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LFS 000743 Goeppinger Wochenschauen still01 c LFSBW web70 Jahre Baden-Württemberg

Archivfilme zur Nachkriegszeit

Zum 70. Jubiläum des Bundeslandes 2022 hat Anita Bindner vom Haus des Dokumentarfilms eine Archivfilm-Reihe zusammengestellt, die den Alltag im Südwesten zwischen Kriegsende und 1952, dem Gründungsjahr des Südweststaats, dokumentiert.

Die Filme erscheinen ab April 2021 monatlich auf der Webseite der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg; der letzte zum 25. April 2022, wenn Baden-Württemberg das 70. Landesjubiläum zur Gründung des Südweststaats feiert. In diesem wurden die durch die Alliierten dreigeteilten Länder Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden nach Jahren heftiger Verhandlungen zusammengeführt. Annika Weißhaar, Online-Redakteurin im Haus des Dokumentarfilms, hat Anita Bindner zu dem Web-Projekt befragt.

 

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Einmarsch der Amerikaner in Nordbaden im April 1945.

Privatfilm als landesgeschichtliche Quelle

Die zwölf Filme enthalten vor allem Amateur- bzw. Privataufnahmen. Fast sämtliche Bilder kommen aus dem Bestand der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg, nur wenige aus anderen Archiven, wie etwa dem Bundesarchiv.

Acht Filme der Archivfilm-Reihe führen chronologisch durch die Jahre 1945-1952. Unmittelbar nach dem Krieg ist die Wohnungsnot in den kriegszerstörten Städten groß. Dazu stellen Flüchtlingsströme und Heimatvertriebene den Südwesten vor Herausforderungen. Lebensmittelrationalisierung und Brennstoffmangel prägen den Hungerwinter 1946/47.

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Pforzheim, kriegszerstört, nach dem Luftangriff 1945.
Im Film "Heimat ist Arbeit": das Lager Schwertmühle in Esslingen 1949.


Vier weitere Filme thematisieren mit „Sport und Spiel“, „Feste feiern“, „Reiselust“ und „Kinofieber“ die „schönen Seiten des Alltags, die Rückkehr von Normalität – bis hin zum Stolz der Deutschen auf das beginnende Wirtschaftswunder“, so Bindner. „Die Bilder dokumentieren das Leben in Dorf und Stadt, in der Familie, der Landwirtschaft und in der Fabrik. Aus historisch wissenschaftlicher Perspektive stellen Privatfilme einzigartige geschichtliche Quellen dar“, betont Anita Bindner. „Denn hauptsächlich sind Szenerien zu entdecken, die vor dem Fernsehzeitalter liegen.“

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Aufstreben ins Wirtschaftswunder: Automobilfabrikation bei Daimler-Benz in Sindelfingen 1949.

Archivfilm-Reihe: Lebensgefühl von damals wird lebendig

Für die Arbeit an der Reihe standen „nicht die großen Ereignisse der Politik im Mittelpunkt, sondern der Zeitgeist und die Herausforderung, dass in den Aufnahmen das Lebensgefühl der Menschen erzählt wird“, beschreibt Anita Bindner. Städte mussten zu Kriegsende erst wiederaufgebaut werden, viele Menschen lebten in Trümmern. Aufnahmen aus Heilbronn und Pforzheim 1945 machen das im ersten Film „Kriegsende und Neubeginn“ deutlich.

Das vom zweiten Weltkrieg zerstörte und zerbombte Heilbronn im Jahr 1945.

„Um persönliche Momente festzuhalten, muss man ab und an auch unscharfe Bilder in Kauf nehmen. Beim Privatfilm besteht im Vergleich zu Wochenschaubeiträgen ein großes Spektrum hinsichtlich Materialeinsatz, Talent und Umsetzung. Hier gilt es, auch einmal technische Mängel zu akzeptieren.“

Vertonung für emotionalen Zugang

Ein wichtiger Aspekt bei der Bearbeitung von historischem Bewegtbild sei die Vertonung, „denn die Aufnahmen auf Normal 8 und 16 mm Film sind stumm“, sagt Anita Bindner. „Um diesen stummen Bildern Leben einzuhauchen, haben wir im Schnitt möglichst realistische Geräusche angelegt und mit Musik kombiniert. Wir haben Armin Büchele als Komponisten hinzugezogen, der mit der Vertonung historischer Filmbilder sehr erfahren ist. Das macht sehr viel aus, vor allem für den emotionalen Zugang.“

Wiederaufbau: Arbeiter stellen 1946 das Baugerüst an der Straßenbrücke bei Besigheim auf.

