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Erster bundesweiter Dokumentarfilmtag der AG DOK – so war LETsDOK

Am 19. September, exakt dem Gründungstag der AG DOK auf der Duisburger Filmwoche 1980, fand in Deutschland erstmals ein Dokumentarfilmtag statt: LETs DOK. Die Resonanz war unterschiedlich; vor allem in Berlin war es schwierig Besucher zu mobilisieren.

Lets Dok Stuttgart Team Bildungsgang 1 Foto Kay Hoffmann IMG 5226 web

AG DOK Südwest in Stuttgart

In Stuttgart hatte die AG DOK Südwest im Atelier am Bollwerk ein anregendes Programm rund um das Thema Bildung organisiert, das unter Corona-Bedingungen ganz gut besucht war. Dabei behandelten nicht nur die drei Filme das Thema Schule – sie waren auch alle mit der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg verbunden. Diese hat eine eigene, sehr erfolgreiche Dokumentarfilmklasse, die immer wieder Preise auf Festivals gewinnt.

„Bildungsgang“: Plädoyer für eine Reform des Systems

Das Programm startete mit dem Film „Bildungsgang“ von Simon Marian Hoffmann als „work in progress“. Es geht um eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die das Bildungssystem reformieren will, das innerhalb von 15 Jahren (2000 bis 2015) eine Million Schulabbrecher produziert hat. Sie gehören zur Gruppe „demokratische Stimme der Jugend“‚ die der Film porträtiert und die nach Alternativen sucht. 

Gruppenbild der AG DOK Südwest sowie Gästen des Aktionstages LetsDOKIn der von Sabine Willmann moderierten und sehr engagierten Diskussion wurde klar, dass die Schule oft keineswegs für das Leben ausbildet, sondern sich insbesondere auf dem Gymnasium auf abfragbares Faktenwissen konzentriert. Wer damit Probleme hat, wird schnell aussortiert. Malin Trepel, eine Protagonistin aus dem Film, lieferte ein mitreißendes Plädoyer dafür, das System zu reformieren. Dem stimmte das Publikum mit Blick auf eigene Schulerfahrungen vorbehaltlos zu. Inzwischen gibt es auch eine Studentengruppe, die sich für ein selbstbestimmtes Studium einsetzt. Davon berichtete Charlotte von Bonin, und teilte mit, dass die PH Weingarten als Partner für das Projekt gewonnen werden konnte.

Der Film „Bildungsgang“ beeindruckt durch seine Dynamik, die durch die visuelle Umsetzung und den Einsatz der Musik hervorgerufen wird. Der Editor Johannes Krug studiert an der Filmakademie Regie Dokumentarfilm und schneidet diesen Film als freies Projekt. Er berichtete, dass der Regisseur eine eigene Band hat, deren Musik man sehr gut verwenden konnte. Gezeigt wurde ungefähr die Hälfte des Films; die Filmemacher planen gerade die weitere Nachbearbeitung.

„Schrei nach Veränderung“: Druck erzeugt Gegendruck

2004 hatten Thomas Schadt, inzwischen Direktor der Filmakademie, und Knut Beulich, damaliger Studienkoordinator Dokumentarfilm, den TV-Film „Amok in der Schule“ über den Amoklauf des Robert Steinhäuser an einem Erfurter Gymnasium realisiert (der Wunschtitel der Regisseure war „Schrei nach Veränderung“). Es geht darin um eine Bestandsaufnahme und die Frage, warum Steinhäuser 16 Menschen und sich selbst erschossen hat. Konsequent wird auf Bilder des Amoklaufs verzichtet. Vielmehr stehen Interviews mit Zeitzeugen und Hinterbliebenen im Mittelpunkt. Knut Beulich konnte sogar die Eltern des Täters für ein Interview gewinnen – allerdings unter der Bedingung, dass sie nicht zu sehen sein würden und ihre Aussagen von Schauspielern nachgesprochen werden würden.

Bild: Aufsatz in Vergrößerung des Amokläufers aus Erfurt

Deutlich wird, dass Robert Steinhäuser am Druck der Schule gescheitert ist und sich schließlich nicht mehr zu helfen wusste. In Folge gründet sich eine Schülerinitiative, die sich „Schrei nach Veränderung“ nennt, sich aber letztlich mit ihren Reformideen nicht durchsetzen konnte. Eine Forderung von ihnen lautet, dass insbesondere der Leistungsbegriff hinterfragt werden müsse, der das Bildungssystem beherrsche und der dafür verantwortlich sei, dass unablässig Verlierer produziert würden.

Eindrücklich ist am Anfang und Ende des Films ein Aufsatz von Steinhäuser über seine Perspektiven, die er sehr offen diskutiert. Er kassierte dafür in der Schule die Note 4-. Gesprochen wird der Text im Film von Herbert Grönemeyer.

„Sommerkrieg“ über den Drill zum Patriotismus

Zum Abschluss lief „Sommerkrieg“ von Moritz Schulz, eine Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg, über ein paramilitärisches Ausbildungscamp in der Ukraine. Zu sehen ist ein Beispiel dafür, wie Staaten ihre Jugend ganz bewusst mit nationalistischen Ideen indoktrinieren wollen. Im Mittelpunkt stehen die beiden zwölfjährigen Kinder Jasmin und Jastrip, die im Camp lernen, ihr Land zu ehren und zu verteidigen. Sie sollen Patrioten werden. Für die Diskussion im Anschluss kam die Drehbuchautorin Tetiana Trofusha, die in der Ukraine geboren wurde und an der Filmakademie Drehbuch studiert, ins Atelier am Bollwerk.

LETsDOK in Stuttgart: geglückte Premiere

Insgesamt war der Dokumentarfilmtag LETsDOK in Stuttgart eine sehr gelungene Veranstaltung, bei der sich die Filme gut ergänzten und für engagierte Diskussionen sorgten. Dies zu erreichen ist eine besondere Qualität des Dokumentarfilms. Die Pausen zwischen den Filmen hätten allerdings länger sein können, um den Austausch zwischen den Besucher*innen bei Brezel und Freigetränkt noch zu intensivieren.

(Kay Hoffmann)

Tags: doknews

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