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So war die DOK Premiere des Schlingensief-Dokumentarfilms

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Wegen Corona musste auch die sehr erfolgreiche Filmreihe DOK Premiere pausieren, die das Haus des Dokumentarfilms seit zehn Jahren zusammen mit Kinokult e.V. im Ludwigsburger Caligari Kino organisiert. Möglich war nun der Start unter Corona-Bedingungen.

Bild von der DOK Premiere mit Bettina Böhler in Ludwigsburg 

Zum Hygienekonzept gehört derzeit unter anderem, dass im Kino zwischen einzelnen Besuchergruppen großer Abstand gehalten werden muss und die Alltagsmaske nur am Platz abgelegt werden darf. Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Christoph Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ wurde am 23. September 2020 zudem in zwei Vorstellungen (16:30 Uhr und 20 Uhr) gezeigt.

Sicherer Kinobesuch

„Das Vertrauen in das Kino als halbwegs sicheren Ort muss sich erst herumsprechen. Wir hoffen, dass wir mit den DOK Premieren dazu beitragen können, die ab Oktober zusätzlich zu Ludwigsburg auch im Stuttgarter Delphi Kino stattfinden werden“, betont Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms, der die Filmreihe in Ludwigsburg kuratiert. „Es hat mich jedenfalls sehr gefreut, dass die Regisseurin Bettina Böhler zu zwei Filmgesprächen bereit war und beide Vorstellungen nahezu ausverkauft waren.“

Schlingensief: Erinnerungen an einen Provokateur

Christoph Schlingensief hat zwei Jahrzehnte den kulturellen und politischen Diskurs in Deutschland mitgeprägt – ob im Film, im Theater oder durch seine Aktionen. Er war immer ein Provokateur, der der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wollte. Vor zehn Jahren starb er mit nur 49 Jahren an Krebs. An ihn und sein Schaffen zu erinnern, war eine Motivation für den Film. „Christoph Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist das erste umfassende Filmporträt des Enfant Terribles, produziert von der Filmgalerie 451, die den Cineasten der Region mit ihrer gleichnamigen Videothek in Stuttgart noch in guter Erinnerung sein dürfte. Frieder Schlaich und Irene von Alberti haben immer wieder mit Schlingensief zusammengearbeitet und ein Archiv zu seiner Person aufgebaut.

Bettina Böhler gilt als Meisterin der Montage

Für Bettina Böhler ist es nach „Auf der Suche nach Ingmar Bergmann“, den sie zusammen mit Margarete von Trotta realisierte, erst ihr zweiter Film als Regisseurin. Mit mehr als 80 Filmen ist sie jedoch eine der wichtigsten und anerkanntesten Editorinnen in Deutschland. Sie wurde in Freiburg geboren und begann ihre Filmlaufbahn mit 18 Jahren als Schnittassistentin. Ihre Zusammenarbeit mit Christian Petzold und der Berliner Schule, mit dem sie seit 1996 zusammenarbeitet, ist besonders intensiv. Die Montage des hochgelobten Familien- und Gesellschaftsdramas „Die innere Sicherheit“ (2000) brachte Böhler den Preis der deutschen Filmkritik und den Schnitt-Preis beim Kinofest Lünen ein. Für „Barbara“ von Petzold und für „Wild“ von Nicolette Krebitz war sie für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Beste Montage“ nominiert.

Für „Christoph Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ wurde sie gerade in Leipzig mit dem Gilde Filmpreis in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet. Weitere Regisseurinnen und Regisseure, für die sie viele Filme montiert hat, sind beispielsweise Michael Klier, Angela Schanelec, Henner Winckler, Oskar Roehler oder ihre Lebenspartnerin Angelina Maccarone.

Böhler arbeitete in der Vergangenheit mit Schlingensief zusammen

In den 1990er Jahren war Bettina Böhler für die Montage der beiden Schlingensief-Filme „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ (1992) und „120 Tage von Bottrop – Der letzte neue deutsche Film“ (1997) verantwortlich. Ihr Ziel war es, ihn als Freund und Künstler in Erinnerung zu behalten, den sie als liebenswerten Menschen und Humanisten kennen lernte. Bei ihrer Arbeit an „Christoph Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ sah sie sich mit einer Fülle an Material in unterschiedlichster Qualität konfrontiert. Darunter finden sich neben seinen Filmen, den Dokumentationen seiner Theaterinszenierungen und Aktionen vor allem Interviews und Fernsehauftritte sowie zahlreiche Super 8 Aufnahmen des Vaters, die den heranwachsenden Christoph zeigen.