Besonderes Fundstück aus der Landesfilmsammlung BW

Eine Neuentdeckung unter den ihr sehr vertrauten Materialien der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg war ein Bestand von Urlaubsfilmen, der von einer offenbar recht wohlhabenden Familie stammt. „Die Filmrollen wurden in der Landesfilmsammlung erst im Jahr 2020 archiviert und boten sich für das Projekt deshalb an, weil es sich um exzellente Farbaufnahmen handelt“, sagt Anita Bindner. Die Entdeckung von neuem Material und neuen Zugängen ist also auch nach vielen Jahren in der Landesfilmsammlung nie ausgeschlossen.

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Lydia Horn im Film „Heimat ist Arbeit“ (1949) über Heimatvertriebene im Nachkriegsdeutschland.


Filmische Überlieferung der Nachkriegjahre

Insgesamt zeigt sich Anita Bindner begeistert über die Vielfalt an Themen, die die Arbeit mit Privatfilm immer wieder hervorbringt – insbesondere aufgrund der beschränkten Möglichkeiten in der unmittelbaren Nachkriegszeit: „Wenn man sich vor Augen hält, welche Existenzsorgen die Menschen hatten, kann man mit der filmischen Überlieferung eigentlich sehr zufrieden sein.“

 

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Kinderfest in Reutlingen 1951. Ausschnitt aus Knorr-Werbefilm.

 

Anita Bindner begleitete schon vier Landesjubiläen

Bereits 1992 erarbeitete Anita Bindner als Volontärin beim Süddeutschen Rundfunk zwei Kataloge zum 40. Landesjubiläum. 2002 folgte zum Fünfzigsten zusammen mit Autor Fritz Schindler der 90-minütige Kompilationsfilm „O Heimatland – Filmschätze aus 100 Jahren Baden und Württemberg“. Zum Sechzigsten entstand mit Wilhelm Reschl die Dokumentation „Bewegte Heimat – Baden und Württemberg im Film“ als Ausstrahlung im SWR-Fernsehen. Dazu Anita Bindner: „In ‚Bewegte Heimat‘ konnten wir eine Reise durch das Land, die Zeit und den Film von 1896 bis 2012 unternehmen. 1896 gab es die ersten Filmaufnahmen aus Stuttgart. Und nun, zum Siebzigsten, gibt es die Nachkriegszeit online und kurz, in zwölf Videoclips.“

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Walter Schultheiß als Student Fritz Eder in "Heimat ist Arbeit".

Nachdem die einzelnen Episoden jeden Monat bis April 2022 auf landesfilmsammlung-bw.de präsentiert werden, wird die gesamte Reihe ab April 2022 noch für ein Jahr lang online zur Verfügung stehen.

 

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Das Staufen Theater Göppingen, gut besucht durch Publikum 1950. Liselotte Pulver u. O.W. Fischer in "Heidelberger Romanze" 1951.

 

Die Episoden im Einzelnen

  • April 2021 | „1945 – Kriegsende und Neubeginn“
  • Mai 2021 | „1946 – Hunger und Hoffnung“
  • Juni 2021 | „1947 – Besatzer und Besiegte“
  • Juli 2021 | „1948 – Auf dem Weg zu neuem Leben“
  • August 2021 | „Reiselust“
  • September 2021 | „1949 – Alteingesessene und Neubürger“
  • Oktober 2021 | „Sport und Spiel“
  • November 2021 | „1950 Neubau-Boom“
  • Dezember 2021 | „Kinofieber“
  • Januar 2022 | „1951 – Wohlstand für Alle“
  • Februar 2022 | „Feste feiern“
  • März 2022 | „1952 – Gründung des Südweststaats“

 

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DOKhausinfo vom
Haus des Dokumentarfilms

 

 (Annika Weißhaar)  
 
 
 
 

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Landesfilmsammlung Baden-Württemberg 
– in Deutschland einzigartig

Jörg Müllner über Amateurfilm als Quelle

Anlässlich der TV-Dokumentation „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“ (ZDF) haben wir mit dem Produzenten und Autor Jörg Müllner (History Media GmbH) über seine Zusammenarbeit mit der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg gesprochen. Aus welchen Gründen er für Geschichts-Dokus regelmäßig auf Privatfilm-Bestände unseres Archivs zurückgreift, lesen Sie im Interview.

