange diese Treffkultur bewahrt und vom Staat gefördert wird, muss man sich keinen Kopf machen. Das Kino wird uns definitiv erhalten bleiben, auch wenn es sich verändert.

 

Ein Umdenken in der Filmförderung ist wichtig

Kay Hoffmann: In Deutschland werden Filme als solche gut gefördert.

Thomas Schadt: Ja das stimmt, Deutschland verfügt über eine hohe Summe an Förderungen. Auch das deutsche Produktionsvolumen ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr hoch.

Es gibt ja hohe Förderungen, aber die Präsenz und der Erfolg des deutschen Films ist nicht entsprechend zu den Förderungen.

Das Problem in Deutschland ist, dass wir zu wenig Fokus auf die Stoffentwicklung legen. Es wird oft zu schnell produziert. Das ist für die Produzenten zwar wichtig, weil sie sonst nicht existieren könnten. Aber wenn die Stoffentwicklung anders aufgestellt wäre, damit ein Produzent auch davon allein leben kann und nicht nur von der Produktion, dann hätte man den Druck nicht, direkt produzieren zu müssen. Die Stoffentwicklung braucht Zeit und Geld und da stimmt bei uns meiner Meinung nach das Verhältnis nicht. Da wünsche ich mir ein Umdenken.

Was auch schlecht gefördert wird, ist das Marketing der Filme.

Ich bin der Meinung, das müsste zusammen gehören. In Amerika zum Beispiel wird in der Stoffentwicklung das Marketing gleich mitgedacht. Da haben sie Teams mit Produzenten, Autoren und Journalisten, die das Ganze als Paket denken. Das halte ich für einen zielführenden Ansatz.

Haben Streaming-Plattformen eine andere Herangehensweise an Produktionen?

Streaming-Plattformen sind noch im Aufbau, die kann man mit den Sendern nicht vergleichen. Der große Unterschied ist, dass Streamingdienste kein Redaktionswesen haben. Sie vergeben Aufträge, wo auch immer ein Risiko entsteht. Da gibt es zwar zum einen viele gute Filme wie „Roma“ oder „The Irishman“, aber auch viel, was man nicht sehen will. Aber sie haben das Kino dorthin gebracht, wo es kein Kino gibt. Das ist der Auslöser des Geschäftsmodells.

Spielen bei Netflix auch Dokumentarfilme eine Rolle?

Ja, es gibt viele interessante Dokumentarfilme. Diese unterliegen zwar internationalen Erzähldramaturgien, die eher fiktionalisiert sind. Eine Art „Direct Cinema“ kommt dort so nicht vor. Aber man hört auch von Sendern, dass der beobachtende Dokumentarfilm nicht mehr so gefragt ist. Der Dokumentarfilm an sich hat aber bei den Streamingdiensten seinen Platz.

Vielen Dank für das Interview!

Tags: doknews, Berlinale 2020

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