Auseinandersetzung mit Deutschland

Nach der Sichtung ging es daher zunächst darum, thematische Schneisen zu schlagen. Im Fokus steht das Verhältnis von Christoph Schlingensief zu Deutschland und zur Geschichte des Landes. Auf Interviews mit der Familie oder Wegbegleitern verzichtete Böhler ebenso bewusst wie auf die ausführliche Begleitung seiner letzten Tage und seines letzten großen Projekts, dem Operndorf in Afrika. „Irgendwann muss man sich auch einmal entscheiden“, wie sie es lachend im Filmgespräch mit Kay Hoffmann auf den Punkt bringt. Wer sich für dafür interessiere, dem sei der Dokumentarfilm „Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf“ ans Herz gelegt, so die Filmemacherin.

Böhler indes konzentrierte sich vielmehr darauf, Schlingensiefs Wirken und Schaffen durch seine eigenen Worte chronologisch erzählen zu lassen. Die Privataufnahmen des Vaters sind als roter Faden und Gegensatz über den gesamten Film eingestreut. So gelingt es ihr, dem Publikum das Phänomen Schlingensief und seine Entwicklung nahe zu bringen.

Im Spannungsfeld zwischen bürgerliche Erwartungen und Provokation

Im Film wird Schlingensiefs Zerrissenheit deutlich: auf der einen Seite die Erwartungen der bürgerlichen Familie, auf der anderen die provokativen Brechungen in seinen Arbeiten. Beispielsweise besuchte er seine geliebten Eltern regelmäßig alle zwei Wochen, während er gleichzeitig auf Distanz zum spießbürgerlichen Dasein ging. Am Anfang definierte er sich trotzdem als Sohn des Apothekers aus Oberhausen. Auch die Folgen der katholischen Erziehung waren in vielen seiner Arbeiten zu finden – Schlingensief spielte oft mit christlichen Symbolen. 

Bild der Flyerauslage im Caligari Kino Ludwigsburg

Zudem suchte er immer die Anerkennung und war enttäuscht, dass viele seine Arbeiten nicht zu würdigen wussten oder schlicht nicht verstanden haben. Als die Hochkultur ihm Aufträge gab wie den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu gestalten oder eine „Parzifal“-Inszenierung in Bayreuth auf die Beine zu stellen, fürchtete er, sich selbst zu verkaufen. Kommerziell am erfolgreichsten war sein Buch über seine Krebserkrankung, in dem er offen über seine Ängste sprach.

Ein politischer Visionär

Insgesamt hat Bettina Böhler ein Jahr an der Montage für diesen Film gearbeitet, wie sie erzählt. Nach der Sichtung und einem ersten Rohschnitt von drei Stunden Länge war sie Editorin des Films „Undine“ für Christian Petzold und machte sich danach – mit etwas Distanz – an den Feinschnitt. Bis heute beeindrucke sie, wie politisch visionäre Schlingensief in seinen Arbeiten war, ob er nun den latenten Rechtradikalismus in der deutschen Gesellschaft thematisierte, das gestörte Verhältnis von West- und Ostdeutschen oder die Flüchtlingsfrage. Das alles beschäftigte ihn schon in den 1990er Jahren; mittlerweile haben diese Themen noch mehr an Brisanz gewonnen. Mit ihrem beeindruckenden Dokumentarfilm „In das Schweigen hineinschreien“ gelingt es Bettina Böhler Schlingensief noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Bildergalerie: Impressionen der DOK Premiere im Sept. 2020

Günther Ahner und Elisa Reznicek haben die DOK Premiere von Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Christoph Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ für das Haus des Dokumentarfilms fotografisch festgehalten. Viel Spaß mit den Bildern aus dem Caligari Kino Ludwigsburg. 

Ausblick: DOK Premieren im Herbst in Ludwigsburg und Stuttgart

Ab Oktober 2020 veranstaltet das Haus des Dokumentarfilms die DOK Premiere auch in Stuttgart im Delphi; die Moderation übernimmt hier Goggo Gensch. In Ludwigsburg werden im Oktober sogar zwei DOK Premieren gezeigt. Konkret sind folgende Filme geplant:

Alle drei Dokumentarfilme sind von Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg gestaltet, was die Qualität ihrer Dokumentarfilm-Klasse unterstreicht. 

(red)

 
 
 
 

Tags: DOKPremiere

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