Annika Weißhaar: Ihre Doku „Wir bauen auf! Privatfilme aus der Nachkriegszeit“ verwendet wie schon „Wir im Krieg“ oder „Geschichte des Karnevals“ Privatfilmaufnahmen auch aus der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg. Warum ist dieses Material für Sie so interessant?

Lange Zeit wurde Zeitgeschichte mit überwiegend offiziellen Filmmaterialien erzählt, z. B. mit Material aus den Wochenschauen oder den regierungsamtlichen Publikationen. Dabei geben gerade private Filmaufnahmen viele Hinweise darauf, wie die Menschen damals die Zeit selbst erlebt haben. Deshalb ist die Landesfilmsammlung in Stuttgart ein so wichtiger und kompetenter Ansprechpartner für mich.


Annika Weißhaar: Welche Rolle spielt die Landesfilmsammlung für Sie bei der Recherche?

Uns ist es sehr wichtig bei den Recherchen direkt an die Quellen zu gehen, also zu Familien oder Sammlern, die interessanten Filme haben, oder zu Zeitzeugen, die selbst gefilmt haben und darüber berichten können. Es gibt zwei Punkte, warum wir bei der Recherche immer wieder und gerne nach Stuttgart kommen – zunächst ist es die Auswahl der Filme, die gut erfasst sind und in einer sehr guten Qualität vorliegen. Die Digitalisate sind oft in 2k oder werden zügig gemacht, wenn Interesse besteht. Im Laufe der Zeit hat sich in Stuttgart ein großer Schatz angesammelt.

Was ich hier außerdem sehr schätze, ist die inhaltliche Expertise von erfahrenen Archivaren wie Dr. Reiner Ziegler oder Anna Leippe. Wenn man eine Frage zu den Filmen hat, wird kompetent weitergeholfen. Dadurch, dass Herr Ziegler den Bestand über so lange Jahre selbst aufgebaut hat, kann er über viele Filme und ihre Entstehungsgeschichte konkret Auskunft geben. Die Arbeit ist auch einfacher, wenn man weiß, dass Quellen mit Einverständnis der Familien vorliegen. So lassen sie sich in Zusammenarbeit mit der Landesfilmsammlung schnell erschließen und mit Hilfe der Familien historisch einordnen.

Annika Weißhaar: Welcher Moment der Recherche für „Wir bauen auf!“ ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Überraschend war die Sichtung der originalen Filmrollen aus dem Bestand der Familie Hornung mit fantastischen 16mm-Filmen, die frühesten aus den 30er Jahren. Eine dieser Rollen zeigt einen Ausflug 1951 auf den Obersalzberg – ein Jahr bevor Hitlers Berghof gesprengt wurde. Wir sehen, wie das Ehepaar Hornung die Ruinen des weitläufigen Areals erkundet, die einstigen Wohnräume Hitlers, die Terrasse mit Blick auf die Berge. Sie wirken wie zwei Touristen, die nichts mit der Geschichte dieses wichtigen Erinnerungsortes zu tun haben. Dabei waren zum Zeitpunkt der Aufnahmen erst sechs Jahre seit Kriegsende vergangen. Im Film scheint all das sehr fern zu sein. Solche Dokumente helfen dabei, besser zu verstehen, wie Deutsche nach 1945 mit ihrer jüngsten Vergangenheit umgegangen sind. Viele wollten einen Schlussstrich ziehen. Aber diese Vergangenheit will eben nicht so schnell vergehen.

 

 

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Bild: Arbeit mit einer alten Filmrolle in der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg (Foto: HDF)

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