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70. Berlinale. Hillary Clinton mit Bio-Pic »Hillary«

Vor dem Haus der Berliner Festspiele lange Warteschlangen, hohes Polizeiaufgebot und eine kleine Gruppe Demonstrierender, die Zuschauer der Doku-Serie »Hillary« auf die Korruptheit dieser Person hinweisen. Keine US-Politikerin polarisiert wie sie. Bewundert und verachtet gleichermaßen. 

Was dann folgt sind vier Stunden bester, spannender Doku-Serie. Schon der Trailer ist ein Hingucker. Schnell geschnitten zum Hit »Take Back The Power« der L.A. Ska-Punk Band »The Interrupters«. Hillary Fotos vom Kleinkind bis zur erwachsenen Frau, von der Frauenrechtlerin am Wellesley Frauencollege bis zur Senatorin, First Lady und Außenministerin. Im Zentrum des Schnitts ihre Augen. Sie sehen die Zuschauer unentwegt an, bewegen sich nicht. 

Nanette Burstein – Serienerfahren

Die Doku-Serie feierte ihre Prämiere auf dem Sundance Filmfestival Anfang des Jahres, auf dem die Filmemacherin Nanette Burstein keine Unbekannte ist. Bereits als Filmstudentin an der renommierten Tisch School of the Arts in New York City konnte sie mit dem Dokumentarfilm »On the Ropes« im Jahr 1999 eine Premiere bei Sundance feiern.  Der Film über drei junge Boxer gewann zahlreiche Preise und wurde bei der Oscarverleihung 2000 in der Kategorie »Bester Dokumentarfilm« nominiert. Burstein produzierte und führte bei einigen TV-Serien Regie. Dass sie Serienerfahrung hat, merkt man »Hillary« an.

In dem Bio-Pic sprach die Regisseurin sieben Tage lang mit Hillary Clinton über ihr bewegtes Leben, vorgesehen waren drei Drehtage. Aus einer geplanten Doku über Clintons Wahlkampagne im Jahr 2016 entwickelte sich eine Geschichte über ihr Leben. Hillary Clinton, die  nicht für Interviews über ihr Privatleben bekannt ist, gibt Einblick in ihre Kindheit in Illinois, ihre Entwicklung zu einer Sprecherin der Frauenrechtsbewegung in den 1970/80er Jahren, ihre Heirat mit Bill Clinton und sie spricht auch über ihre Zweifel an dieser Ehe nach der Affäre ihres Mannes mit Monica Lewinsky im Jahr 1998.

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Hillary Clinton – Höhen und Tiefen eines bewegten Lebens

Gleich am Anfang des Films sagt die ehemalige First Lady »Sie war weder so gut noch so schlecht, wie manche behaupten«, sei eigentlich eine gute Grabsteininschrift für sie. Genau darin geht es in der Serie. Die echte Hillary hinter der öffentlichen Person zu zeigen. Szenen aus der Präsidentschaftskampagne 2016 werden verwoben mit biographischem Material und ihren exklusiven Interviews. Zu Wort kommen auch ihr Mann, ihre Tochter Chelsea, sowie Freunde, Kampagnenberater und Journalisten, die sie über Jahre begleiteten. Zu sehen sind auch viele Privataufnahmen, Wahlkampfauftritte, frühe Reden der jungen Hillary.

Was sie wirklich über ihren damaligen Rivalen Bernie Sanders denkt, verrät sie in einem kleinen Statement während der Wahlkampftour. Der jetzige Präsident lässt sie nach Wahlkampfauftritten oft sprachlos zurück. Doch ihre diplomatische Haltung und ihre langjährige politische Erfahrung sind Qualitäten, die Hillary Clinton zu einer würdevollen Präsidentin gemacht hätten. Dass es dazu, vor allem aufgrund jahrzehntelang wiederholter, größtenteils erfundener Geschichten über sie, nicht gekommen ist, zeigt der Film auch.

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Ms. Rodham geht neue Wege

Hillary verstößt gegen ungeschriebene Gesetze, wie sich Frauen zu benehmen haben. Nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu auffällig, aber auch nicht mäuschengrau, nicht zu intelligent, lieber naiv, aber vor allem: Nicht in Machtpositionen, nicht redegewandt und selbstbewusst.

Als sie Bill Clinton heiratete, behielt sie ihren Mädchennamen Hillary Rodham. Mit dem Beginn der politischen Karriere ihres Mannes war das ein Stein des Anstoßes. Immer wieder wurde die Frage nach ihrem Nachnamen in Interviews aufgegriffen. Bis sie ihn änderte, um, wie sie sagte, nicht von wichtigen Themen abzulenken. Die Regisseurin zeigt zu der Aussage ein Briefkuvert mit der Aufschrift »To Mrs Bill Clinton«.

Vorverurteilt, weil weiblich

Sie sei sich immer bewusst gewesen, dass sie polarisiere, sagte Hillary Clinton im anschließenden Filmgespräch. »Akzeptiert wurde ich vor allem, wenn ich für andere im Dienst war.« Etwa als First Lady oder als Außenministerin während der Präsidentschaft von Barak Obama. Als sie jedoch selbständig politisch aktiv geworden sei, als Senatorin oder Präsidentschaftskandidatin, sei sie immer wieder mit Stereotypen angefeindet worden.

Zu berechnend, kaltherzig, hinterhältig, eine Hexe, die auf ihrem Besen verschwinden solle, so die Aufschrift auf einem Demonstrationsplakat im filmischen Archivmaterial. Nur Politikerinnen gegenüber lebt sich die Öffentlichkeit dermaßen vernichtend aus. Sie werden nicht nur auf der fachlichen, sondern auch auf der persönlichen Ebene klein gemacht. Es sei an der Zeit, solche, vor allem gegen Frauen gerichteten Anfeindungen anzugehen. Und junge Frauen ermutigte sie, ihren Interessen zu folgen und an sich und ihr Können zu glauben.

252 Minuten über »Hillary«

252 Minuten in vier Teilen wurden gestern im Haus der Berliner Festspiele in der Sektion „Berlinale Special“ gezeigt. Die hiesigen TV-Rechte hat sich der Abo-Sender Sky gesichert. In den USA wird die Serie von dem Streamingportal Hulu angeboten. »Hillary« zeigt eine vielschichtige Persönlichkeit mit einem wunderbaren Humor.


(Astrid Beyer)

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Tags: doknews, Berlinale 2020

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